Stand: 07.05.2020 16:58 Uhr  - Hamburg Journal

Der "weiße Tod" im Hungerwinter 1946/47

Nicht nur an Essen mangelt es in den Nachkriegswintern, auch an Wohnraum: Wer überhaupt an eine Mahlzeit kommt, muss sie oft unter widrigsten Umständen zu sich nehmen

Rund 55 Millionen Tote: Das ist die Schreckensbilanz von zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktaktur und des von Deutschland ausgehenden Angriffskrieges, des Zweiten Weltkriegs. Allein die Sowjetunion hat für ihren Anteil am Sieg über das nationalsozialistische Deutschland mit dem Tod von 27 Millionen Menschen bezahlt.

Am Ende des Jahres 1946, des ersten vollen Friedensjahres, ist in vielen kriegszerstörten europäischen Ländern kein Aufschwung in Sicht. Der Wiederaufbau verläuft äußerst schleppend. Ein trockener heißer Sommer hat dafür gesorgt, dass die Ernteerträge vielerorts selbst hinter den bescheidenen Erwartungen zurückgeblieben sind.

Kältester Winter des 20. Jahrhunderts

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Jedes Feuer bringt ein wenig Erleichterung: Trümmerfrauen wärmen sich am Feuer die von der Arbeit starren Hände.

Eine unerwartete Entwicklung macht die Lage noch schlimmer: Zwischen November 1946 und März 1947 müssen die Menschen den kältesten Winter des 20. Jahrhunderts durchleben. Schon im November sinken die Temperaturen unter Null. Anfang Dezember beginnt eine zweite Frostwelle und auch im Januar werden neue Minusrekorde gemessen. Die Kälte ist nicht nur grimmiger als gewöhnlich, sie dauert auch quälend lange an.

Als "weißen Tod" und "schwarzen Hunger" bezeichnen die Menschen damals ihr Elend. Nicht nur Deutschland ist betroffen, die Lage der Bevölkerung in ganz Europa ist dramatisch. Am härtesten trifft es die Sowjetunion. Schätzungen von Historikern zufolge kosten die Hungerjahre hier zwischen 1946 und 1948 noch einmal rund zwei Millionen Menschen das Leben.

Hungerwinter mit Hunderttausenden Toten in Deutschland

In Deutschland kämpfen vor allem die Bewohner der zerbombten Städte mit dem Hunger. Die Anzahl derer, die im Verlauf der Kälteperiode an den Folgen von Frost und Mangel sterben, ist nur annähernd schätzbar. Mehrere Hunderttausend Tote sind es, so die Hochrechnungen von Historikern.

Großstädter leiden besonders

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Stundenlang stehen die Menschen etwa 1946 in Hamburg Schlange, um an zugeteilte Lebensmittel zu gelangen.

In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln trifft die Kälte eine bereits stark ausgezehrte und geschwächte Bevölkerung. In Köln etwa können die Menschen sich im Verlauf des Jahres 1946 schon glücklich schätzen, wenn ihre täglichen Rationen mehr als 1.000 Kalorien ergeben. 800 Kalorien und weniger sind keineswegs selten. Die Zuteilungsperioden der Lebensmittelmarken werden zum alles bestimmenden Zeitmaß. Das tägliche Leben ist geprägt von der Anstrengung, das Allernötigste heranzuschaffen. Das heißt: stundenlanges Anstehen, weite Hamsterfahrten, Tauschen, aber auch gelegentlicher Diebstahl.

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Millionen Flüchtlinge suchen Obdach und Nahrung

Die Ursachen des extremen Mangels sind vielschichtig. Die hohen menschlichen Verluste des Krieges bedeuten: Es fehlen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, aber auch anderswo. Gleichzeitig suchen Millionen Flüchtlinge und Vertriebene ein neues Zuhause. Sie kommen oft gänzlich ohne Hab und Gut und müssen sich in Gemeinschaften integrieren, in denen sich erst einmal jeder selbst der Nächste ist.

Zudem funktioniert die Infrastruktur noch nicht wieder. Die Verkehrsverbindungen sind zu rund 40 Prozent zerstört. Dies behindert die Verteilung des Wenigen. Vielerorts werden darüber hinaus noch intakt gebliebene Maschinen und Anlagen demontiert - und zwar nicht nur in der sowjetisch besetzten Zone, sondern zum Beispiel auch in den Kohlegruben des Ruhrgebiets.

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Zoneneinteilung, Bundesländer und neue Grenzen

Deutschland ist in vier Zonen unter amerikanischer, sowjetischer, britischer und französischer Hoheit eingeteilt und wird zwischen 1945 und 1947 in neu gegründete Bundesländer geordnet. Hier tragen Deutsche die Verantwortung, beaufsichtigt von der jeweils zuständigen Besatzungsmacht. Doch die Verwaltung ist nicht eingespielt und kann nur sehr eingeschränkt für den nötigen Ausgleich zwischen besser und schlechter versorgten Gebieten sorgen.

Die neuen Grenzen haben traditionelle Lieferwege abgeschnitten. Das stark industrialisierte Deutschland zwischen Rhein und Oder hatte rund 30 Prozent des Kartoffel- und Getreidebedarfs durch Einfuhr aus den ehemaligen Ostgebieten gedeckt. Diese Quelle steht nun nicht mehr zur Verfügung. Doch auch die Einteilung in Zonen erschwert die Lebensmittelversorgung - und das nicht nur zwischen Ost und West, sondern in besonderem Maße auch an der Grenze zwischen französischer und britischer Zone. Dies wiederum verschärft die Not der Industriegebiete und Städte.

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Eisige Kälte lässt Infrastrukturen zusammenbrechen

Im Hungerwinter schränken Kälte, Brenn- und Treibstoffmangel den Eisenbahnverkehr weiter ein. Auch wichtige Wasserstraßen frieren zu. In vielen Fabriken kommt die Industrieproduktion gänzlich zum Erliegen. Nicht selten geschieht es sogar, dass frostempfindliche Lebensmittel, zum Beispiel Kartoffeln, verderben.

Angesichts grassierender Obdachlosigkeit in den Städten - in Deutschland sind bei Kriegsende rund 20 Prozent des Wohnraums zerstört - sind viele Menschen selbst über eine Unterkunft in beschädigtem Wohnraum froh. Doch schlechte Isolation und oft improvisierte Heizungssysteme führen dazu, dass die langanhaltenden niedrigen Temperaturen die Gesundheit der Bewohner gefährden.

Die Kirche rechtfertigt Mundraub

Zur Jahreswende 1946/47 hält der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings eine Silvesterpredigt, in der er Mundraub für den Eigenbedarf rechtfertigt: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann," heißt es darin. Das Organisieren von Nahrung und Kohle wird von nun an "fringsen" genannt.

Ein Lebensmittelladen wirbt nach der Währungsreform 1948 mit dem Spruch "Freie Ware - Hier wird nicht mehr geflüstert". © picture alliance/dpa dpd/dpa Foto: dpa dpd

Mit der D-Mark kommen 1948 die Waren

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Am 20. Juni 1948 tritt die Währungsreform in Kraft. Plötzlich gibt es Waren, die in der inflationären Reichsmark-Zeit gar nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt zu haben waren.

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Im April 1947 kommt der ersehnte Frühling und mit ihm das Ende der großen Kälte. Der Hunger in den Städten ist damit allerdings noch lange nicht beendet. Erst im Sommer des Jahres 1948 wird sich die Versorgung in ganz Deutschland wieder stabilisieren. Die Währungsreform, zunächst in den West-Zonen und dann auch im sowjetisch besetzten Ostdeutschland, markiert das Ende der Hungerzeit.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 28.02.2016 | 19:30 Uhr

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