Adolf Hitler am Rednerpult während eines Festaktes des Volkswagenwerks bei Fallersleben. © picture-alliance / dpa | Ullstein

1938: Die Nazis bauen sich eine Autofabrik

Stand: 16.12.2020 11:46 Uhr

Einen Volkswagen für jeden: Das versprachen die Nazis den Deutschen. Am 26. Mai 1938 legten sie den Grundstein für das VW-Werk - und produzierten dort Rüstungsgüter.

von Malte Krebs

"Fünf Mark die Woche musst Du sparen - willst Du im eignen Wagen fahren!" Diesem Slogan folgten bis Ende der 1930er-Jahre mehr als 300.000 Sparer im Deutschen Reich. Das Finanzierungsmodell versprach schier Unglaubliches: einen für alle erschwinglichen "Volkswagen", den Adolf Hitler seinen "Volksgenossen" schon 1934 angekündigt hatte.

Massen sparen aufs eigene Auto - vergeblich

Und die Deutschen sparten - Woche für Woche klebten sie ihre Marken in die Sparkarte, in der Hoffnung auf ein eigenes Auto. Das Problem dabei: Das angepriesene Auto gab es gar nicht. Noch nicht einmal die Fabrik, in der es hätte gebaut werden können. So hatten bereits Hunderttausende einen Sparvertrag abgeschlossen, als am 26. Mai 1938 in der Nähe des niedersächsischen Städtchens Fallersleben der Grundstein für das Volkswagenwerk gelegt wurde.

Doch der sogenannte Kraft-durch-Freude-Wagen wurde nie gebaut. Mit Kriegsbeginn wurde die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt. Privatautos blieben auch weiterhin einer kleinen, privilegierten Schicht vorbehalten.

Motorisierung der Massen?

Deutschland war damals im europäischen Vergleich untermotorisiert. 1930 gab es nur etwa 500.000 registrierte Kraftfahrzeuge. Damit lag das Reich weit abgeschlagen hinter Nachbarn wie Frankreich oder Großbritannien, wo bereits mehr als 1,5 Millionen Autos über die Straßen rollten. Noch krasser der Unterschied zu den USA: Hier hatte mit gut 26 Millionen Fahrzeugen die Massenmotorisierung längst begonnen.

Deutschland sollte nach dem Willen der Nazis nachziehen. Schon bald nach der Machtübernahme verkündete Adolf Hitler das ehrgeizige Ziel: 100 Stundenkilometer Spitze, Platz für vier Personen, günstig in der Anschaffung und sparsam im Verbrauch - so sollte der "Volkswagen" aussehen. Mit der Konstruktion wurde Autobauer Ferdinand Porsche (1875-1951) beauftragt. Sein Mitte der 30er-Jahre entwickelter kugelförmiger Wagen hieß allerdings noch nicht "Käfer", sondern "Kraft-durch-Freude-Wagen". Fraglich, ob er mit diesem Namen zu einem weltweiten Verkaufsschlager hätte werden können.

Die nationalsozialistische Auto-Mobilmachung

Adolf Hitler begutachtet einen Prototypen des "Käfer" (undatierte Aufnahme). © dpa Foto: DB
Der Entwurf für den "Kraft-durch-Freude-Wagen" stammte von Ferdinand Porsche.

Fortschritt, Technik, Geschwindigkeit: Obwohl er selbst keinen Führerschein hatte, wusste Hitler um die Faszination des Automobils und nutzte sie zu Propagandazwecken. Wie schon bei den Autobahnen, die als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wenig zusammenhängend quer durch Deutschland gebaut wurden und angesichts der geringen Motorisierung zweifelhaft waren, galt auch hier: Der propagandistische Effekt war wichtiger als der reale Nutzen. Denn damit einher ging das vage Versprechen, dass das Auto bald nicht mehr Privileg der Oberschicht, sondern ein Vergnügen für jedermann sein sollte. Entsprechend wurde die Motorisierung der Massen mit großem Aufwand in Szene gesetzt.

Der "KdF-Wagen" war der Traum von Tausenden Sparern im Deutschen Reich - für sie blieb nur die Briefmarke von 1939 © Picture-Alliance
Zur Automobil-Ausstellung 1939 zierte ein Volkswagen eine Briefmarke.

Federführend bei diesem Projekt war die nationalsozialistische Massenorganisation "Kraft durch Freude" (KdF): Sie sollte die Freizeit der deutschen "Volksgenossen" gestalten, sollte sie überwachen und mit scheinbar harmlosen Vergnügungen für das Regime gewinnen. Sie organisierte Urlaubsreisen und Wanderausflüge, veranstaltete Kegelturniere und Nähkurse. Und unter der Leitung von KdF sollte auch das Auto für die Massen produziert werden. Doch dafür brauchte man zunächst eine Fabrik.

Eine neue Werk-Stadt

Adolf Hitler (M) am Modell der Volkswagenfabrik © Picture-Alliance/dpa
Für den VW-Standort in der Südheide sprachen auch militärische Gründe.

Das Volkswagenwerk sollte von Anfang an ein vorbildliches Projekt sein. Ferdinand Porsche - zugleich Hauptgeschäftsführer der neu gegründeten "Volkswagenwerk GmbH" - hatte sich auf Studienreisen in den USA die modernen Produktionsmethoden abgeschaut, vor allem das Fließband-Prinzip, mit dem die Firma Ford die kostengünstige Massenproduktion revolutioniert hatte. Finanziert wurde das Projekt in Deutschland nicht nur aus den vielen Millionen Reichsmark der Sparer, sondern auch aus dem 1933 enteigneten Vermögen der Gewerkschaften.

Die Standortwahl fiel auf das kleine niedersächsische Städtchen Fallersleben nordöstlich von Braunschweig. Vor allem die Lage zwischen Mittellandkanal, Bahnlinie und der Reichsautobahn Berlin - Hannover schien günstig. Zudem sprachen militärische Aspekte für den Standort: Im Falle des absehbaren Krieges war die Fabrik weit von den Staatsgrenzen entfernt und damit vor Luftangriffen einigermaßen geschützt.

Grundsteinlegung mit viel Pathos

Am 26. Mai 1938 wurde in Fallersleben der Grundstein gelegt. Das Regime ließ sich die Gelegenheit zur pathetischen Inszenierung nicht nehmen. Der Festakt wurde minutiös bis ins letzte Detail geplant. Aus dem ganzen Reich pilgerten KdF-Sparer zur künftigen Produktionsstätte, SA und SS schickten Ehrenformationen, Angehörige des  Reichsarbeitsdienstes, der Hitlerjugend und Parteigenossen wurden in das spärlich besiedelte "Wolfsburger Ländchen" befördert.

Nach der Grundsteinlegung lässt sich Adolf Hitler einen "Volkswagen" von Ferdinand Porsche zeigen © Picture-Alliance/dpa

AUDIO: Grundsteinlegung für das VW-Werk (3 Min)

50.000 Teilnehmer und etwa 600 Ehrengäste waren in der Südheide anwesend, als Adolf Hitler in seiner massenwirksamen Rede das künftige VW-Werk als ein "Symbol des nationalsozialistischen Deutschen Staates, der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft" stilisierte.

Videos
Fabrikhalle von VW in Wolfsburg 1954. © AP Foto: Reithausen
2 Min

VW-Jubiläum in Wolfsburg

Am 8. Oktober 1949 übergaben die Briten das Volkswagen-Werk an Niedersachsen. Noch heute prägt es das Stadtbild von Wolfsburg maßgeblich. 2 Min

Das Werk benötigt eine neue Stadt

Die Gründung des Volkswagenwerks ist zugleich ein frühes Beispiel für die Industrieansiedlung auf der grünen Wiese: In dem Gebiet lebten Ende 1937 gerade mal 857 Einwohner. Für die geplante Massenfertigung gab es hier weder genügend Arbeitskräfte noch entsprechende Unterkünfte. Also musste wenige Wochen nach dem neuen Werk auch die neue "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" aus dem Boden gestampft werden. Den wesentlich prägnanteren Namen "Wolfsburg" erhielt sie erst nach dem Krieg am 25. Mai 1945 von den Alliierten.

Mit dem Volkswagen an die Front

Doch bevor es soweit war, mussten im Volkswagenwerk mehr als 20.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, viele von ihnen starben qualvoll. Statt der versprochenen Automobile für die Massen wurden militärische Kübelwagen hergestellt. Denn am massenhaft produzierbaren "Volkswagen" begeisterte Hitler vor allem die Tatsache, dass er sich problemlos von einem zivilen zu einem militärischen Fahrzeug umbauen ließ. Mehr als 60.000 Exemplare lieferte VW für den deutschen Vernichtungskrieg an Wehrmacht und SS, zudem Kampfflugzeuge, Minen und Flugbomben. Dafür durfte sich das VW-Werk "Kriegsmusterbetrieb" nennen, wurde außerdem mit dem Ehrentitel "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" gekürt.

Bis Kriegsende verließen nur 630 zivile Fahrzeuge das Werk - für führende NSDAP-Funktionäre. Der eigentliche Siegeszug des "Käfers" als Symbol des Wirtschaftwunders sollte später beginnen.

Weitere Informationen
Ein VW Käfer hängt in einer Werkstatt von der Decke. © Volkswagen AG

Vom Alliierten-Auftrag zum meistverkauften Auto der Welt

Wenige Monate nach Kriegsende beginnt am 27. Dezember 1945 in Wolfsburg die Serienproduktion des weltberühmten VW Käfer. mehr

Arbeiter strömen nach Schichtwechsel über den Mittellandkanal in Wolfsburg (undatierte Aufnahme) © picture-alliance / KPA/Andres Foto: KPA

Wie aus der "Stadt des KdF-Wagens" Wolfsburg wurde

Nach Kriegsende lassen die Alliierten die "Stadt des KdF-Wagens" in Niedersachsen am 25. Mai 1945 in Wolfsburg umbenennen. Schnell wird die Produktionsstätte des Volkswagens zur VW-Stadt schlechthin. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.05.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte

Ritzungen eines verwitterten Stierkopfes mit Krone © NDR Foto: Kathrin Klein

770 Jahre alte "Stier mit Krone"-Darstellung in Gnoien entdeckt

Der Stier mit Krone ist das Mecklenburger Wappentier. Die historische Ritzung ist einer der ältesten bekannten Darstellungen. mehr

Menschen stehen 19. Januar 1996 vor der Ruine der ausgebrannten Flüchtlingsunterkunft in Lübeck. © dpa Foto: Rolf Rick

Lübecker Brandanschlag 1996: Kein Nazi-Anschlag - oder doch?

Zehn Menschen starben vor 25 Jahren bei einem Brandanschlag auf das Lübecker Wohnheim. Aufgeklärt wurde der Fall nicht. mehr

Das Bild zeigt das Inventar eines Retro-Tante Emma Ladens. © NDR Foto: Hedwig Ahrens

Tante-Emma-Laden im Emsland auf dem Dachboden nachgebaut

Heinrich Schepers hat rund 35 Jahre gesammelt - vom Reklameschild bis zur Kasse. Entstanden ist ein Kaufmanns-Kleinod. mehr

Der Bug der MS "Brandenburg".

Tod im Ärmelkanal: Der Untergang der MS "Brandenburg"

Innerhalb weniger Minuten sinkt der Frachter vor 50 Jahren nach der Kollision mit einem Tanker-Wrack. 20 Seeleute sterben. mehr

Norddeutsche Geschichte