Stand: 22.03.2018 00:01 Uhr

Die geistigen Väter der 68er

von Patric Seibel

Die Ereignisse, die unter der Chiffre 68 bekannt sind, waren inhaltlich heterogen und verschiedenartig in der Form. Theatralische Aktionen und theoretische Programmatik standen in einem Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit. Je überzeugter die rebellierenden Studierenden von den sie leitenden Theorien waren, desto ungeduldiger versuchten sie, diese in die Praxis umzusetzen. Die maßgeblichen geistigen Väter der Revolte waren deutsche Professoren.

Theodor W. Adorno
War einer der geistigen Väter der 68er: Theodor W. Adorno.

Schon seit den 30er-Jahren hatten sich im Frankfurter Institut für Sozialforschung Max Horkheimer, Theodor Adorno, Herbert Marcuse und andere die Aufgabe gestellt, den Marxismus neu zu denken. Wichtiger als die Ökonomie war dabei die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Für Herbert Marcuse machte der Kapitalismus der Überflussgesellschaft die Menschen so unfrei wie eh und je - aber nicht mit Zwang, sondern viel raffinierter - durch Verführung. Er schrieb: "Die Einordnung der Tiefenpsychologie in den Marxismus ist kein Rückfall in ideologische Interpretation, denn der Spätkapitalismus hat die Relation Basis-Überbau verändert. Und das meint nicht Ende der Ideologie, sondern im Gegenteil: Institutionalisierung im wirklichen Sinne: Verkörperung der Ideologie im alltäglichen Verhalten."

Marcuses Hauptthese, entfaltet in seinem Buch "Der eindimensionale Mensch", lautete, der zeitgenössische Kapitalismus manipuliere die Menschen bis hinein in deren geheimste Bedürfnisse und Wünsche. Gleichzeitig forschte Marcuse nach internationalen Befreiungsbewegungen, die die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt beerben könnten. Dies machte ihn für einige Jahre zur Ikone gerade der deutschen Protestbewegung.

Adorno wäre nie auf Demonstrationen mitmarschiert

Ein weiterer geistiger Vater der Studierenden war Theodor Adorno. Auf Demonstrationen mitzumarschieren wie Marcuse, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Seine Welt war die Universität, auch wenn er die Gesellschaft auf ganz ähnliche Weise kritisierte, wie sein mehr der Praxis zugewandter Kollege: "Verhindert die Einrichtung der Gesellschaft, automatisch oder planvoll, durch Kultur- und Bewußtseinsindustrie und durch Meinungsmonopole, die einfachste Kenntnis und Erfahrung der bedrohlichsten Vorgänge und der wesentlichen kritischen Ideen und Theoreme; lähmt sie, weit darüber hinaus, die bloße Fähigkeit, die Welt konkret anders sich vorzustellen, als sie überwältigend jenen erscheint, aus denen sie besteht, so wird der fixierte und manipulierte Geisteszustand ebenso zur realen Gewalt, der von Repression, wie einmal deren Gegenteil, der freie Geist, diese beseitigen wollte", schrieb Adorno.

Adorno weist Vorwürfe als "geistiger Brandstifter" zurück

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

AUDIO: Meisterdenker der "Frankfurter Schule" (15 Min)

Gerade Adorno, der für viele seiner Studierenden eine Vaterfigur war, löste Erwartungen aus, die er nicht zu erfüllen bereit war. Als Aktivisten seine Vorlesung sprengten, reagierte er verstört. Die Besetzung seines Instituts beendete schließlich die Polizei. Dennoch verband ihn mit vielen Studierenden ein geradezu inniges Verhältnis, sie "seien wie die Kinder", so schrieb er einmal. Angriffe auf ihn und seine Kollegen als "geistige Brandstifter" wies Adorno empört zurück: "Ich finde, dass diese Tatsache, dass man uns moralisch vorwirft: 'Ihr habt diese Ideen in den Köpfen gehabt und die Studenten, die haben sie dann verwirklicht. Und Ihr Schweine, Ihr identifiziert euch dann nicht einmal damit!' - dass das doch im Grunde dem Topos entspricht, dass der Gedanke, der möglicherweise unangenehme Konsequenzen hat, nicht gedacht werden kann."

Das alles erscheint heute sehr weit entfernt. Und doch ist es faszinierend: Dass Gedanken und Argumente eine solche Kraft hatten, die Gesellschaft zu verändern. Und dass viele Aktivisten von damals die Universität mit der Welt verwechseln konnten - und dabei glaubten, die Welt funktioniere wie die Universität, einfach mit der Kraft des besseren Arguments.

Weitere Informationen
Frauen marschieren bei einer Demonstration 1968 und schieben dabei Kinderwagen vor sich her © imago / ZUMA / Keystone

Die 68er und die Frauen

Das 68er-Bild hat weiße Flecken: Es verkennt die Leistungen vieler Frauen für eine andere Gesellschaft. Die Sicht der Frauen auf diese Ära spielte im öffentlichen Diskurs keine Rolle. mehr

Zwei Frauen auf dem Monterey Pop Festival am 17. Juni 1967 © picture alliance / AP Photo

1968: Ein Epochen-Jahr

Das Jahr 1968 provoziert vielfältige Assoziationen und Erinnerungen. Die einen denken an Protest und Revolte, andere an ein bewegendes Gefühl des Aufbruchs. Bis heute polarisieren die 68er. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 22.03.2018 | 14:55 Uhr

Mehr Geschichte

Helmut und Loki Schmidt 1972 in ihrem Haus am Brahmsee. © Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: J.H. Darchinger

Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin

Bekannt geworden als Ehefrau von Helmut Schmidt, war Hamburgs Ehrenbürgerin vor allem Naturschützerin. Heute vor zehn Jahren ist sie gestorben. mehr

Der CDU-Vorstand mit Friedrich Holzapfel, dem Vorsitzenden Konrad Adenauer und Jakob Kaiser (von links) am 21.10.1950 auf dem Gründungsparteitag der CDU in Goslar © (c) dpa - Report Foto: dpa

Wie die CDU in Goslar zur Bundespartei wurde

Auf dem ersten Bundesparteitag der CDU vor 70 Jahren beschließt die Partei ihr Statut und wählt Adenauer zum Vorsitzenden. mehr

Das Zug-Unglück in Eschede, aus einem Hubschrauber fotografiert. © dpa - Report Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

"Lotto-Fee" im DDR-Fernsehen

Wie die Treuhand das DDR-Lotto "abwickelte"

Mit der DDR sollte bald auch "Tele-Lotto" der Geschichte angehören. Eine Sache für die Abteilung Grundsatzfragen der Treuhand. mehr

Norddeutsche Geschichte