Stand: 19.04.2017 18:35 Uhr  | Archiv

Der kurze Traum vom Atomschiff

"Ich kann nicht versprechen, dass es funktioniert." Mit diesen Worten eröffnet Professor Erich Bagge am 28. Oktober 1958 in Geesthacht-Tesperhude den ersten Forschungsreaktor in Norddeutschland - und damit den bislang größten Atomreaktor der Bundesrepublik. Vor allem soll der Reaktor dazu dienen, einen Nuklearantrieb für Schiffe zu konstruieren, um nichtmilitärische "Atomschiffe", wie sie im Volksmund hießen, zu bauen.

800 Gäste aus Ministerien, Hochschulen, Wirtschaft und sogar der UdSSR sind nach Geesthacht an die Unterelbe gereist, um bei der feierlichen Eröffnung des Reaktors dabei zu sein. Der "Bundesminister für Atomfragen", Siegfried Balke, hält eine Rede. Schließlich drückt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel den Startknopf, um den Reaktor in Gang zu setzen.

Die nukleare Kettenreaktion läuft

Im Inneren des Reaktors beginnt es zu ticken. Die Festgäste verfolgen das Klopfen der Neutronen, die den Uran-Atomen entweichen und selbst wieder andere Atomkerne spalten, über Lautsprecher - die nukleare Kettenreaktion läuft. Die Anwesenden spenden tosenden Beifall.

Luftaufnahme der GKSS bei Geesthacht. © picture-alliance / dpa Foto: Holger Weitzel - Aufwind

AUDIO: Der Kernreaktor wird gestartet (14 Min)

Rund drei Jahre hat der Bau des Forschungsreaktors "FRG-1" gedauert - ein neun Meter hoher Betonklotz, neuneinhalb Millionen Mark teuer. Um den Bau zu beschleunigen, hat man Teile des Reaktors in den USA gekauft.

Mit einer Leistung von bis zu fünf Megawatt ist "FRG-1" der größte Forschungsreaktor im Land. Seine Leistungskraft ist hundert Mal größer als die der Reaktoren von Frankfurt oder Berlin, wo ebenfalls Nuklearanlagen gebaut werden, erklärt Erich Bagge 1958 stolz in einem NDR Interview.

Atomenergie - die strahlende Zukunft?

In den 1950er-Jahren gilt die Kernenergie noch als Technologie mit großer Zukunft. Weltweit ist der "Nuklearantrieb" ein wichtiges Thema. Ob für Schiffe, U-Boote, Raumfahrzeuge oder sogar Lokomotiven: Zahlreiche Forscher arbeiten daran, nuklearbetriebene Fahrzeuge zu entwickeln. Die UdSSR und die USA sind hier führend. In Deutschland wird 1956 die "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mbH" (GKSS), gegründet. Sie errichtet in Geesthacht ein Forschungszentrum. Dort, inmitten von Bunkertrümmern der ehemaligen Dynamitfabrik Krümmel, wollen die Forscher kernenergiebetriebene Schiffe entwickeln. Zu den Gründervätern der GKSS zählen Kurt Diebner und der Kieler Professor Erich Bagge. Beide hatten bereits erfolglos daran mitgewirkt, für Hitler die Atombombe zu bauen.

1964: erstes deutsches Atomschiff läuft vom Stapel

Atomreaktor ist der Bauphase. © picture-alliance / Hannes Hemann Foto: Hannes Hemann
Statt eines herkömmlichen Motors bekommt die "Otto Hahn" einen Atomreaktor. Doch der Einbau ist kompliziert und dauert vier Jahre.

Doch bis das erste deutsche Atomschiff in See sticht, dauert es noch viele Jahre. 1960 macht die GKSS eine Ausschreibung für den Bau eines nuklear angetriebenen Handels- und Forschungsschiffes. Den Zuschlag bekommen die Kieler Howaldtswerke. 1964 läuft der Atomfrachter "Otto Hahn" in Kiel vom Stapel - als bloße Schiffshülle, noch ohne den Nuklearantrieb. Benannt ist die "Otto Hahn" nach dem bekannten Kernchemiker und Nobelpreisträger. Er ist beim Stapellauf persönlich anwesend.

Bis der nukleare Druckwasserreaktor in einen Betonraum zwischen Brücke und Achterdeck eingebaut ist, vergehen weitere vier Jahre. Erst 1968 läuft die "Otto Hahn" zur ersten Fahrt mit einer 63-köpfigen Besatzung aus, darunter eine einzige Frau. Nach dem sowjetischen Eisbrecher "Lenin" und der amerikanischen "Savannah" ist die "Otto Hahn" das dritte zivile Atomschiff der Welt. Es gilt als Symbol einer "strahlenden" Zukunft.

"Otto Hahn" läuft 33 Häfen weltweit an

Das Atomversuchsschiff Otto Hahn läuft Ende der 60-er Jahren zum ersten Besuch in den Hamburger Hafen ein. © picture-alliance / dpa Foto: Gewiess
Ende der 1960er-Jahre ist die "Otto Hahn" auch im Hamburger Hafen zu Gast.

In den folgenden Jahren legt der Frachter fast 650.000 Seemeilen zurück, transportiert Getreide, Phosphate und Erze. Die "Otto Hahn" läuft 33 Häfen, hauptsächlich in Südamerika und Afrika, an - viele nur einmal durch eine Ausnahmegenehmigung. Eine Passage durch den Suez- oder den Panamakanal wird dem Atomschiff stets verwehrt. 1979 wird es stillgelegt - es hat sich gezeigt, dass der Betrieb von nuklearbetriebenen Schiffen wirtschaftlich nicht rentabel ist. Der Reaktor wird im Hamburger Hafen ausgebaut, das Schiff umgebaut und mit einem Dieselmotor ausgestattet. Als herkömmlicher Frachter verkehrt es noch bis 2009. Nur Russland setzt weiter auf Atomschiffe: Mehrere russische Eisbrecher mit Nuklearantrieb sind noch heute im Einsatz.

Der Reaktor der "Otto Hahn" wird wieder in das GKSS-Forschungszentrum nach Geesthacht gebracht und weiter zu Forschungszwecken genutzt. Am 28. Juni 2010 wird er endgültig abgeschaltet. Bis heute befindet er sich in Geesthacht, soll aber bis 2030 abgebaut werden. Die Brennelemente wurden bereits 2010 in ein französisches Aufbereitungslager und von dort ins Zwischenlager Nord nach Lubmin gebracht.

Verfolgte die GKSS auch militärische Zwecke?

Ob die GKSS in ihrer Anfangsphase wirklich nur die zivile Nutzung von Atomenergie vor Augen hatte, wird heute bezweifelt. Der Journalist und Atomenergie-Experte Paul Reimar argumentiert, dass die GKSS auch Geräte gebaut habe, die untersuchen konnten, wie viel waffentaugliches Plutonium ein Brennelement enthält. Zudem habe der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß dafür plädiert, U-Boote mit atomarem Antrieb zu bauen. Der Atomantrieb der "Otto Hahn" war laut Reimar für ein Frachtschiff ungewöhnlich klein und so dimensioniert, dass er in ein U-Boot gepasst hätte.

Aus GKSS wird Helmholtz-Zentrum

Blick aus der Luft auf den stillgelegten Forschungsreaktor am Helmholtz-Zentrum Geesthacht © Helmholtz-Zentrum Geesthacht
In der ehemaligen Forschungsanlage in Geesthacht werden heute Werkstoffe entwickelt.

Umstritten ist, ob die Häufung von Leukämie-Erkrankungen in der Elbmarsch mit den Aktivitäten der GKSS zu tun haben. Regelmäßig gibt es Spekulationen über einen Atomunfall im GKSS-Forschungszentrum im Jahr 1986. Doch konkrete Beweise gibt es nicht. Als wahrscheinlicher gilt, dass die Erkrankungen auf das Atomkraftwerk Krümmel zurückzuführen sind, das 1983 in der Nähe des GKSS-Forschungszentrums in Betrieb genommen wurde. Seit Herbst 2010 firmiert die GKSS unter dem Namen Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Schwerpunkte sind der Küstenschutz sowie die Entwicklung leichter und umweltschonender Werkstoffe.

Weitere Informationen
Atomversuchsschiff "Otto Hahn". © picture-alliance / dpa Foto: Kruse

Zeitreise: Über den Atomfrachter "Otto Hahn"

Der Frachter "Otto Hahn" galt lange Zeit als Schiff der Zukunft. Nach 15 Jahren und etwa 650.000 Seemeilen, ging das Atomschiff dann allerdings schon in "Rente". mehr

Schild warnt vor radioaktiver Strahlung © picture-alliance/dpa

Der Streit über die Atomkraft

Störfälle, Pannen, Demonstrationen - im Norden sorgt die Nutzung der Kernenergie seit mehr als 30 Jahren für Schlagzeilen. NDR.de informiert über eine umstrittene Technologie. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.06.2014 | 19:30 Uhr

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