Stand: 21.08.2008 13:22 Uhr  | Archiv

Der Namensgeber der "Wilhelm Gustloff"

Wilhelm Gustloff war Nationalsozialist. Am 30. Januar 1895 in Schwerin geboren, wächst er in typischen kleinbürgerlichen Verhältnissen auf: Zuhause wird völkisch-national gedacht. Im Ersten Weltkrieg muss Gustloff aufgrund eines chronischen Lungenleidens nicht an die Front. Nach der Mittleren Reife macht er in Schwerin eine Ausbildung zum Bankkaufmann und geht 1917 in die Schweiz. Dort entwickelt er sich zu einem überzeugten Nazi. 1929 tritt er der NSDAP bei und baut die Schweizer Auslandsabteilung der Partei auf. Unter deutschen Kurgästen agitiert er für den Nationalsozialismus und fällt bald nicht nur den Schweizer Behörden, sondern auch dem jüdischen Medizinstudenten David Frankfurter auf.

Stilisierung zum "Blutzeugen"

David Frankfurter will ein Zeichen des Widerstandes der Juden gegen die Nazis setzen - und erschießt den Schweizer Landesgruppenleiter der NSDAP am 4. Februar 1936 in dessen Wohnung in Davos. Fortan wird Gustloff zum Märtyrer, zum sogenannten Blutzeugen der nationalsozialistischen Bewegung stilisiert, zum Helden, der einem jüdischen Meuchelmörder zum Opfer fiel.

Adolf Hitler am 5. Mai 1937 auf dem Weg zur Taufkanzel in Begleitung von Robert Ley und Blohm junior. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Adolf Hitler, hier auf dem Weg zum Stapellauf der "Wilhelm Gustloff", war ein Freund Gustloffs.

Hitler benutzt den Mord an Gustloff, der inzwischen zu seinem Freund geworden war, für Propagandazwecke. Am 12. Februar 1936 wird der Verstorbene in seiner Geburtsstadt Schwerin beigesetzt. 35.000 Menschen sind auf den Beinen, um für das perfekt inszenierte Trauer-Spektakel quer durch die Stadt Spalier zu stehen. Mit dabei sind auch Kamerateams der Wochenschau. In dem Bericht heißt es: "Der Schweizer Landesgruppenleiter der NSDAP, Wilhelm Gustloff, fiel einem ruchlosen Mordanschlag zum Opfer. Unter Anteilnahme des ganzen deutschen Volkes wurden die sterblichen Überreste nach Schwerin, der Heimat des Toten, überführt."

Höhepunkt der Heldenverehrung: Die Taufe der "Wilhelm Gustloff"

Menschen bestaunen 1938 das Schiff "Wilhelm Gustloff". © NDR/Gustloff-Archiv, Heinz Schön
Ein Schiff, das die Massen begeistern soll: Die "Wilhelm Gustloff" im Jahr 1938.

Es entsteht ein regelrechter Totenkult um Wilhelm Gustloff: In ganz Deutschland werden Straßen und Plätze nach ihm benannt. Höhepunkt der Propanda und Heldenverehrung ist die Taufe eines Luxus-Schiffes am 5. Mai 1937 in Hamburg. Gustloffs Witwe Hedwig, bis 1923 Hitlers Sekretärin, tauft das Urlaubsschiff, das eigentlich den Namen Adolf Hitler tragen sollte, auf "Wilhelm Gustloff". Der Dampfer ist der Stolz der nationalsozialistischen Kraft-durch-Freude-Flotte. Mit ihm fahren bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges begeisterte Urlauber über die Weltmeere. Genau 50 Jahre nach der Geburt des Namensgebers, am 30. Januar 1945, wird das Kreuzfahrtschiff vor der Pommerschen Küste versenkt. Mehr als 9.000 Menschen - größtenteils Flüchtlinge - kommen dabei ums Leben.

Das Kreuzfahrtschiff "Wilhelm Gustloff" auf dem Meer. © dpa - Bildarchiv

AUDIO: Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" (15 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 30.01.2010 | 19:20 Uhr

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