Sendedatum: 02.03.2006 20:15 Uhr  - NDR 1 Radio MV  | Archiv

Das Ende der NVA

Am 18. Januar 1956 wurde in der DDR die Nationale Volksarmee (NVA) gegründet. Willi Stoph, der erste Minister des neuen Ministeriums für Nationale Verteidigung, betonte, die Armee solle lediglich "die Verteidigungsfähigkeit unserer Republik gewährleisten". Auch in der BRD begann zu dieser Zeit die Wiederbewaffnung. Auch hier beteuerte Bundeskanzler Konrad Adenauer: "Einziges Ziel der deutschen Wiederbewaffnung ist es, zur Erhaltung des Friedens beizutragen."

1956 wurde die Nationale Volksarmee gegründet, 1990 aufgelöst.

Die DDR war in den Warschauer Pakt eingebunden, die BRD in das Nordatlantische Verteidigungsbündnis. Jahrzehntelang standen sich die beiden deutschen Staaten in feindlichen militärischen Bündnissen gegenüber - bis zur Wiedervereinigung. Am 3. Oktober 1990 hörte mit der DDR auch die 173.000 Mann starke NVA auf zu existieren. Die Bundeswehr galt von nun an als "Armee der Einheit". Zahlreiche ehemalige NVA-Stützpunkte wurden geschlossen.

Demen: vom idyllischen Dorf zum Raketenstützpunkt

Demen in Westmecklenburg war bis Anfang der Siebzigerjahre ein ganz normales Dorf: ruhig, idyllisch, landwirtschaftlich geprägt. Die Leute waren füreinander da, erinnert sich der Bewohner Horst Spieck. Doch dann kam alles durcheinander: "Dann hieß es, dort oben baut die Armee. Dann wurde als Erstes der geliebte Spargelacker, wo heute die Neubauten stehen, eingestampft. Und dann wurde mächtig abgeholzt." Mitten in den Wald hinein baute die NVA einen der größten Raketenstützpunkte der DDR sowie eine Plattenbausiedlung für die Offiziere und deren Familien, mit Schulen und Kindergärten. Auch ein Kino und eine Gaststätte gab es, die für die alteingesessene Bevölkerung jedoch tabu waren.

Zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet

Die Ansiedlung der Volksarmee hatte in Demen aber auch ihr Gutes, erzählt Host Spieck. Die Kneipe machte großen Umsatz. Die Gemeinde bekam Hilfe: Beispielsweise bauten die Soldaten eine Badestelle. Doch ein wirkliches Zusammenleben zwischen den Dorfbewohnern und den Soldaten entwickelte sich nicht. Dafür bestanden zu viele Sicherheitszwänge, dafür war die neue Siedlung zu sehr abgeschottet. Die Geheimhaltung ging vor. "Wir waren zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet", erinnert sich der ehemalige Oberstleutnant Reinhard Trensinger, der in Demen gedient hat. Doch mit der Zeit änderte sich das Verhältnis zwischen den Demenern und den NVA-Soldaten, zumindest in einigen Fällen - wenn sich die Soldaten hier Frauen suchten. Reinhard Trensinger ist so ein Fall. Er ist in Demen hängen geblieben. "Ich habe hier meine Wohnung, meine Kinder sind hier groß geworden - ja, wo soll ich sonst hin?", sagt er heute.

Spurensuche in der Rostocker Heide

Wiethagen, in der Rostocker Heide: Dort, wo heute Büsche und junge Bäume stehen, befand sich bis 1990 ein Schießplatz der Infanterie. Auch in den Nachbarorten gab es Schießplätze, für die 4. Flottille und die in Rostock stationierten Einheiten. Einige NVA-Truppen waren direkt in der Heide stationiert. Ab 1961 kamen die Flugabwehrraketen-Abteilung mit Kasernen, Raketenstellungen und Raketenanlagen sowie das Küstenregiment 18 hinzu. Über 20 Millionen Ost-Mark steckte die DDR in die militärische Ausstattung der Rostocker Heide. 1989 wurden von insgesamt 5.800 Hektar Heide rund 2.600 militärisch genutzt. Proteste dagegen gab es nicht, berichtet der ehemalige Militärförster Rolf Schneider: "Es wurde immer nur gesagt, das und das brauchen wir, und dann gab es kein dagegen, sondern dann wurde der Militärforstbetrieb beauftragt, beziehungsweise die Oberförsterei oder der Revierförster, das zu realisieren: dass der Holzbestand geschlagen und die Fläche dann frei übergeben wurde."

Munitionsteile im Naturschutzgebiet

Jörg Harmuth setzte sich dafür ein, dass die Rostocker Heide nicht mehr militärisch genutzt wird.

Nach 1990 kursierten Pläne, wenigstens einen Schießplatz für das Militär zu erhalten. Doch das konnten der Forstamtsleiter Jörg Harmuth und seine Mitstreiter verhindern. Stattdessen begann ein riesiges Renaturierungsprogramm. Viele Einheimische fanden hier in den Neunzigerjahren wenigstens zeitweise Arbeit. Was sie aus der Heide abtrugen, hört sich gewaltig an: 66 Gebäude wurden abgerissen, 50.000 Quadratmeter Betonfläche aufgebrochen und 5.800 Quadratmeter Asbest entsorgt. Heute steht die Rostocker Heide unter Naturschutz. Dass auch hier einmal der Kalte Krieg ausgefochten wurde, können die Besucher auf den ersten Blick kaum erkennen. Und doch sind die Spuren der militärischen Nutzung noch längst nicht getilgt: Über 1.000 Hektar der Heide sind noch immer mit Munitionsteilen übersät.

Die Marineflieger am Strelasund

In Parow am Strelasund, der Meerenge zwischen Rügen und Festland, waren die einzigen Marineflieger der DDR stationiert. Zunächst gab es auf dem Militärflugplatz nur Mi-4-Hubschrauber, die jedoch bald gegen die leistungsstarken Turbinenhubschrauber Mi-8 ausgetauscht wurden, erzählt Klaus Trepping, Leiter des heutigen Marinemuseums in Stralsund. Die "Mi-8" dienten als "Mädchen für alles", wurden als Transport- oder Rettungshubschrauber eingesetzt und waren auch als Kampfhubschrauber verwendbar. Später kamen hochmoderne Hubschrauber des Typs "Mi-14" hinzu, die insbesondere der U-Boot-Abwehr dienten. Neben der Grenzsicherung waren die Stralsunder Marineflieger für Hilfeleistungen auf hoher See zuständig. Bei Havariefällen flogen sie Rettungskräfte zu Schiffen oder setzten Taucher ab. Besonders hat sich unter den Marinefliegern der Winter 1977/78 eingeprägt, als Rügen völlig verschneit war. Per Hubschrauber wurden zahlreiche Kranke und ein Säugling nach Stralsund transportiert.

Eine "Mi-8" im Marinemuseum

Bild vergrößern
Hubschrauber des Typs "Mi-8" im Marinemuseum auf der Insel Dänholm.

Am 2. Oktober 1990 wurde auf dem Flugplatz in Parow die Dienstflagge der NVA eingeholt. Nach und nach wurden alle Hubschrauber abgerüstet - alle, bis auf zwei des Typs "Mi-8", die heute als Ausstellungsstücke dienen. Eine "Mi-8" wurde nach Dresden gebracht, die andere ins Marinemuseum nach Stralsund. Dies war nur per Luftweg möglich. Klaus Trepping muss noch heute schmunzeln, wenn er an diese Aktion denkt. Genehmigungen gab es keine, geflogen ist der Kommandeur persönlich, sein Assistent war jener Mann, der, Jahrzehnte zuvor, die Maschine als erster Pilot flog. Nach der geglückten Landung schenkten die beiden Ex-Marineflieger dem Museum auch gleich noch ihre Ausrüstung - die brauchten sie ja nun nicht mehr.

Downloads

"Der Frieden muss verteidigt werden" - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (171 KB)

Weitere Informationen

Wie ein NVA-Major das Ende der DDR erlebte

Walter Graupner war als Major der NVA in Eggesin stationiert und erlebte dort das Ende der DDR und ihrer Armee. 25 Jahre später erinnert er sich. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.03.2006 | 20:15 Uhr

Mehr Geschichte in Video und Audio

44:31
Unsere Geschichte
44:02
Unsere Geschichte
44:25
Unsere Geschichte

Norddeutsche Geschichte