Stand: 16.09.2013 14:06 Uhr

Bundestagswahl 1949: Stimmen aus Ruinen

von Tim Radtke

Deutschland 1949: Seit inzwischen vier Jahren leben die Deutschen in Frieden. Von einem normalen Alltag sind die Menschen aber noch weit entfernt, auch in Schleswig-Holstein. Kinder spielen zwischen den Ruinen zerstörter Häuser. In Kiel und anderswo liegen ganze Straßenzüge in Trümmern. Bis der Wiederaufbau abgeschlossen ist, wird es noch Jahre dauern. Das gilt genauso für die Integration der Millionen Flüchtlinge in Deutschland. Auch viele Schleswig-Holsteiner beäugen die neuen Mitbewohner argwöhnisch. Deren Unterbringung ist nach wie vor ein riesiges Problem. Aber trotz allem ist ein Aufschwung spürbar.

Langsamer Start des Wiederaufbaus

Der ehemalige Oberbürgermeister von Neumünster, Uwe Harder, sitzt in einem Sessel © NDR Foto: Tim Radtke
Hat früher manchmal Tag und Nacht für seine Partei gearbeitet: Uwe Harder, langjähriger Oberbürgermeister in Neumünster (1970-1988).

Das Grundgesetz ist verabschiedet - und die Bundestagswahl für die Schleswig-Holsteiner ein weiterer, bedeutender Schritt auf dem Weg zurück zur ersehnten Normalität. Einer, der damals in Kiel ebenfalls große Hoffnungen darauf setzt, ist der spätere SPD-Oberbürgermeister von Neumünster, Uwe Harder: "Der Wiederaufbau hatte ja so langsam aber sicher begonnen. Wohnungen waren zum Teil notdürftig wieder aufgebaut und hergerichtet worden. Die Wirtschaft wurde nach und nach wiederbelebt." Harder studiert 1949 als junger Mann in Kiel Jura und Volkswirtschaftslehre: "Die Bevölkerung hatte das Gefühl, mit der Wahl ging es einen Schritt weiter, hin zu einem organisierten Staatswesen."

Lagerwahlkampf zwischen CDU und SPD

Allerdings ist Deutschland nicht nur durch die sich anbahnende Ost-West-Problematik auf dem Weg zu einem geteilten Land. Auch innerhalb Westdeutschlands geht ein tiefer Riss durch die Bevölkerung. Denn während des Bundestagswahlkampfs 1949 wird immer mehr deutlich, dass eine grundlegende Entscheidung über die zukünftige Ausrichtung der jungen Republik bevorsteht. "Das war ein Lagerwahlkampf, ganz klar", sagt Uwe Harder heute. Auf der einen Seite stehen CDU und FDP, auf der anderen Seite vor allem die Sozialdemokraten. Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sind die entscheidenden Männer der neu gegründeten Christlich Demokratischen Union, die ohne Kompromisse für eine starke Anlehnung an den Westen und an die USA eintreten.

Angst vor dem Kommunismus

Adenauer ist damals überzeugt davon, dass die einzige Chance, einer kommunistischen Diktatur zu entgehen, in der Westintegration Deutschlands liegt. Dafür geht er auch das Risiko ein, dass die Deutschen im Osten langfristig im Machtbereich der Sowjetunion bleiben könnten. Auf der anderen Seite: Kurt Schumacher, der charismatische Kopf der Sozialdemokraten, der sich für ein neutrales und sozialistisches Gesamtdeutschland stark macht.

"Nächtelang Wahlplakate geklebt"

Der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Herbert Gerisch posiert im Grünen. © NDR Foto: Tim Radtke
Erinnert sich gut an das Jahr 1949 in Schleswig-Holstein: Herbert Gerisch, Zeitzeuge der ersten Bundestagswahl.

Der Kampf der Ideologien wird 1949 mit harten Bandagen geführt. "Zimperlich sind wir nicht miteinander umgegangen", sagt Harder ein wenig verschmitzt lächelnd: "Adenauer führte politisch während des Wahlkampfs schon den Kalten Krieg ein. Schumacher ist ja fast als Kommunist bezeichnet worden, als Bedrohung."

Herbert Gerisch kann das nur bestätigen. "Der Ton war rau. Ganz ohne Zweifel. Rau, aber nicht feindlich", sagt der heute 91 Jahre alte CDU-Politiker, der für seine Partei unter anderem mehrere Jahre Landtagsabgeordneter war, Mitglied des Landesvorstands und Bürgermeister von Neumünster. "Wir waren damals überzeugt: Wer die Sozis wählt, der zieht den Kommunismus an." Deshalb ist sich Gerisch damals für keine Aufgabe zu schade. Er verbringt etliche Nächte damit, in Neumünster Wahlplakate für die CDU aufzuhängen - alles für seine Überzeugung: "Wer andere begeistern will, muss sich halt auch für seine Überzeugung einsetzen."

Lautsprecherwagen verbreiten politische Botschaften

Die Wahlplakate prägen das Bild in den Städten Schleswig-Holsteins. "Aber auch Lautsprecherwagen der Parteien fuhren noch regelmäßig durch die Straßen", erinnert sich Harder. Eine deutlich größere Bedeutung als heute haben damals die Auftritte der Spitzenpolitiker. "Wenn Adenauer oder Schumacher nach Kiel kamen, dann war die Ostseehalle dicht. Da ging keiner mehr rein. Das waren echte Höhepunkte. Selbstverständlich habe ich mir auch Adenauer angesehen, als der hier in Kiel war. Das konnte man sich doch nicht entgehen lassen!"

Adenauer auch in Neumünster gefeiert wie ein Popstar

Herbert Gerisch macht sich in den Reihen der CDU in Neumünster schon 1949 einen Namen als Organisationstalent. Deshalb ist er für den Besuch Adenauers in Neumünster verantwortlich: "Adenauer sollte in der Holstenhalle seine Rede halten. Und er reiste ja mit dem Zug an. Also dachte ich mir: Er muss ja gebührend empfangen werden. Also organisierte ich den einzigen Mercedes 300, den es damals in ganz Neumünster gab. Ich lieh ihn mir von einer damaligen Lederfabrikantin. Und damit haben wir Adenauer dann am Bahnhof abgeholt", sagt Gerisch nicht ohne Stolz.

Der Auftritt Adenauers wird zu einem einmaligen Ereignis in Neumünster. "Die Halle war mit 6.700 Menschen völlig überfüllt. Wir haben dann extra noch draußen Lautsprecher aufgehängt, weil bestimmt noch 3.000 Menschen vor den Toren der Halle standen und nicht mehr reinkamen."

Feldtelefon für Kontakt zum Kanzleramt

In der Halle steht damals eine lange Tischreihe, an der auch Gerisch sitzt. Unter seinem Platz stehen sage und schreibe neun alte Feldtelefone, wie sie im Krieg benutzt wurden. "Damals war das ja noch alles nicht so einfach mit der Kommunikation wie heute. Ich hatte zum Beispiel ein Feldtelefon, mit dem ich mit dem Bundeskanzleramt in Verbindung treten konnte, eins war für den Kontakt mit der Polizei, ein weiteres für den Bahnhof. Das war schon ein unglaublicher Aufwand." Aber dieser Aufwand sollte sich lohnen: "Der Auftritt Adenauers war unglaublich. Er brauchte nur ein paar Sätze zu sagen und schon kam gewaltiger Applaus. Ein Hexenkessel sondergleichen - im positiven Sinne!"

Menschen warten am Radio auf Wahlergebnisse

Am Wahlabend beginnt dann das lange Warten. Prognosen und Hochrechnungen gibt es noch nicht. "Ich bin von einem Wahllokal in Neumünster zum nächsten gerannt, weil ich wenigstens wissen wollte, wie es bei uns in der Stadt ausgegangen war", so Gerisch. Zum Teil stehen die Menschen auch auf den Straßen beisammen und verfolgen auf großen aufgestellten Tafeln, wie die Ergebnisse aus ihren Städten nach und nach eintrudeln. Auch Uwe Harder in Kiel bleibt nichts anderes übrig als abzuwarten. "Bis Mitternacht haben wir ausgeharrt. Am Ende hab' ich das Ergebnis dann im Radio gehört."

Der Rest ist bekannt. Die CDU gewinnt die Wahl knapp vor der SPD und wird stärkste Kraft im ersten Bundestag. Mit der FDP bilden die Christdemokraten die erste Regierung, Konrad Adenauer wird erster Bundeskanzler der noch jungen Republik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.09.2013 | 14:00 Uhr

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