Sendedatum: 06.10.2019 19:30 Uhr

2. Oktober 1984: Tragödie im Hamburger Hafen

von Janine Kühl, NDR.de
Da die "Martina" so schnell sinkt, können viele Passagiere nicht gerettet werden.

Es beginnt als fröhliche Geburtstagsfeier und endet mit einem der schwersten Unglücke im Hamburger Hafen: Am 2. Oktober 1984 feiert Wolfgeorg Rosenhagen mit 41 Gästen seinen 40. Geburtstag - auf der Elbe. Für 350 Mark hat er die Barkasse "Martina" angemietet. An Bord wird ausgelassen gefeiert. Musik hallt übers Wasser. Es gibt Bier für die Erwachsenen und Waldmeister-Limonade für die Kinder.

Bergungsarbeiten auf dem Wasser

Vor 35 Jahren: Das Barkassenunglück in Hamburg

Hamburg Journal -

Am 2. Oktober 1984 feierte ein Meteorologen-Ehepaar den 40. Geburtstag des Mannes auf der Barkasse "Martina". Doch die kollidierte mit einer Schute - 19 Menschen starben.

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Gegen 19 Uhr steuert Barkassenführer Ulrich Wruck die Geburtstagsgesellschaft durch die Dunkelheit in Richtung Landungsbrücken. Nach einem Abstecher in den Köhlbrand will er zurück in den Hauptarm der Elbe biegen. Zu diesem Zeitpunkt ist Rosenhagen bei Wruck, bietet ihm ein Bier an, das der Schiffsführer vorbildlich ablehnt.

Barkasse sinkt in Sekundenschnelle

"Was ist denn das? Ja gar kein Licht an", sagt Wruck plötzlich, dann gibt es einen lauten Knall. Die "Martina" kollidiert mit einer Schute, die von dem Schlepper "Therese" elbaufwärts gezogen wird. Der Bug der Schute drückt die Barkasse nieder, so dass sie mit Wasser vollläuft und innerhalb von Sekunden sinkt. Im lediglich zwölf Grad warmen Wasser der Elbe schwimmen schreiende Menschen. Die Besatzungen von Schlepper und Schute eilen zur Hilfe und retten 22 Personen. Zwei Geburtstagsgäste werden von dem herbeigeeilten Schlepper "Johanna" an Bord genommen.

350 Rettungskräfte im Einsatz

Nach dem Notruf der "Therese" sind innerhalb kürzester Zeit mehr als 40 Schiffe von Polizei, Feuerwehr und Zoll am Unglücksort. Mit Scheinwerfern suchen die Einsatzkräfte das Wasser nach Schiffbrüchigen ab, der Schiffsverkehr wird für drei Stunden gestoppt. Auch die Uferböschungen suchen die Rettungskräfte ab. Doch sie können nur noch Tote bergen. Nach vier Stunden bricht Joachim Peters, Chef der Wasserschutzpolizei, die nächtliche Suche ab.

Unglück fordert 19 Todesopfer

Am nächsten Morgen wird die "Martina" aus zwölf Metern Tiefe geborgen. An Bord finden die Einsatzkräfte weitere Tote, darunter ein Baby, das noch in seinem Kinderwagen an Deck liegt. Auch der 66-jährige Schiffsführer Wruck befindet sich unter den Opfern. Viele bleiben allerdings noch wochenlang verschollen. Der fünfjährige Sohn von Wolfgeorg und Gudrun Rosenhagen, Matthias, wird erst am 19. Oktober tot am Ufer des Köhlbrands geborgen. Sein siebenjähriger Bruder Guntram wird nie gefunden. Von den 43 Geburtstagsgästen haben nur 24 überlebt. Unter den 19 Toten befinden sich elf Kinder, viele Familien haben einen oder gar mehrere Angehörige verloren.

Seeamt befindet Barkassenführer für schuldig

Die Ursache für die tödliche Kollision ist nicht eindeutig. Über Wochen mutmaßen Hamburger Medien über einen technischen Defekt, fehlende Beleuchtung des Schleppverbandes oder die eingeschränkte Sehkraft des Barkassenführers. Eine vollständige Klärung des Unglücks bringt auch die Untersuchung vor dem Seeamt nicht. Mitte Dezember befindet das Seeamt den Barkassenführer Wruck für schuldig. Da das Seeamt kein ordentliches Gericht ist, dient sein Urteil lediglich als Grundlage für spätere Schadens- und Versicherungsfragen.

Stichwort: Barkasse

Die kleinen Schiffe gehörten von der Jahrhundertwende bis in die 1970er-Jahre zum Alltag in Hamburg. Sie transportierten Waren und Passagiere innerhalb des Hafens. Die flachen, teilweise nur gut zehn Meter langen Schiffe sind im Bereich hinter dem Steuerhaus offen. Vielfach stand auch der Schiffsführer im Freien. Heute werden Barkassen fast ausschließlich für Hafenrundfahrten eingesetzt.

Ursache unklar: "Ein Versehen"

Die Untersuchungen ergeben, dass die Beleuchtung des Schleppzuges korrekt gewesen sei. Der Kapitän der "Therese", Günther Peinemann, habe sich vorbildlich verhalten. Ein Gutachten legt die Vermutung nahe, dass der 66-jährige Wruck aufgrund einer Sehschwäche den Schleppverband nicht rechtzeitig erkannt habe. Wegen einer Netzhautnarbe habe er in der Dunkelheit wahrscheinlich nur mit einem Auge sehen können und sei mit voller Kraft in den Schleppzug gefahren. Womöglich habe er die Petroleumlampe auf der Schute für ein Licht am gegenüberliegenden, beleuchteten Ufer gehalten.

Der Vorsitzende Gerd Moritz äußert die Vermutung, dass "ein Versehen, wie es hundertmal gut geht und einmal zu so einer Katastrophe führt" der Grund für das Unglück gewesen sei. Dennoch zeigen die Seeamtsverhandlungen deutlich, dass die gültigen Vorschriften in Bezug auf das Sehvermögen der Schiffsführer, die Beleuchtung der Schiffe, die Sicherheit der Barkassen und den Funkkontakt der Barkassenführer mit der Berufsschifffahrt reformbedürftig sind. So ist das Dach der "Martina" so eingedrückt gewesen, dass die Rettungsringe unter den Sitzbänken eingeklemmt waren. In Teilbereichen erlässt die Hafenbehörde zügig neue, strengere Vorschriften.

Trauergottesdienst im Michel

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Das Drama auf der Elbe entsetzt die Hamburger. Zu der zentralen Trauerfeier im Michel kommen 1.000 Trauergäste.

Zu einem Gottesdienst für die Opfer des Barkassenunglücks am 11. Oktober 1984 in der St. Michaelis-Kirche kommen rund 1.000 Trauergäste. Spürbar betroffen wendet sich der damalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi in seiner Rede an die Hinterbliebenen: "Trauer liegt über unserer Stadt. Wir teilen Ihren Schmerz."

Hohe Spendenbereitschaft hilft Hinterbliebenen

Die Hamburger Bürger zeigen große Anteilnahme - mit Karten, Blumen und nicht zuletzt Geldspenden. Denn viele Kinder sind zu Halbwaisen geworden, Frauen und Männer haben ihre Partner verloren. Zahlreiche Hinterbliebene geraten in eine finanzielle Notlage. Zunächst gesteht die Versicherung lediglich einen Schadenersatz von insgesamt 125.000 Mark zu - kaum genug, um die Beerdigungskosten zu decken, so der Kommentar einiger Hamburger Zeitungen. Auf einem Sonderkonto des Diakonischen Werkes kommen bis Ende 1984 fast 400.000 Mark aus Privat-, Firmen- und Vereinspenden zusammen.

Der Hamburger Sportverein ist zum Beispiel mit 100.000 Mark beteiligt. Der Verein initiiert zudem ein Benefizspiel zwischen der deutschen und der ungarischen Nationalmannschaft im Hamburger Volksparkstadion. Das Spiel findet im Januar 1985 statt und bringt - zusammen mit weiteren Spenden - einen Erlös von über 500.000 Mark ein. Und auch die Versicherung zahlt nach Verhandlungen mit den Hamburger Barkassenbesitzern schließlich eine Million Mark an die Hinterbliebenen

Ein Leben nach der Tragödie

In einem offenen Brief bedanken sich die Überlebenden am 22. Dezember 1984 im "Hamburger Abendblatt" für jegliche Unterstützung und äußern zugleich den Wunsch nach Maßnahmen, die ein weiteres Unglück verhindern sollen. Insbesondere Wolfgeorg Rosenhagen setzt sich für mehr Sicherheit im Hamburger Hafen ein. Er sei nicht schuldig, fühle sich aber doch verantwortlich für das Geschehene. Die Rosenhagens bekommen zwei weitere Söhne, wollen eine ganz normale Familie sein. Dennoch bestimmt die Tragödie ihr Leben, wie auch das der übrigen Hinterbliebenen.

Barkassen: Umbauten für 100.000 Euro

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Die teilweise fast 100 Jahre alten Barkassen gehören für viele zum Hafenbild dazu. Umbauten sollen sie sicherer machen.

Bis heute ist die Sicherheit der Barkassen ein heiß diskutiertes Thema. 2006 will die Hamburger Hafenbehörde den Umbau der 84 Barkassen im Hamburger Hafen durchsetzen. Zusätzliche Luftkammern, schnell schließbare Schotten, frei zugängliche Rettungsmittel und ein kleineres Panorama-Dach sind zentraler Bestandteil der Forderungen. Die Barkassenbesitzer protestieren wegen der hohen Kosten. Seit 2013 sind die meisten Barkassen entsprechend den neuen Verordnungen umgebaut - bei einer Investition von bis zu 100.000 Euro pro Schiff keine leichte Aufgabe für die oft kleinen Unternehmen, aber unumgänglich, um ein Unglück wie das vom 2. Oktober 1984 zu vermeiden.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 06.10.2019 | 19:30 Uhr

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