Stand: 03.06.2020 17:18 Uhr  - Hallo Niedersachsen

August 1975: Die Heide brennt

von Janine Kühl
Nach wenigen Tagen hat sich die Situation der Wald- und Flächenbrände extrem verschärft: ein Feuerwehrmann am 13. August 1975 vor einem Flammenmeer bei Gorleben.

August 1975: Die bis dahin verheerendste Brand-Katastrophe der Bundesrepublik schockiert das Land. Innerhalb einer Woche zerstören die Flammen in der Lüneburger Heide rund 8.000 Hektar Wald und 5.000 Hektar Moor und Heide. Fünf Feuerwehrleute lassen in den Flammen ihr Leben, auch zwei weitere Helfer sterben. 82 Menschen werden verletzt. Ein Unglück, das sein Ausmaß auch wegen unklarer Kompetenzen und persönlicher Fehleinschätzungen bekam.

Anfang August 1975 ist es in Niedersachsen ungewöhnlich heiß und trocken. Etwa zwei Monate hat es vielerorts nicht mehr geregnet, die Temperaturen liegen konstant über 30 Grad. Statt der gewöhnlichen 80 beträgt die Luftfeuchtigkeit lediglich 20 bis 30 Prozent. Zudem weht ein starker Wind. Am 8. August, einem Freitag, bricht bei Stüde im Landkreis Gifhorn ein Wald- und Flächenbrand über mehrere Quadratkilometer aus. Weitere Brände flammen am 9. und 10. August in der Südheide bei Gifhorn und Celle auf. Bei den vorherrschenden Bedingungen breiten sie sich rasend schnell aus und drohen außer Kontrolle zu geraten.

Als die Heide brannte - Feuersbrunst in Niedersachsen

Waldbrand-Katastrophe in Niedersachsen 1975: Zeitweise bekämpfen 15.000 Einsatzkräfte die Flammen, mehrere Feuerwehrleute sterben. Eine Dokumentation mit Aufnahmen vom August 1975 und Zeitzeugenberichten.

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20 Meter hohe Feuerwände - Freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Bei so vielen Brandherden ist es schwierig, genügend Personal und Tanklöschfahrzeuge zu jedem einzelnen Feuer zu bringen. Dieter Witt ist damals Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Unterlüß bei Celle. Jahre später erinnerte er sich im Gespräch mit dem NDR an den 10. August: "Die Freiwillige Feuerwehr Unterlüß hat acht Mann nach Eschede geschickt. Es war so heiß, dass die Tanklöschfahrzeuge auf dem Asphalt Spuren hinterlassen haben." In den ausgedehnten Kiefer-Monokulturen, aber auch im Bruchholz, das von dem Orkan "Quimburga" im Jahr 1972 liegen geblieben ist, finden die Flammen Nahrung. Der Wind facht das Feuer zusätzlich an und lässt bis zu 20 Meter hohe Feuerwände entstehen.

Von den Flammen überrollt: Fünf Feuerwehrleute sterben

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An die Verstorbenen erinnert ein Gedenkstein bei Meinersen.

Witt ist mit einem Löschfahrzeug bei Queloh im Einsatz und kämpft dort mit Kollegen gegen die Flammen: "Das Feuer kam übers Stoppelfeld. Mit einer einfachen Pumpe haben wir von einer Zisterne Wasser gepumpt. Da bin ich allein über brennende Teerstraßen gefahren. Das war teilweise lebensgefährlich, aber wir kannten uns gut aus." Auch bei Meinersen im Kreis Gifhorn kämpfen Feuerwehrleute gegen die Flammen. Doch plötzlich dreht der Wind, trägt das Feuer in eine andere Richtung - und schneidet fünf der Einsatzkräfte den Fluchtweg ab. Ein Hubschrauber, der über dem Gebiet im Einsatz ist, kann die Feuerwehrleute nicht retten - er hat keine Rettungsseilwinde an Bord. Die Männer aus Fallersleben und Hohenhameln werden von der Feuerwalze überrollt und kommen ums Leben.

Kreisdirektor verkennt Gefahr - Regierungspräsident ruft Katastrophenfall aus

Nach dieser Tragödie wird die Kritik an den Verantwortlichen auf Kreisebene immer lauter. Doch lange beharren sie weiterhin darauf, die Brände allein bekämpfen zu können. "Das wurde damals nicht so ernst genommen. Und es hieß wie so oft: 'Dat is us Füer" (Das ist unser Feuer)!“, so die Erinnerung eines damaligen Feuerwehrmannes in Hermannsburg. Der Celler Oberkreisdirektor Axel Bruns erkennt das Ausmaß der Katastrophe offenbar zu spät und verzichtet noch am 10. August darauf, weitere Einsatzkräfte anzufordern. Noch am gleichen Tag erklärt der Lüneburger Regierungspräsident Hans-Rainer Frede schließlich den Katastrophenfall und bittet die anderen Bundesländer um sofortige Hilfe. Im Zuge der Geschehnisse muss Bruns seinen Posten später räumen.

Hilfe aus dem gesamten Bundesgebiet

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Bei der Bekämpfung der Waldbrände 1975 sind die lokalen Feuerwehren auf Hilfe aus dem gesamten Bundesgebiet angewiesen.

In den folgenden Tagen kämpfen Tausende Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet gegen die verheerenden Feuer. Feuerwehren aus Hamburg, Bremen und Frankfurt eilen zur Hilfe. Bundesgrenzschutz, Zoll und Mitglieder der Forstverwaltung sind im Einsatz. Das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst und andere Hilfsorganisationen kümmern sich um die Versorgung der Feuerwehrleute sowie um die Evakuierten. Auch britische und niederländische Einheiten, die in der Lüneburger Heide stationiert sind, beteiligen sich. Als problematisch erweist sich allerdings die Kommunikation: Unterschiedliche Funkkanäle und überlastete Telefonleitungen erschweren die Absprachen.

Flugzeuge und Polizeihubschrauber im Löscheinsatz

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169 Stunden und 30 Minuten wütet das Feuer im August 1975 im Nord-Osten Niedersachsens. Drei französische Löschflugzeuge kommen den Einsatzkräften zu Hilfe.

Große Hoffnungen setzen die Verantwortlichen in den Einsatz dreier französischer Löschflugzeuge und zahlreicher Polizeihubschrauber. Doch oft verpufft das in Säcken abgeworfene Wasser einfach in der heißen Luft. Schwere Bergepanzer der Bundeswehr walzen breite Schneisen in den Wald, um eine weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern.

Kompetenzgerangel steht schnellem Erfolg entgegen

Während die Einsatzkräfte in der Südheide an vorderster Front die Flammen bekämpfen, wütet zwischen den Entscheidungsträgern auf Landes- und kommunaler Ebene ein Kompetenzgerangel, das zu Verzögerungen und Missverständnissen führt. Infolgedessen agieren viele Einheiten eigenständig und erzielen nicht die erhoffte Wirkung. Mitte der Woche setzt Niedersachsens Innenminister Rötger Groß (FDP) den bisherigen Einsatzleiter, General Paul Kühne vom Bundesgrenzschutz, ab. Zu seinem Nachfolger bestimmt er Oberstleutnant Albert Mally.

Feuer auch im Wendland - Brandschneisen durch Panzer

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Breite Schneisen durch den Wald sollen im Sommer 1975 die weitere Ausbreitung der Flammen verhindern.

Am Vormittag des 12. August wird eine weitere Rauchsäule bei Trebel im Wendland entdeckt. Doch die Alarmierung der Ortswehren nimmt 1975 viel Zeit in Anspruch. Walter Ziegeler ist damals Sachgebietsleiter für Feuerwehr und Katastrophenschutz bei der Kreisverwaltung Lüchow: "Es gab ja noch keine zentrale Steuerung für Alarm", erinnerte er sich einst im Gespräch mit dem NDR. "Man wählte manuell schön brav per Wählscheibe, damit vor Ort die Sirenen gestellt wurden." Anders als in der Südheide zögern die Lüchow-Dannenberger aber nicht, Hilfe anzufordern. Dank guter Kontakte stellt die Lüneburger Panzerbrigade 8 innerhalb weniger Stunden Panzer zum Anlegen von Brandschneisen zur Verfügung. Bundeswehr-Hubschrauber sorgen für einen Überblick aus der Luft.

Feuer bedroht Ortschaften, Anwohner fliehen

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Am 12. August kommen die Flammen einigen Ortschaften gefährlich nahe - etliche Anwohner flüchten.

Noch am 12. August vernichtet das Feuer bei Lüchow-Dannenberg 2.000 Hektar Wald- und Ackerfläche und kommt mehreren Dörfern gefährlich nahe. Viele von ihnen müssen evakuiert werden. Da sich das Feuer nach Osten in Richtung DDR-Grenze ausdehnt, gibt es Warnungen an die DDR-Behörden. "Gegen 19.30 Uhr wurde es eng. Der Wind drehte, sodass sich das Feuer in Richtung der Ortschaften ausdehnte. Die Bevölkerung musste gewarnt werden. Wir hatten wahrlich zu tun, die Orte vor dem Feuer zu bewahren. Das ist dann auch gelungen", so Ziegeler.

Dramatische Rettungsaktionen aus der Luft

Zoll, BGS und Polizei übernehmen Verkehrslenkung und Luftüberwachung - und müssen sich auch immer wieder um Einsatzkräfte am Boden kümmern, die in Gefahr geraten. "Die Polizeihubschrauber haben per Lautsprecher einige Feuerwehrleute rausgeholt, die wären sonst verbrannt", so Ziegelers Erinnerung an dramatische Rettungsaktionen. Auch bei Celle retten Hubschrauber eingeschlossene Soldaten aus der Luft von einer Lichtung und lotsen Feuerwehrleute aus einer Gefahrenzone. Hier steht am 13. August ein Waldgebiet von 50 Quadratkilometern in Flammen. Einige Ortschaften müssen evakuiert werden. In dem kleinen Dorf Hustedt vernichtet das Feuer mehrere Häuser. Im Kreis Gifhorn hingegen ist der Brand zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend eingedämmt.

Feuerwehrmann beim Löschen eines Waldbrandes. © dpa/Picture-Alliance Foto: Rainer Jensen

1975: Die Lüneburger Heide brennt

NDR 1 Niedersachsen -

Zehn Tage kämpfen die Einsatzkräfte gegen das verheerende Feuer in der Lüneburger Heide. Die Bilanz der Katastrophe: Fünf Tote und 7.400 Hektar niedergebrannter Wald.

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Gasleitung wird zur Wasserleitung umfunktioniert

Die Wasserversorgung stellt sich als eines der zentralen Probleme in der Brandbekämpfung heraus. Zu wenig und zu kleine Tanklöschfahrzeuge und weite Wege bis zur nächsten Quelle erschweren den Einsatzkräften die Arbeit. In der Südheide schafft die Bundeswehr ein wenig Abhilfe, indem sie eine mehrere Kilometer lange Rohrleitung für Löschwasser baut. Eine Gasleitung wird zur Wasserleitung umfunktioniert. In Lüchow-Dannenberg stellt eine Westerholzer Spedition sechs große Tankfahrzeuge zur Verfügung.

250 Kilometer lange Rauchfahne

Neben den Großfeuern müssen die Einsatzkräfte auch kleinere Brände bekämpfen, beispielsweise bei Undeloh, Winsen/Luhe sowie bei Bad Harzburg. Das gewaltige Ausmaß der Katastrophe zeigt die Aufnahme eines sowjetischen Satelliten: eine 250 Kilometer lange Rauchfahne über Niedersachsen. Auf dem Höhepunkt der Brände sind 15.000 Feuerwehrleute und rund 11.000 Bundeswehrsoldaten im Einsatz, dazu unzählige weitere Helfer.

Einsatzkräfte zehn Tage voll gefordert

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Knapp 8.000 Hektar Wald- und Moorflächen verbrennen.

Erst am 18. August wird der Katastrophenalarm wieder aufgehoben. Die traurige Bilanz: Fünf Feuerwehrleute sind in den Flammen umgekommen, zwei Helfer sind zudem an Herzversagen gestorben. Mehr als 80 Menschen wurden bei den Löscharbeiten verletzt, zahlreiche unter ihnen erlitten schwere Brandverletzungen. Für viele dürfte es der schwerste Einsatz gewesen sein, den sie je hatten. Auch die Natur trägt schweren Schaden davon: Insgesamt sind mehr als 13.000 Hektar Wald-, Moor- und Heidefläche durch die Flammen zerstört.

Ursachen nie vollständig aufgeklärt

Die Ursachen für die verheerenden Brände im August 1975 können nie vollständig aufgeklärt werden. Zigaretten, Brandstiftung, Funkenflug der Bahn - vermutlich war es eine Vielzahl von Auslösern, die am Ende zur Katastrophe geführt haben.

Die Lehren aus der Katastrophe

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In der Südheide benötigt die Natur rund 20 Jahre, um sich von der Brand-Katastrophe zu erholen.

Aus den Fehlern und Unzulänglichkeiten bei der Bekämpfung der Brände ziehen die Verantwortlichen zahlreiche Lehren: Die Feuerwehr erstellt Waldbrandeinsatzkarten, schafft Fahrzeuge mit Allradantrieb, Vielkanal-Funkgeräte sowie Tanklöschfahrzeuge mit größerem Fassungsvermögen an. Bei entsprechender Waldbrandwarnstufe beobachtet der Feuerwehr-Flugdienst die Wälder. Zudem legt man befestigte Zufahrtswege an, um Einsatzfahrzeugen den Weg zum Brand zu erleichtern. Zahlreiche Löschwasser-Entnahmestellen und Teiche sollen die Wasserversorgung garantieren.

Karte: Brandherde in der Heide im August 1975

Seit 2007 überwacht die von den Niedersächsischen Landesforsten betriebene Waldbrandzentrale Lüneburg mittlerweile rund 400.000 Hektar Wald in Niedersachsens Hauptrisikogebieten. Sobald die Stufe 3 des Waldbrandgefahrenindex an mehreren Orten erreicht ist, wird die Waldbrandzentrale regelmäßig besetzt. Die Mitarbeiter werten die Ergebnisse von 20 Waldbrand-Überwachungskameras aus, die mit einem Rundumblick von jeweils mehr als zehn Kilometern schon frühzeitig Rauchentwicklung dokumentieren, und können entsprechend schnell Alarm an die Einsatzkräfte geben.

Klimawandel erfordert neue Brandschutz-Konzepte

Dennoch sorgen Wald- und Moorbrände auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder für große Zerstörungen mit langfristigen Folgen. Beim wochenlangen Moorbrand bei Meppen im Emsland im Herbst 2018 etwa wurden rund 1.000 Hektar Moorfläche zerstört. Mindestens 500.000 Tonnen CO2 wurden durch den Brand freigesetzt. Und das Risiko, dass es bei lang anhaltenden Trockenphasen infolge des Klimawandels vermehrt zu Bränden kommt, dürfte weiter steigen. Mit einem Aktionsplan will etwa das Land Niedersachsen künftig dagegen halten.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.08.2015 | 19:30 Uhr

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