Stand: 28.03.2010 17:48 Uhr  - NaturNah

Dem Vogelzug auf der Spur

von Britta Probol
Die Vogelwarte Helgoland wurde im Krieg beschädigt und in den 50er-Jahren neu aufgebaut.

Helgoländer Drosselsuppe, Ringeltaube auf Grünkohl - heute weiß auf Deutschlands einziger Hochseeinsel kaum mehr jemand, wie man solche Delikatessen zubereitet. Doch noch im 19. Jahrhundert waren die gefiederten Gäste, die auf den roten Felsen Rast machen, vor allem eine willkommene Abwechslung auf dem Speisezettel der Insulaner.

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Von Kennern auch als Braten geschätzt: die Waldschnepfe.

Der Legende nach rangierte das leibliche Wohl mitunter vor dem Seelenheil: An einem Frühlingssonntag, so heißt es, predigte der Inselpastor gerade Erbauliches, als ein Raunen durch die Kirche ging - die Schnepfen seien im Anflug. Hastig soll da der Seelenhirt die Bibel zugeklappt haben mit den Worten: "De Snepp kümmt! Amen", und die Gemeinde eilte hinaus, um sich mit Netzen und Flinten einen Sonntagsbraten zu sichern.

Vom Vogeljäger zum Hobby-Ornithologen

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Heinrich Gätke, Urvater der Helgoländer Ornithologie, wurde vom Jäger zum Forscher.

Auch Kunstmaler Heinrich Gätke, der sich 1837 auf Helgoland niederließ, schätzte den Vogelreichtum des Eilands anfangs als Jäger und Gourmet. Ergriffen von der Schönheit eines geschossenen Jagdfalken, besah er sich die Tiere jedoch näher: 1843 legte er eine Sammlung präparierter Vögel an und begann vier Jahre später, ein ornithologisches Tagebuch zu führen. Seine frühen Aufzeichnungen über Vögel und Wetter bilden das Fundament der heutigen wissenschaftlichen Datensammlung.

Der Autodidakt Gätke fing zwar schon an, in Fachjournalen zu publizieren, und veröffentlichte 1891 das Buch "Die Vogelwarte Helgoland" - doch bis zur offiziellen Gründung einer ornithologischen Forschungsstation sollte es noch ein paar Jahrzehnte dauern.

Ein Meeresbiologe kommt auf den Vogel

Als 1909 der promovierte Biologe Hugo Weigold nach Helgoland kam, um sich mit dem Meeresleben zu beschäftigen, fand er an der Königlich Preußischen Biologischen Anstalt die präparierten Vögel und die Bibliothek Gätkes vor. Der Hobby-Ornithologe hatte, hoch betagt, seine Schätze der Meeresforschungseinrichtung verkauft, die 1892 ihre Arbeit aufnahm, als Großbritannien die Hochseeinsel an Deutschland abgegeben hatte.

Vogelnarr Weigold war begeistert von dem wissenschaftlichen Fundus und konnte den Anstaltsleiter Friedrich Heincke schließlich überzeugen, ihn zum 1. April 1910 "mit der Ausführung ornithologischer Aufgaben" zu betrauen. Damit war die "Vogelwarte Helgoland" geboren - nach der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung die zweitälteste der Welt.

Weigold wird Herr der Ringe

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Mehr als 800.000 Vögel wurden bis heute auf der Insel beringt.

Weigold stellte die Weichen für eine systematische Erforschung des Vogelzugs: Er begann, wie schon seine Kollegen im damals ostpreußischen Rossitten, mit der wissenschaftlichen Vogelberingung. Die Methode ist so einfach wie genial - die Fundorte markierter Vögel erlauben Rückschlüsse auf die Zugbewegungen. Katalogisiert werden unter anderem auch Informationen über Gewicht, Lebensalter und Todesursache des gefiederten Ringträgers. Das erste auf Helgoland registrierte Tier war eine Singdrossel mit der Ringnummer "1111".

Um seiner Forschungsobjekte besser habhaft zu werden, griff Weigold als Nächstes zum Spaten. Auf dem baum- und strauchlosen Helgoländer Oberland legte er einen "Fanggarten" an: Er begrünte eine Mulde, die wegen ihrer vielen Regentümpel unter Einheimischen "Sapskuhle" heißt. Zwischen den Büschen fing er die Vögel mit Netzen. Da die Prozedur für Mensch und Tier eher stressig war, konstruierte der Biologe ab 1920 die später weltberühmten Helgoländer Trichterreusen. Bei ihnen verengen sich die tunnelartig gespannten Netze allmählich, bis sie in einem Kasten enden. Von da aus werden die Vögel in Leinenbeuteln in die Beringerhütte gebracht.

Evakuiert und ausgebombt

Zweimal in den vergangenen hundert Jahren lag die Vogelforschung auf Helgoland für kurze Zeit brach. Im Ersten Weltkrieg wurde die Insel evakuiert, Gätkes Vogelsammlung - in Zinkkisten verpackt - an Land gebracht und dabei schwer beschädigt. Im Zweiten Weltkrieg kam es noch schlimmer. 1944 vernichtete die Royal Air Force das Nordseemuseum mit weiteren Teilen der Gätke-Sammlung, am 18. April 1948 zerstörten tausend britische Bomber die Insel in zwei Stunden. Die Vogelwarte hatte glücklicherweise das wichtigste Material an zwei Stellen tief im Fels gelagert.

Nachkriegsjahre: Aus der Vogelwarte Helgoland wird das IfV

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Die verwinkelten Helgoländer Trichterreusen ermöglichen einen schonenden Fang.

Gleich nach Kriegsende richtete Weigolds Nachfolger Rudolf Drost notdürftig eine Ausweichstelle in einem Stallgebäude der Uni Göttingen ein. Von der Insel barg er wohlbehalten das unersetzliche Beringungsarchiv - mit den Personalien von damals schon 1,2 Millionen beringten Vögeln und 40.000 Wiederfunden.

In den zerfallenen Strukturen des besiegten Deutschlands musste sich die einst preußische Vogelwarte neu organisieren - seit 1946 untersteht sie als eigenständiges "Institut für Vogelforschung (IfV)" dem niedersächsischen Kultusministerium. Eine neues Bleibe fand das Institut 1947 in Wilhelmshaven, wo sich heute sein Hauptsitz befindet. Auf dem baumbestandenen Gelände des ehemaligen Fort Rüstersiel errichteten die Ornithologen Reusen und Volieren für Versuchsvögel. Auch die heil gebliebenen Exemplare der Vogelsammlung fanden in Wilhelmshaven Platz: Das "Gätke-Kabinett" ist im Wattenmeerhaus des Nationalparkzentrums zu besichtigen.

Neubeginn auf Helgoland

Doch auch auf Helgoland sollte die Arbeit weitergehen. 1952 gaben die Briten die Insel frei - gleich im folgenden Frühjahr schickte das IfV Wolfgang Jungfer los, um eine "Inselstation Helgoland" zu gründen. Es war ein Wiederaufbau von Null. Als Erstes galt es, den zerbombten Fanggarten wiederherzustellen.

Als zum 1. April 1956 Gottfried Vauk die Inselstation übernahm, sah Helgoland noch immer aus "wie ein riesiger Maulwurfshügel aus Dreck". Doch im Jahr darauf wurde das neue Stationsgebäude neben der Sapskuhle fertig, und ein neuer Abschnitt mit sehr viel besseren Arbeitsbedingungen begann.

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Wächter der Nordsee

Längst beschränkte sich das IfV mit seiner Inselstation nicht mehr allein auf die Vogelzug-Forschung. Vögel sind zahllosen menschlichen Einflüssen ausgesetzt - von störenden Freizeitaktivitäten über gefährliche Materialien und Verkehrsmittel bis zur Vernichtung der Lebensräume. Hatte schon Hugo Weigold in den Zwanzigern auf die Bedeutung der Seevögel als Bio-Indikatoren hingewiesen, redete nun vor allem Gottfried Vauk, der "Fänger von Helgoland", Politikern und Wirtschaftsvertretern ins Gewissen.

Der raubeinige Wissenschaftler leitete 32 Jahre lang die Inselstation und warnte vor der Verschmutzung der Meere, lange bevor das Thema Umweltschutz in das allgemeine Bewusstsein gelangte. Er prangerte das Leiden der ölverschmierten Seevögel an und die umhertreibenden "Geisternetze", von Fischern "vergessen", in denen sich jedes Jahr Hunderttausende von Vögeln ebenso wie Wale, Delfine und Seehunde verfingen und qualvoll zugrunde gingen.

Schon fast neun Millionen Vögel beringt

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Aus der Vogelperspektive: das IfV in Wilhelmshaven. Es führt weltweite Forschungsprojekte durch.

Projekte der Umweltforschung sind zunehmend wichtig für das IfV. So betrachten die Wissenschaftler beispielsweise die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf den Vogelzug oder ziehen aus dem Verhalten der Vögel Rückschlüsse auf den Klimawandel.

Neben dem Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen gehört das Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" heute zu dem halben Dutzend der weltweit größten Zentren der ornithologischen Grundlagenforschung. Seine Langzeitdaten zum Vogelzug auf Helgoland sind sind laut IfV-Leiter Franz Bairlein einzigartig: "Nirgendwo sonst ist der Vogelzug über einen so langen Zeitraum derart standardisiert untersucht worden."

In hundert Jahren hat das IfV nahezu neun Millionen Vögel von insgesamt 585 Arten beringt, mehr als 800.000 davon allein auf Helgoland. Zwischen dem Polarmeer und Namibia, zwischen Island und dem sibirischen Perm fanden sich rund 250.000 Vögel von 307 Arten wieder an und wurden ans IfV zurückgemeldet.

Den allerersten Helgoländer Wiederfund konnte Hugo Weigold übrigens schon nach zwei Tagen registrieren: Es war Singdrossel "1111" - erschossen.

Karte: Insel Helgoland

Dieses Thema im Programm:

NaturNah | 26.04.2016 | 18:16 Uhr

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