Stand: 25.11.2018 13:00 Uhr  | Archiv

Zwischen Trauer und Zweifel: Kindstod in der DDR

von Siv Stippekohl, NDR Nordmagazin

Eine Mutter hält in einer Klinik in der DDR ihr neugeborenes Kind im Arm. © NDR Nordmagazin
Junge Mütter in der DDR: Jahrzehnte später schüren oft Medienberichte über DDR-Unrecht Zweifel am Tod des eigenen Kindes.

"Die Leere hat bei mir Einzug gehalten, als ich das Krankenhaus mit Kissen und allem verlassen habe, nur nicht mit meinem Kind", sagt Karin Dubbe-Heitmann. Diese Leere gehörte über 35 Jahre zu ihrem Leben, seit dem 13. Februar 1983, als sie ihren kleinen Sohn verlor. Ein unfassbarer Verlust, auch weil sie keine Antworten auf ihre Fragen bekam.

Kindstod: Keine Erklärung, kein Abschied für die Mutter

1983 arbeitete Karin, damals Anfang 20, in ihrem Traumjob als Krankenschwester auf der Entbindungsstation des Kreiskrankenhauses Hagenow, erwartete ihr zweites Kind. Nach einem vorzeitigen Blasensprung vor der 30. Schwangerschaftswoche kam ihr Baby zu früh zur Welt. "Ich hab's ganz kurz gesehen und dann nie wieder", erzählt sie. Es sei gestorben, hieß es. Keine Erklärung, kein Abschied, anonym die Bestattung, für die Karin bezahlte. Geblieben sind ihr Zweifel, die Hoffnung, vielleicht könne ihr Sohn noch leben.

Obduktionsergebnisse wurden nicht mitgeteilt

Im Frühjahr 2018 hat sie sich schließlich an die Bürgerberatung im Büro der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen in Mecklenburg-Vorpommern gewandt. Und erst jetzt hat sie die Gewissheit, dass ihr Kind tot ist - nicht überlebensfähig war. Schwarz auf weiß nachzulesen im Autopsiebericht, von dem sie eine Kopie in den Händen hält. In der DDR wurden, anders als in der alten Bundesrepublik, nahezu alle verstorbenen Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren obduziert. Eine Fachkommission auf Bezirksebene wertete die Ergebnisse regelmäßig aus, um beispielsweise Rückschlüsse für eine Verbesserung des Infektionsschutzes zu ziehen.

Unstimmigkeiten säen Zweifel bei den Eltern

Die Senkung der Säuglingssterblichkeit war bis 1989 ein Prestigeprojekt des DDR-Gesundheitswesens. Eine umfassende Todesursachenforschung, meint Prof. Andreas Büttner, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock. Dort gehen jährlich zehn bis zwanzig Anfragen von Angehörigen ein, die um Klärung bitten. Mithilfe von Unterlagen, auch aus der Pathologie, kann in der Regel nachgeholt werden, was damals versäumt worden war: Aufklärung. Denn oft säen Unstimmigkeiten, wie unterschiedlich angegebene Todesursachen Zweifel, dabei sei eine Korrektur nach einer erfolgten Autopsie keine Seltenheit.

Drescher: Zweifel der Menschen ernst nehmen

Eine Frau hält in einer Klinik in der DDR ein neugeborenes Kind im Arm. © NDR Nordmagazin
Bislang gibt es keinerlei Belege für den Verdacht, Kinder seien in der DDR fälschlich für tot erklärt worden.

Die Akten der Gerichtsmedizin aus DDR-Zeiten sind in Rostock vollständig erhalten, auch die Unterlagen vieler Krankenhäuser oder andere hilfreiche Bestände, wenngleich diese sich in sehr unterschiedlichen Archiven befinden und Aufbewahrungsfristen teils abgelaufen sind, berichtet Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Ebenso wie Andreas Büttner hält sie mutmaßliche Manipulationen von kindlichen Todesfällen in der DDR für höchst unwahrscheinlich, dafür seien in die Abläufe zu viele Menschen eingebunden gewesen: Ärzte, Hebammen, Pfleger, Friedhofs- und Krankenhausverwaltungen. Wichtig sei es jedoch, jeden Zweifel ernst zu nehmen, zu klären, zuzuhören und die Familien in ihrer Trauer zu begleiten.

Mutter erlangt Gewissheit über Einzelschicksal

Für Karin Dubbe-Heitmann hat die Suche nach 35 Jahren ein Ende. Sie hat mit einer Krankenhausseelsorgerin sprechen können und auf dem Friedhof einen Gedenkstein für ihren Sohn setzen lassen. Seitdem ist sie innerlich zur Ruhe gekommen. Müttern, die ähnliches erlebt haben, rät sie, sich Hilfe zu holen - um mit Zweifel und Trauer leben zu können.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 25.11.2018 | 19:30 Uhr

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