Stand: 08.09.2015 13:09 Uhr  - Hamburg Journal  | Archiv

Wie Hamburger Arbeiter gegen Hitler kämpften

"Nach Mitteilung der Stapoleitstelle Hamburg wurden in der Nacht vom 2. zum 3. September 1942 bei der Firma 'Vereinigte Deutsche Metall-Werke A.G.' in Hamburg 7 Feuerwehrschläuche vorsätzlich beschädigt. Die Schläuche [...] wurden mit einem scharfen Gegenstand an mehreren Stellen eingeschnitten und unbrauchbar gemacht. Die Ermittlungen nach dem Täter waren bisher ergebnislos."

Eine Reihe von Sabotageakten in kriegswichtigen Unternehmen beschäftigt die Geheime Staatspolizei (Gestapo) im Hamburg der 1940er-Jahre. Immer stärker breitet sich unter den Arbeitern in der Hansestadt Widerstand gegen das Nazi-Regime aus. Mehrere Aktionsgruppen versuchen, die Bevölkerung durch illegale Flugblattaktionen über Hitlers Machenschaften aufzuklären. Die größte von ihnen, der zeitweise 300 Mitglieder angehören, wird Anfang Dezember 1941 im Arbeiterstadtteil Barmbek gegründet. Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Robert Abshagen treffen sich mit einigen Gleichgesinnten in Abshagens Wohnung in der Wachtelstraße 4. Sie alle sind Kommunisten, sie alle haben deshalb die vergangenen Jahre in Zuchthäusern und im Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Doch die Zeit der Gefangenschaft hat sie nicht gebrochen - im Gegenteil.

Organisation in "Dreierzellen"

Bästlein, vor der Machtergreifung der Nazis KPD-Mitglied in der Bürgerschaft, hat einen Plan erarbeitet, wie der organisierte Kampf gegen das Regime aussehen soll. Demnach sollen in mehr als 30 Hamburger Großbetrieben und Werften Widerstandskämpfer in mehreren Kleinstgruppen von je drei Mann agieren. Sie sollen die Belegschaft über den Terror der Nationalsozialisten aufklären und heimlich die Arbeit sabotieren, um so die Rüstungswirtschaft zu schwächen. Zu ihrem eigenen Schutz dürfen die Mitglieder verschiedener "Dreierzellen" innerhalb eines Betriebs untereinander keinen Kontakt haben. Stattdessen sollen sie sich über einen Verbindungsmann mit der zentralen Leitung der Organisation direkt austauschen.

"Sorgt für langsames und qualitativ schlechtes Arbeiten!"

Literatur zum Widerstand in Hamburg

Ursula Puls: "Die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe", Berlin 1959.
Herbert Diercks: "Die Freiheit lebt. Widerstand und Verfolgung in Hamburg 1933-1945. Texte, Fotos und Dokumente", Hamburg und Neuengamme 2010.

Bästlein wird zum politischen Leiter der Hamburger Widerstandsgruppe bestimmt und übernimmt die politische Schulung der Genossen. Franz Jacob, ebenfalls ehemaliger KPD-Bürgerschaftsabgeordneter, zeichnet für Agitation und Propaganda verantwortlich. Er besorgt heimlich Schreibmaschinen, Kopierapparate, Papier und Ähnliches. Die Flugblätter schreiben er und weitere Genossen vorwiegend in einem Atelier über dem Restaurant "Tuskulum" am Rödingsmarkt, das ihnen eine Sympathisantin zur Verfügung stellt.

Bis heute erhalten ist ein von Jacob verfasstes "Merkblatt für Bauarbeiter", das die Widerstandskämpfer an Arbeiter verteilten, die von den Nazis in den Osten oder nach Norwegen geschickt werden. Darin heißt es: "Stört den planmäßigen Aufbau der Befestigungsbauten! Sorgt für langsames und qualitativ schlechtes Arbeiten! Sabotiert die deutsche Kriegsführung!"

Robert Abshagen zeichnet sich besonders durch organisatorisches Talent aus. Als "Netzwerker" baut er Verbindungen zu weiteren Widerstandsgruppen auf, vorwiegend an der Waterkant in Kiel, Flensburg, Lübeck, Rostock und Bremen, aber auch in anderen Teilen Deutschlands.

Tabakwarenkiosk wird zur Info-Zentrale

Alle zwei bis drei Wochen treffen sich die Mitglieder der Leitung zu Lagebesprechungen in verschiedenen Wohnungen von Widerstandskämpfern oder in dem Atelier am Rödingsmarkt. Ein Tabakwarenkiosk auf dem Rathausmarkt wird zur "Informationszentrale". Dort arbeitet ein Mitglied der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe als Verkäufer und übermittelt beim Handel mit Zigaretten die Botschaften - ohne selbst zu wissen, was sie eigentlich bedeuten. "Offiziell wurde ich nie über ihre Tätigkeiten eingeweiht", wird der Kioskmitarbeiter nach Kriegsende in einem Bericht zitiert. "Ich habe auch nie nach näheren Zusammenhängen gefragt, denn was man nicht weiß, kann man auch unter ungünstigen Verhältnissen nicht aussagen." Die Aufträge sind verklausuliert und lauten dem Verkäufer zufolge etwa so: "Franz kommt doch auch hier, nicht? Sag ihm doch bitte einen schönen Gruß von Walter und er möchte am Montag die Karre wieder abholen."

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Hamburg Journal | 27.01.2013 | 19:30 Uhr

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