Brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover am 10. November 1938. © HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover. Foto: Wilhelm Hauschild

Niedersachsen gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht

Stand: 09.11.2020 15:27 Uhr

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zündeten Nazis deutschlandweit Synagogen an, zerstörten jüdische Geschäfte und ermordeten Menschen. Niedersächsische Städte erinnern an die Verbrechen.

Wegen der Corona-Pandemie finden die Veranstaltungen allerdings in einem deutlich kleineren Rahmen statt als vorgesehen. Die Stadt Wolfenbüttel hat eine ursprünglich für heute öffentlich geplante Gedenkstunde abgesagt. Bürgermeister Thomas Pink (parteilos) und der katholische Pfarrer Matthias Eggers wollen dennoch an einem Gedenkstein in der Nähe der früheren Synagoge Kränze niederlegen und kurze Reden halten. Dies wird auf der Internetseite der Stadt übertragen.

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SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden' an die Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts. © picture-alliance / dpa Foto: dpa

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Göttinger Gedenkfeier wird online gezeigt

Im Internet wird auch eine Gedenkfeier in Göttingen übertragen. Schülerinnen und Schüler des 13. Jahrgangs des Max-Planck-Gymnasiums und ihre Lehrerin erinnern an die jüdische Familie Nussbaum. Die Familie war aus Göttingen geflohen und überlebte den Holocaust im Exil. Nach Angaben der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist die Veranstaltung auf der Homepage der Stadt Göttingen live zu sehen.

Bad Bentheim: Blumen auf Stolpersteinen

Auch Osnabrück überträgt seine Gedenkveranstaltung heute Nachmittag per Livestream im Internet. Im Laufe des Tages sollen außerdem am Mahnmal an der Alten Synagoge Kränze abgelegt werden, allerdings ohne Zuschauer. Die Stadt Bad Bentheim ruft Bürgerinnen und Bürger dazu auf, an den Stolpersteinen weiße Blumen abzulegen. Die Stadt Meppen hat ihre Gedenkveranstaltung verschoben. Sie soll am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar nachgeholt werden.

Gottesdienst in der Kirchengemeinde Meckelfeld

Die evangelische Kirchengemeinde Meckelfeld im Landkreis Harburg erinnert mit einem Gottesdienst an die entfesselte Gewalt in der Pogromnacht. Er trägt den Titel "Unter aller Augen". Damit solle ein Zeichen gesetzt werden, denn noch immer würden religiöse Gruppen ausgegrenzt, heißt es von den Organisatoren. An dem Gottesdienst können wegen der Corona-Pandemie maximal 30 Menschen teilnehmen.

Synagoge der jüdischen Gemeinde in Oldenburg © dpa - Bildarchiv

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Große Gedenkfeiern fallen fast überall aus

In Hildesheim hat die Stadt am Mahnmal am Lappenberg ein Kondolenzbuch ausgelegt. Dort tragen sich am Nachmittag Oberbürgermeister Ingo Meyer (parteilos) und Vertreter verschiedener Religionen ein. In Hannover legten Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) und Regionspräsident Hauke Jagau (SPD) am Mahnmal der ehemaligen Synagoge einen Kranz nieder. Die traditionelle Gedenkfeier hatte die Stadt abgesagt. Der Gedenkort an der zerstörten Neuen Synagoge an der Roten Reihe ist aber geöffnet. In Braunschweig können Bürgerinnen und Bürger Kränze und Blumen vor der Gedenktafel der ehemaligen Synagoge in der Innenstadt ablegen. In Hameln gibt es aufgrund der Pandemie eine Gedenkfeier ausschließlich für geladene Gäste. Die jüdische Gemeinde ruft zusammen mit der Stadt zu einem stillen, individuellen Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft auf.

Neues Mahnmal in Nienburg eingeweiht

In Nienburg wurde bereits am Sonntag ein neues Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. "Die Entscheidung, in Nienburg ein Mahnmal zu errichten, das wirklich allen Opfern des Nationalsozialismus gedenkt, halte ich für ein ganz wichtiges erinnerungspolitisches Zeichen für Nienburg - und auch über Nienburg hinaus", sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) bei der Einweihung des neuen Denkmals an der Gedenkstätte am Weserwall. Auch diese Veranstaltung fiel kleiner aus: Nach Angaben der Stadt Nienburg waren nur offizielle Repräsentanten und Angehörige der Opfergruppen zugelassen.

Zahlreiche Verhaftungen und Ermordungen von Juden

In den Tagen um den 9. November 1938 wurden von den Nationalsozialisten zentral gesteuert überall in Deutschland Menschen jüdischen Glaubens verhaftet und ermordet. Außerdem verwüsteten die Nazis zahlreiche Wohnungen und setzten Synagogen in Brand. Eine vor zwei Jahren ins Leben gerufene Internetseite fasst Informationen zu den Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in rund 80 Orten zwischen Harz und Nordsee zusammen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 09.11.2020 | 17:00 Uhr

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