Stand: 15.01.2015 11:45 Uhr  - Hamburg Journal  | Archiv

"Mein Großvater war ein mutiger Mann"

Dieter von Specht sitzt in einem Ohrensessel in seinem Wohnzimmer. © NDR Foto: Daniel Sprenger
Dieter von Specht ist am 10. Januar 90 Jahre alt geworden.

Dieter von Specht wurde 1925 in die Hamburger Banker-Dynastie der Berenberg-Gosslers hineingeboren. Sein Großvater war Cornelius Freiherr von Berenberg-Gossler. Nach einigen Jahren in der Berenberg Bank schlug von Specht einen eigenen beruflichen Weg ein und wurde zunächst Werbeberater. 1950 wechselte er zum Tabakunternehmen Britisch American Tobacco (BAT) und wurde später dessen Deutschland-Chef.

Wie kam Ihre Familie zum eigenen Park im Niendorfer Gehege?

Dieter von Specht: Es war die Zeit, in der viele Hamburger Familien, ob es die Amsincks waren, die Willincks oder die Gosslers, aufs Land ziehen wollten. Viele zogen an die Elbe, andere in die Walddörfer. Und einige Familien zogen hier nach Niendorf und Lokstedt. Meine Vorfahren haben 1847 das Ursprungsgelände im Niendorfer Gehege gekauft. Das wurde nach und nach erweitert auf etwa 20 Hektar Größe. 1881 hat mein Urgroßvater dann das Haus bauen lassen. Es war ein großes Haus mit etwa 40 Zimmern.

"Innerhalb von zwölf Tagen wurde das Haus abgerissen"

Welche Erinnerungen haben Sie an das Haus?

Von Specht: Herrliche Erinnerungen! Meine Wiege hat schon im Frühjahr 1925 im Park vorm Haus gestanden. Meine Eltern und wir drei Kinder haben bis 1938 immer im Sommer von den Osterferien bis zu den Herbstferien in dem Haus gewohnt. Vorne war eine wunderbare überdachte Terrasse, darüber ein Riesen-Balkon, innen gab es herrliche Räume, eine große geschwungene Treppe und einen großen Speisesaal. Es gab ja kein Telefon, aber wir hatten eine Anlage, über die das Wohnzimmer durch Röhren mit der Küche verbunden war. Da konnte man reinrufen. Dann verstanden die Mitarbeiter unten, dass sie gefragt waren.

Was erinnern Sie von dem Park?

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In einem Buch ist eine Seite mit einem Aquarell der Villa von Berenberg-Gossler aufgeschlagen. © NDR Foto: Daniel Sprenger
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"Es war ein herrliches Landleben"

Er habe "herrliche Erinnerungen" an die Villa seines Großvaters, sagt Dieter von Specht. Als Stadtkind lernte er dort das Landleben kennen. Einmal wurde sein Opa etwas sauer auf ihn. 2 Min

Von Specht: Wir hatten Kaninchen und Meerschweinchen, Schildkröten und Ziegen. Es war ein herrliches Landleben, was Stadtkinder ja sonst gar nicht haben können. Meine Urgroßmutter war eine geborene Amerikanerin aus Boston. Sie ließ Ende des vorletzten Jahrhunderts per Segelschiff viele Setzlinge von amerikanischen Eichen, Buchen, Akazien und anderen wertvollen Bäumen rüberbringen. Und wenn Sie heute durch den Park gehen, sehen Sie noch einige dieser alten Bäume.

Was ist mit der Villa passiert?

Von Specht: Im Frühjahr 1938 kam eine Delegation der Nazis. Die sahen das Haus und sagten zu meinem Großvater, sie würden es gerne mieten und ein NS-Schulungsheim einrichten. Das war meinem Großvater völlig contre coeur. Er ist in sein Büro gefahren und hat zwei Abbruchunternehmer kommen lassen und hat ihnen gesagt: 'Nicht der Preis ist das Entscheidende, sondern ein absolut wasserdichtes Zertifikat, dass das Haus abbruchreif und nicht bewohnbar ist. Das steht an erster Stelle. An zweiter Stelle steht die Schnelligkeit des Abrisses. Und erst an dritter Stelle der Preis.' Dann hat einer dieser Unternehmer den Auftrag bekommen und das Haus innerhalb von zwölf Tagen abreißen und beseitigen lassen. Restlos.

Obwohl es gar nicht kaputt war?

Von Specht: Nein, es war nicht kaputt. Es war ein sehr mutiger Mann, mein Großvater. Er war zwar in die NSDAP eingetreten, weil er fürchtete, es würde eine Bolschewisierung Deutschlands geben. 1934 trat er aber wieder aus und schickte sein Parteibuch zurück. Er hatte damals Reden von Hitler auf dem Süllberg und bei Hagenbeck gehört und das war ihm so zuwider, dass er ausgetreten ist. Dazu gehörte ja auch sehr viel Mut. Er war bekannt dafür, dass er nun nicht gerade für die Nazis war. Die Familie musste furchtbar vorsichtig sein. Er hat zum Beispiel immer Tagebuch geführt. Die Tagebücher wurden, weil er Angst hatte, dass die Nazis sie finden würden, in Keksdosen versteckt und vergraben. Sie sind erst später wieder ausgegraben worden.

Weitere Informationen
Ein Aquarell von 1884 zeigt die Villa von Berenberg-Gossler im Niendorfer Gehege in Hamburg. © NDR Foto: Daniel Sprenger

Wie ein Hamburger Freiherr die Nazis narrte

Der Bankier Cornelius von Berenberg-Gossler will nicht, dass die Nazis in seiner Hamburger Sommervilla ein Schulungsheim einrichten. 1938 lässt er das Haus kurzerhand abreißen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 18.08.2014 | 19:30 Uhr

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