Stand: 05.02.2018 17:27 Uhr  | Archiv

Jeder weitere Mauer-Tag wäre einer zu viel!

28 Jahre und 88 Tage mit der Mauer - und 28 Jahre und 88 Tage ohne die Mauer. Beide Zeitabschnitte sind an diesem Montag genau gleich lang gewesen. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), sagte aus Anlass des sogenannten Zirkeltages, die Folgen des Mauerbaus seien bis heute nicht überwunden. Wie steht es im Jahr 2018 um die Angleichung zwischen Ost und West?

Ein Kommentar von Rainer Jarohs, NDR 1 Radio MV

Menschen sitzen am 10. November 1989 auf der Berliner Mauer und feiern © dpa Foto: DB
Der 9. November 1989 ging als der Tag des Mauerfalls in die Geschichte ein.

Die Mauer, The Wall, der antifaschistische Schutzwall. Wirklich nicht zu glauben: 28 Jahre ist das schon her! Dabei hatten wir in der DDR nie dran geglaubt, dass die Mauer jemals fallen wird. Es war eine Illusion, ein Traum, ja, eigentlich nicht mal das. Ich habe noch in den 80er-Jahren nicht im Mindesten in Erwägung gezogen, dass ich jemals in meinem Leben am Wochenende nach Hamburg ins Theater oder zu einem Bundesligaspiel fahren kann.

Ich bin mit der Mauer aufgewachsen: Spaziergänge in der DDR-Hauptstadt, irgendwann ging es nicht weiter: die Mauer. Besuche von Freunden an der Grenze, irgendwann ein Mann in Uniform: Ausweiskontrolle. Von der Stasi, Honecker, Mielke, Unrechtsstaat und Gleichmacherei wollen wir gar nicht reden.

Die Glückseligkeit war schnell verflogen

Zu verhärtet waren die Fronten, zu stark die Systeme, zu hoch die Mauer. Da gab es nichts dran zu Rütteln - für immer! Aber das Wunder gab es dann doch! Zack, mit einem Mal fiel sie um. Unfassbar, das gibt's doch nicht, dass man das erleben darf! Aufbruchstimmung, blühende Landschaften, versprach der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU).

Aber die Glückseligkeit war schnell verflogen: neue Probleme, Arbeitslosigkeit, unterschiedliche Sozialisation, kein Verständnis füreinander, andere Lebensplanung, das große Geld, neue Ziele, neue Erfolge, neue Niederlagen. Einige konnten das Tempo nicht halten.

Was wäre gewesen, wenn ...?

Und nun sind schon wieder 28 Jahre rum. Die Frage, die sich bei solchen Anlässen stellt, ist natürlich die: Was wäre wenn? Klar, das ist reine Spekulation. Meine Heimatstadt Rostock wäre buchstäblich zusammengebrochen, jedenfalls die Altstadt. Kein Geld, kein Material, kein Privatinteresse. Da bin ich mir sicher.

Und ich? In den Widerstand wäre ich bestimmt nicht gegangen, dafür bin ich nicht mutig genug - und dafür liebe ich das Leben zu sehr. Ich hätte mich wohl angepasst, wie bislang. Hätte meinen Job gemacht, dann und wann auch meine Meinung gesagt, bis zu einem gewissen Grad, selbstverständlich. Ich hätte West-Fernsehen geguckt und den NDR gehört, jetzt dann schon 56 Jahre lang.

In vielen Köpfen muss die Mauer noch fallen

28 Jahre haben nun wirklich gereicht. "Immerhin ein halbes Leben", sagen die einen. "Nichts, das ist gar nichts, eine Millisekunde der Geschichte", sagen wohl die anderen. Aber diese 28 Jahre Mauer haben gereicht, um vielen das Leben kaputt zu machen, das sie eigentlich in Freiheit und Demokratie führen wollten. Ganz Wagemutige haben die Mauer sogar mit dem Leben bezahlt.

Dass es diese Mauer noch immer in manchen Köpfen gibt, daran muss gearbeitet werden. Hart, wohl noch über Generationen. Es gibt viel zu tun! Aber eins steht für mich fest: Die Mauer darf es nie wieder geben - nicht einmal 28 Tage lang!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 05.02.2018 | 17:08 Uhr

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