Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol in Washington. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: John Minchillo

Angriff aufs Kapitol: US-Amerikaner im Norden erinnern sich

Stand: 06.01.2022 13:05 Uhr

Vor einem Jahr drangen Hunderte Anhänger des abgewählten US-Präsidenten Donald Trumps in das Kapitol ein und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Im Gespräch mit NDR Info sprechen US-Amerikaner im Norden darüber, wie sie den Tag erlebt haben und was sich seitdem verändert hat.

von Lea Eichhorn

Jordan Beck Wagner verfolgte das Geschehen mehrere Tausend Kilometer entfernt. Sie arbeitet für eine Agentur in Hamburg und lebt derzeit in Kiel. Wagner erzählt: "In der Nacht saß ich wie gefesselt vor dem Fernseher." Auch aus der Entfernung berühren die Bilder sie zutiefst. "Meine Schwester lebt in Washington DC. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Deswegen hat es mich sehr persönlich getroffen. Ich habe ja die Orte erkannt. Zuerst war ich nur geschockt und hatte Angst."

Proteste vor dem Kapitol in Washington © imago
AUDIO: So erlebten US-Bürger in Deutschland den Sturm aufs Kapitol (3 Min)

"Entsetzt" über die eigene Partei

Jordan Wagner lebt inzwischen in Kiel. © privat
Jordan Wagner findet: Zu wenige Republikaner distanzieren sich von dem Angriff.

Vorher sei ihr nicht bewusst gewesen, wie zerbrechlich Demokratie sei. sagt sie. Wagner engagierte sich für die republikanische Partei, hat für zwei konservative Präsidentschaftswahlkampagnen gearbeitet - die von John McCain und die von Mitt Romney. Sie ist entsetzt darüber, wie wenig sich "ihre" Partei von dem Angriff auf das Parlament distanziert hat: "Leider gibt es immer noch einen rechten Flügel, der das alles unterstützt und glaubt, was am 6. Januar passiert ist, sei absolut in Ordnung in einer Demokratie."

"Fast lächerlich": Zweifel am politischen System

Die Hamburger Studentin Miquela Berge sah die Szenen damals zu Hause bei ihren Eltern im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken. Sie war für die Semesterferien zurück in ihren Heimatort im Bundestaat Pennsylvania gefahren. "Ich hatte damit gerechnet, dass es Proteste geben würde. Aber dass sie so einfach in das Gebäude einbrechen konnten, während nebenan die Abgeordneten tagten, das konnte ich kaum glauben."

Die Präsidentschaftswahl 2020 war die erste, bei der Miquela Berge ihre Stimme abgeben durfte. Seit ein paar Monaten studiert sie in Hamburg Politikwissenschaft. In den Seminaren geht es auch darum, welche Rolle die USA für Demokratien weltweit spielen. Von ihrem Land werde erwartet, Demokratie zu fördern, erzählt Berge. "Wenn ich dann an den 6. Januar denke, dann kommt mir das ganze politische System in meinem Land plötzlich fast lächerlich vor."

"Die logische Folge der Trump-Zeit"

Christian Persico lebt seit 6 Jahren in Deutschland. © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic
Christian Persico kommt aus einer konservativen Familie.

Auch Christian Persico lebt in Hamburg. Vor sechs Jahren zog er aus den USA nach Deutschland und arbeitet nun am Thalia Theater. Er hätte niemals gedacht, dass ein wütender Mob tatsächlich das Kapitol stürmen könne. "Ich hielt das damals für einfach unmöglich. Jetzt nicht mehr." Persico kommt aus dem sogenannten "Bible Belt" in North Carolina. Er selbst bezeichnet sich als liberal, seine Familie sei aber konservativ. "Ich bin mit Fox News aufgewachsen," so Persico.

In den Tagen nach dem 6. Januar 2021 hatte Persico schon einmal mit NDR Info über seine Gedanken gesprochen. Damals sagte er: Trump habe in den Jahren zuvor Hass und Hetze verbreitet und so den Boden bereitet für den Angriff auf das Parlament. Wie denkt er heute darüber? "Ich würde absolut immer noch sagen, dass es die logische Folge, die logische Konsequenz von dieser Trump-Zeit ist."

Unzufriedenheit trotz Verurteilungen

Mit der Art und Weise, wie das Geschehen aufgearbeitet wird, ist Persico nicht zufrieden. Was seiner Meinung nach fehlt, ist eine grundsätzliche Debatte über die gesellschaftlichen und politischen Ursachen. Die bisherige juristische Aufarbeitung reicht ihm nicht. Auch wenn einige der Angreifer zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt wurden. "Die Leute, die tatsächlich schuld sind, wurden gar nicht verurteilt. Also etwa Trump oder die Leute in seinem Kabinett, die ihn die ganze Zeit unterstützt haben. Und die gesagt haben: 'Diese Wahl wurde geklaut'."

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Capitol mit amerikanischer Flagge © dpa

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Die Studentin Miquela Berge hat den Eindruck, dass die juristischen Verfahren dem Ausmaß des Angriffs nicht gerecht werden. "Ich habe das Gefühl, es bräuchte ein größeres Zeichen. Das war mehr als nur ein Protest, sie sind immerhin in das Gebäude eingebrochen." Berge meint: Es sei immer noch nicht klar, warum es den Eindringlingen überhaupt möglich war, bis ins Kapitol vorzudringen.

Immer noch eine tief gespaltene Gesellschaft

In den Augen seiner Gegnerinnen und Gegner hat Donald Trump die Menge in seiner Rede direkt vor dem Überfall auf das Kapitol angestachelt. Nicht nur über diese Frage streiten die politischen Lager der USA immer noch erbittert - auch ein Jahr später. Jordan Wagner beobachtet, dass sich die Fronten zunehmend verhärten. Republikanerinnen und Republikaner, die sich für eine umfassende Aufklärung der Geschehnisse einsetzten, würden ausgegrenzt und von Ämtern enthoben, wie etwa die Abgeordnete Liz Cheney.

Ein Demonstrant schwenkt die US-Flagge im Inneren des US-Kapitols, nachdem Anhänger von US-Präsident Donald Trump das Gebäude gestürmt hatten. © dpa-Bildfunk/Zuma Press Foto: Miguel Juarez Lugo
Die Angreifer drangen am 6. Januar bis ins Innerste des Kapitols vor.

Jordan Wagner sagt: "Es ist anders als vor 15, 20 Jahren. Damals gab es Menschen, die über Parteigrenzen hinweg kommunizieren wollten. Heute werden die Konservativen immer konservativer und die Demokraten immer liberaler. Wer sich in der Mitte positioniert, wird aus der Partei gedrängt."

Manche hatten die Hoffnung, dass der Sturm aufs Kapitol die Gegner wachrüttelt, sie aufeinander zugehen lässt. Die hat sich in den Augen Christian Persicos nicht bestätigt. "Ich hatte in den Gesprächen mit meiner Familie nicht einmal das Gefühl, dass sie Interesse daran haben, die andere Seite tatsächlich zu verstehen." Das grundsätzliche Problem, die Spaltung der Gesellschaft, sei im vergangenen Jahr nicht gelöst worden, so Persico. "Deswegen würde es mich gar nicht wundern, wenn so was Ähnliches in der Zukunft wieder passieren würde."

 

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NDR Info | Aktuell | 06.01.2022 | 07:25 Uhr