Stand: 26.07.2018 11:15 Uhr  | Archiv

Nach Herz-Transplantation: Fitter durch Sport

von Thomas Samboll, NDR Info

Wenn Mediziner Patienten mit einem Herzleiden nicht mehr anders helfen können, gibt es nur noch eine Möglichkeit: eine Organ-Transplantation. Die Wartezeiten für ein lebensrettendes Spenderherz sind allerdings lang. Wer die zermürbende Wartezeit und die lange Operation gut überstanden hat, kann anschließend wieder ein fast normales Leben führen. Dazu sollte auch viel Bewegung gehören, raten Mediziner.

Vier Medaillen bei der EM nach einer Herz-Transplantation

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Bei der EM der Organtransplantierten 2018 hat Ralf Struckhof (Mitte) unter anderem Gold über 50 Meter Brust gewonnen.

Ralf Struckhof aus dem niedersächsischen Hittfeld hat diesen Rat befolgt und ist jüngst sogar Europameister im Schwimmen geworden. Bei den Europameisterschaften der Organtransplantierten in Italien hat er eine Gold-, zwei Silber- und eine Bronzemedaille gewonnen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der 52-Jährige fast gestorben wäre. Die Ärzte hatten bei ihm mit Mitte 40 eine angeborene Herzschwäche diagnostiziert. Die ließ sich zunächst gut mit Tabletten behandeln.

Mehr als acht Monate auf Spenderherz gewartet

Anfang 2015 ging es Ralf Struckhof aber rapide schlechter, nur noch ein Spenderherz konnte ihn retten: "Ich war über acht Monate im Krankenhaus und habe auf ein Herz gewartet. Ich durfte die Station nicht verlassen, war immer unter Beobachtung und musste einmal wiederbelebt werden. Nach der Transplantation haben die Ärzte mir gesagt, dass sie nicht geglaubt hätten, dass ich die nächsten zwei Wochen noch überlebt hätte, weil mein Herz mittlerweile so schwach war."

Regelmäßiger Sport hilft

Auch deshalb grenzt es fast schon an ein Wunder, dass sich Ralf Struckhof heute, rund drei Jahre nach der Transplantation, so gut fühlt wie schon lange nicht mehr. Das gelingt nicht jedem Patienten, betont Herzchirurg Markus Barten von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE): "Der Patient muss lernen, sich etwas zuzutrauen, schnell wieder auf die Beine kommen, damit der Kreislauf in Gang kommt. Je kränker der Patient vorher war, desto schlechter ist das - etwa wenn auch andere Organe betroffen sind. Vieles ist natürlich auch eine Frage der Einstellung. Patienten, die regelmäßig Sport machen - es muss nicht gleich Höchstleistungssport sein -, profitieren davon, sind einfach fitter. Das hilft auf jeden Fall, ganz sicher."

Psycho-Kardiologen unterstützen Patienten mit Spenderherz

Vertrauen in das neue Herz vermitteln, Mut machen - das ist im UKE die Aufgabe speziell geschulter Psycho-Kardiologen, also Psychologen speziell für Patienten mit einem Spenderherz. Auch Ralf Struckhof hat ihre Hilfe in Anspruch genommen, um schnell wieder auf die Beine zu kommen und auch wieder Rad fahren zu können. "Ich weiß noch, dass ich gefragt habe: 'Was glauben Sie, wie viele Kilometer schaffe ich? Zehn oder zwölf?' Die Antwort war: '50 locker!' Und ich habe gedacht: 'Ja, die wollen mich motivieren, man schafft 50 locker.' Ich fahre regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das sind 27 Kilometer pro Richtung. Und das geht. Die Einschätzung der Ärzte war richtig."

"Auf den eigenen Körper hören"

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Ralf Struckhof tut Sport gut, aber er achtet genau darauf, wie viel er sich zumuten kann.

Angst, dass das neue Herz den Strapazen nicht standhält, hat der 52-Jährige nicht: "Während der langen Zeit im Krankenhaus habe ich gelernt, sehr auf meinen Körper zu hören. Und bilde mir zumindest ein zu wissen, was ich so kann. Es gibt auch durchaus Tage, da geht's mir nicht gut. Es ist sehr wichtig, sehr aufmerksam zu sein, was mit dem eigenen Körper passiert."

Überforderung vermeiden

Mit einem neuen Herzen sollte man sich auf keinen Fall überfordern. Sport und Bewegung können jedoch viel dazu beitragen, wieder ein fast normales Leben zu führen. Ralf Struckhof wird sein ganzes Leben lang Tabletten nehmen müssen, damit das Abwehrsystem seines Körpers das neue Herz nicht abstößt. Und er muss sich regelmäßig untersuchen lassen, damit die Ärzte bei Problemen schnell eingreifen können.

Werbung für Organspenden

Über seinen Europameister-Titel freut sich Ralf Struckhof zwar, aber die Medaillen sind ihm nicht so wichtig. Ihm kam es bei dieser EM auf etwas ganz anderes an: "Werbung für die Organspende zu machen und auch Dankbarkeit gegenüber dem Spender zu zeigen, nur mit dessen Hilfe man ja überlebt hat. Und anderen zu zeigen, dass der Weg sehr positiv sein kann. Und vor allen Dingen den Gedanken weiterzutragen: 'Glaubt dran, dass das klappen kann.' Das ist ganz wichtig!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 25.07.2018 | 09:20 Uhr

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