Stand: 27.06.2016 09:34 Uhr  | Archiv

Mit Akupunktur gegen Übelkeit nach einer OP

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Mit einer Nadel in jedem Handgelenk lässt sich die Übelkeit nach einer Narkose vermeiden.

Akupunktur hilft vielen Menschen bei Schmerzen, Migräne - und auch bei Übelkeit. Die meisten denken bei Akupunktur an Heilpraktiker und alternative Heilmethoden. Mit der klassischen Schulmedizin bringen sie nur wenige in Verbindung. An der Uniklinik Greifswald nutzt man die Nadeln allerdings schon länger gegen Übelkeit - in einem sehr schulmedizinischen Bereich: der Anästhesie. Denn rund 30 Prozent der Patienten, die im Aufwachraum im Krankenhaus nach einer Operation zu sich kommen, geht es erst mal richtig schlecht: Viele leiden an Übelkeit, müssen sich übergeben. Medikamente gegen Übelkeit haben oft Nebenwirkungen wie starke Müdigkeit, Muskelzuckungen oder Herzrhythmusstörungen. An der Uniklinik Greifswald nutzen Ärzte deshalb die unkonventionelle Waffe Akupunktur gegen die Übelkeit.

40 Studien beweisen Wirksamkeit der Akupunkturnadeln

Studien haben die Wirksamkeit der Akupunktur am Handgelenk bei Übelkeit bewiesen. Im Hirnstamm befindet sich das sogenannte Brechzentrum. Das wird aktiviert, wenn vom Magen zum Beispiel die Information kommt: Achtung, giftiger Stoff! Erbrechen sorgt dafür, das Gift schnell wieder loszuwerden. Auf das Narkosemittel reagiert der Körper ganz ähnlich. Wahrscheinlich verwechselt unser Körper das Narkosemittel, also Schlaf- und Schmerzmittel, mit potenziell giftigen Substanzen und versucht sie einfach loszuwerden. Dass Nadeln die Übelkeit erfolgreich bekämpfen, belegen mehr als 40 hochkarätige Studien. Aber außer in Greifswald nutzt kein anderes Krankenhaus in Deutschland die Möglichkeit, Patienten auf diese Art die Übelkeit zu nehmen.

Eine Nadel in jedes Handgelenk

Durch die Nadeln im Handgelenk werden über Nervenbahnen Signale zum Hirnstamm und zum Brechzentrum gesendet. Hier beruhigen sie das durch Narkose- und Schmerzmittel irritierte Brechzentrum. Dadurch wird über den Nervus Vagus die Information an den Magen gegeben. Eine Nadel in jedes Handgelenk - und das Gefühl von Übelkeit verschwindet. Die Theorie der Meridiane und des Energieflusses sind wissenschaftlich nicht bewiesen und spielen bei diesem Behandlungsansatz keine Rolle. Er basiert allein auf neurophysiologischen Erkenntnissen. Der Einstichpunkt am Handgelenk ist so einfach zu finden, dass auch Ärzte und Krankenschwestern ohne Akupunkturausbildung diese Behandlung durchführen können.

Entfernung ein bis zwei Tage nach der OP

Die Nadeln mildern aber nicht nur die Übelkeit: Sie dämpfen auch ein wenig die Schmerzempfindlichkeit, wodurch die Patienten bei der OP manchmal weniger Narkosemittel brauchen. Die Nadeln bleiben auch nach der Operation in der Haut. Bei wieder einsetzender Übelkeit muss der Patient die winzigen Nadeln mit kreisenden Bewegungen massieren und so die Nerven erneut stimulieren. Entfernt werden die Nadeln meist ein oder zwei Tage nach dem Eingriff. Seit acht Jahren nutzen die Greifswalder Mediziner die Akupunkturnadeln. Sie konnten durch die Akupunktur am Handgelenk, in Kombination mit anderen Maßnahmen wie die besondere Auswahl von Narkose- und Schmerzmitteln, die Rate von Übelkeit und Erbrechen um mehr als 50 Prozent reduzieren.

Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr. Taras Usichenko, Oberarzt
Dr. Thomas Heße (DEAA), Oberarzt
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin
Universitätsmedizin Greifswald
Ferdinand-Sauerbruch-Straße, 17475 Greifswald
Tel. (03834) 86 58 01, Fax (03834) 86 58 02
Internet: www2.medizin.uni-greifswald.de/intensiv/index.php?id=19

Dieses Thema im Programm:

Visite | 28.06.2015 | 20:15 Uhr

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