Stand: 03.02.2015 12:11 Uhr  | Archiv

"Einzelne TSH-Messung reicht nicht"

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Prof. Georg Brabant ist Bereichsleiter der Experimentellen und Klinischen Endokrinologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

Müdigkeit, Abgeschlagenheit, schlechte Stimmung, nächtliches Schwitzen und Gewichtszunahme - diese Symptome können auf eine Hashimoto-Thyreoiditis, eine chronische Schilddrüsenentzündung, hinweisen. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Schilddrüse sich selbst zerstört - schleichend und schmerzlos. Professor Georg Brabant informiert im Interview, welche Probleme es bei der Diagnose und auch bei einer Therapie geben kann.

Das Schilddrüsenhormon Thyroxin wird sehr häufig verordnet, die Verordnungszahlen sind in den letzten Jahren ständig gestiegen. Wie erklären Sie sich das?

Prof. Georg Brabant: Zum einen ist die Aufmerksamkeit für Schilddrüsen-Erkrankungen deutlich höher geworden. Zum anderen schießen wir möglicherweise an ein paar Stellen über das Ziel hinaus. Zum Beispiel bei Patienten, die mit Übergewicht kämpfen. Wenn bei denen der Schilddrüsenparameter TSH einmal ein bisschen erhöht ist, wird schnell die Diagnose einer Hypothyreose gestellt und Thyroxin verschrieben. Und das ist so nicht richtig. Denn Übergewichtige haben üblicherweise einen hohen TSH-Spiegel. Das ist aber wieder verschwunden, wenn die Person abnimmt und ein Normalgewicht erreicht. Daneben gibt es noch eine Reihe von anderen Beispielen.

Auch Frauen, die schwanger werden wollen, sind zunehmend eine Zielgruppe. Wieso?

Brabant: Das ist ein Problem, das mich zurzeit sehr beschäftigt. Es gibt Leitlinien, die sagen, man soll bei den Schwangeren das TSH nicht nur in den Normbereich bringen, sondern in den mittleren, unteren Normbereich. Und da sind wir der Meinung, dass dies ein bisschen über das Ziel hinausschießt. Es gibt keine Daten, die das wirklich belegen. Wir denken, dass ein normales TSH innerhalb der üblichen Normgrenzen mit normalen peripheren Schilddrüsenhormonen absolut ausreichend sind. Man soll Schwangere vor der Schwangerschaft hinsichtlich der Schilddrüsenfunktion prüfen, weil wir wissen, dass die Unterfunktion manchmal gar nicht bemerkt wird und dann Schäden in der Schwangerschaft verursachen kann. Wir wissen auch, dass sich die Funktion in der Schwangerschaft verändern kann, aber auch da reicht häufig die Kontrolle und man muss nicht intervenieren.

Wie hoch ist der Normbereich für den TSH-Wert?

Brabant: Das Thyreoidea stimulierende Hormon - abgekürzt TSH - ist das Schilddrüsen stimulierende Hormon der Hirnanhangsdrüse. Der Normbereich variiert zwischen 0,3 bis 0,5 im unteren Bereich und 4 bis 4,5 Mikroeinheiten pro Milliliter im oberen Bereich. International hat man den Bereich zwischen 0,5 und 4 Mikroeinheiten pro Milliliter als Kernbereich für den TSH-Wert gefunden.

Was bedeutet ein erhöhter TSH-Wert?

Brabant: Wenn der TSH-Wert deutlich höher ist als 4 Mikroeinheiten pro Milliliter gibt es harte Daten dafür, dass langfristig kardiovaskuläre Probleme auftreten können. Aber erst bei TSH über 10 Mikroeinheiten pro Milliliter ist das kardiovaskuläre Risiko klar erhöht.

Wenn der TSH-Wert bei einer Blutuntersuchung einmal nicht im Normbereich liegt, dann empfehlen Sie immer eine zweite oder dritte Messung. Warum?

Brabant: Eine einzelne Messung von TSH reicht nicht aus für die Diagnose einer Unterfunktion der Schilddrüse. Sie brauchen mindestens zwei Messungen, weil es sich gezeigt hat, dass eine Vielzahl von Einflüssen, zum Beispiel wie gut der Mensch geschlafen hat, oder ob er gefastet hat und ähnliches bereits den TSH-Wert erheblich beeinflussen können. Außerdem ist das TSH schwierig zu messen und je nach Labor gibt es Schwankungen in den Messungen. Das alles zusammen gibt eine gewisse Unschärfe in der Bestimmung und deswegen empfehlen wir mehr als eine Messung.

Auch eine Studie aus Israel hat sich mit dem Thema beschäftigt - mit welchen Ergebnissen?

Brabant: In der Untersuchung wurden bei circa 350.000 Menschen Schilddrüsenhormone gemessen und da gab es natürlich welche mit einer Über- oder Unterfunktion. Nach drei Monaten ohne jegliche Therapie wurde das TSH erneut gemessen. Bei den Personen, die bei der ersten Messung im Bereich zwischen sieben und zehn lagen, ist der Wert in 50 Prozent der Fälle wieder normal gewesen. Deshalb brauchen wir die Kontrollen.

Das heißt, man sollte die Diagnose nicht zu schnell stellen?

Brabant: Man sollte die Diagnose in beide Richtungen absichern. Bei einer Unterfunktion im Falle einer Hashimoto-Thyreoiditis ist eine langfristige Einstellung mit Schilddrüsenhormonen nötig, da sollte man sich schon sicher sein.

Das Interview führte Katja Gundlach

Dieses Thema im Programm:

Visite | 03.02.2015 | 20:15 Uhr

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