Stand: 16.03.2018 12:19 Uhr

Im Alter Medikamente besser genau überprüfen

Medikamente spielen eine große Rolle für Gesundheit und Wohlbefinden älterer Menschen. Doch viele Präparate helfen nur bedingt. Oft kommt es zu Wechselwirkungen der Pillen untereinander. Die Folge können beispielsweise Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sein. Und wer Gleichgewichtsprobleme hat, kann leichter stürzen. Eine Bestandsaufnahme aller Medikamente und auch Nahrungsergänzungsmittel durch einen Arzt ist extrem wichtig, gerade bei alten Menschen aber etwa 70 Jahren.

Ein Tisch mit mehreren offenen Medikamentenpackungen. Dahinter sitzt eine Frau, von der nur der Oberkörper zu sehen ist, und macht Notizen. © NDR

Praxis-Beispiel: Medikamenten-Aufstellung

45 Min -

Eine 82-jährige chronisch kranke Patientin möchte weniger Tabletten nehmen. Ihr Geriater Thomas Hermens erstellt einen Medikationsplan für sie. Kann sie wirklich Pillen weglassen?

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Nicht mehr als fünf Präparate einnehmen

Als Faustregel gilt: Patientinnen und Patienten sollten nach Möglichkeit nicht mehr als fünf verschiedene Medikamente einnehmen, sonst wird der Cocktail schwer einzuschätzen. Wer jedoch so viele Präparate schluckt, ist oft bei mehreren Ärztinnen und Ärzten in Behandlung. Und nicht immer stimmen sie die von ihnen verordneten Arzneimittel mit denen anderer Ärzte ab. Außerdem nehmen manche Patienten zusätzlich noch freiverkäufliche Medikamente ein, von denen ihre Ärzte gar nichts wissen. Aber auch sie spielen eine Rolle bei den Wechselwirkungen.

Patienten haben Anspruch auf einen Medikationsplan

Seit Ende 2016 hat jeder Patient Anspruch auf einen standardisierten Medikationsplan, wenn er drei oder mehr Arzneimittel einnimmt. Für diese Aufstellung werden alle Präparate und ihre Dosierung erfasst, die ein Patient einnimmt. Ausgestellt wird der Plan vom Hausarzt oder einem Facharzt, der dann eine koordinierende Rolle übernimmt. Die Patienten bekommen einen Ausdruck, den sie bei anderen Ärzten oder im Krankenhaus vorlegen können.

Medikamente können im Alter mehr schaden als nutzen

Bei der Aufstellung aller Medikamente geht es nicht nur darum, Neben- und Wechselwirkungen der Pillen festzustellen: Es gibt schlicht Wirkstoffe, die der ältere Mensch schlechter verträgt als Jüngere. Deshalb kann es passieren, dass ein Patient sogar ein Medikament, das er schon immer genommen hat, plötzlich nicht mehr verträgt.

Das liege daran, dass sich Körper und Stoffwechsel im Alter verändern, erklärt der Hausarzt und Geriater Thomas Hermens. Der Körperfettanteil eines alten Patienten ist höher als bei einem jungen. Gleichzeitig nimmt aber der Wasseranteil ab. Körperfett und Wasser spielen eine entscheidende Rolle bei der Medikamentenaufnahme.

Hinzu kommt, dass wichtige Organe im Alter schlechter durchblutet werden. Auch die Funktion der Nieren etwa nimmt ab. Wirkstoffe werden deshalb langsamer abgebaut und ausgeschieden. Auch die Leber arbeitet mit zunehmendem Alter eingeschränkt. Die Wirkung von Tabletten ist damit schwerer einzuschätzen. Wirkstoffe, die der Körper in jüngeren Jahren gut verstoffwechseln konnte, werden im Alter möglicherweise im Körper angesammelt und könnten sogar toxisch, also giftig für ihn werden, so Dr. Thomas Hermens.

Nutzen und Risiko bei neuen Medikamente abwägen

Kategorien der Forta-Liste

  • Ÿ A = Arzneimittel schon geprüft an älteren Patienten in größeren Studien, Nutzenbewertung eindeutig positiv
  • Ÿ B = Wirksamkeit bei älteren Patienten nachgewiesen, aber Einschränkungen bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit
  • Ÿ C = ungünstige Nutzen-Risiko-Relation für ältere Patienten. Erfordern genaue Beobachtung von Wirkungen und Nebenwirkungen, sind nur ausnahmsweise erfolgreich. Bei mehr als drei Arzneimitteln gleichzeitig als erste weglassen, Alternativen suchen
  • Ÿ D = diese Arzneimittel sollten fast immer vermieden werden, Alternativen finden

Quelle: Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Wer alte Patienten behandelt, sollte die Medikamente, die er verschreibt, noch genauer überprüfen als üblich. Dr. Hermens beispielsweise setzt neue Präparate bei alten Patienten zunächst ganz niedrig dosiert ein und erhöht die Dosis schleichend, um zu sehen, wie sie wirken. Der Geriater zieht zudem das sogenannte Forta-Konzept (Forta = Fit fOR the Aged, für die Alten passend) der Universität Heidelberg zu Rate. Auf der dazugehörigen Liste finden sich gängige Substanzen, die gerade älteren Patienten verschrieben werden, die von A bis D klassifiziert sind.

Neben dem Forta-Konzept gibt es auch noch die sogenannte Priscus-Liste, eine Negativ-Liste mit Medikamenten, die für ältere Menschen als potenziell ungeeignet eingestuft werden. Die Broschüre "Medikamente im Alter: Welche Wirkstoffe sind ungeeignet" informiert ausführlich über die Präparate auf der Liste.

Links

Medikamente im Alter

Broschüre des Bundesministeriums für Bildung Forschung über ungeeignete Wirkstoffe. (PDF) extern

Ergibt die Erstellung eines Medikationsplans, dass ein Patient mehr als fünf Präparate einnimmt, sollte der Hausarzt diese genau überprüfen. Unter Umständen können eines oder mehrere Medikamente vorsichtig abgesetzt werden. Grundsätzlich gilt: Je weniger Medikamente desto besser. Bei manchen Symptomen/Krankheitsbildern hilft beispielsweise ein gezieltes Bewegungsprogramm oder eine spezielle Ernährung, um sie zu bekämpfen.

Hinweis:

Patienten sollten Medikamente nicht ohne Rücksprache mit ihrem Arzt absetzen. Dies könnte lebensgefährlich sein. Nur der Arzt kann beurteilen, welche Medikamente in welcher Kombination genommen werden müssen und welche Alternativen es gibt!

Informationen zur Sendung
45 Min

Omas Pillen-Falle - Gefährliche Medikamente im Alter

19.03.2018 22:00 Uhr
45 Min

Tabletten wirken bei 70-Jährigen anders als bei Jüngeren. Wer mehr als fünf verschiedene Medikamente nimmt, gefährdet vielleicht seine Gesundheit. Worauf müssen Ärzte und Patienten achten? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 19.03.2018 | 22:00 Uhr

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