Stand: 04.12.2017 15:27 Uhr  | Archiv

Hypnose als Alternative zur Narkose

Eine ältere Frau konzentriert sich, mit geschlossenen Augen auf die Worte einer Therapeutin. © fotolia.com Foto: RFBSIP
Eine Hypnose eignet sich prinzipiell für jeden Menschen. Die Fähigkeit, sich in einen Trancezustand versetzten zu lassen, ist aber individuell sehr verschieden.

Zehn Millionen Vollnarkosen pro Jahr werden in Deutschland durchgeführt. Immer wieder kommt es dabei zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder auch Unverträglichkeiten der Narkosemedikamente. Und die Langzeitfolgen von Vollnarkosen sind noch nicht nachhaltig erforscht. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden wird daher schon seit den 1990er-Jahren Hypnose als Alternative zur Narkose angewendet - mit Erfolg. Am Universitätsklinikum Jena wird die medizinische Hypnose bei Operationen am Gehirn eingesetzt - und die Erfolge damit geben den Medizinern recht.

Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Patienten

Die Jenaer Mediziner setzen die Hypnose beim Einsetzen eines Hirnschrittmachers für die Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Patienten ein. Die Tiefenhirnstimulation eignet sich für Patienten, die unter einem starkem Tremor - also einem starken Zittern der Hände - leiden, der nicht auf eine medikamentöse Therapie anspricht. Dazu werden feine Elektroden direkt in tiefe Areale des Gehirns implantiert. Ziel dieser "Hirnschrittmacher" ist es, bestimmte Hirnareale elektrisch zu stimulieren, die für den Tremor verantwortlich sind. Durch die Stimulation wird der Tremor unterdrückt, sodass der Patient zum Beispiel wieder ungestört essen und schreiben kann.

Hypnose ermöglicht besseres OP-Ergebnis

In der Regel finden solche Eingriffe in Narkose statt. Da aber bereits während der Operation überprüft werden sollte, ob die Elektroden richtig platziert wurden, müssen die Patienten noch während des Eingriffs aus der Narkose geholt werden. Im Wachzustand wird überprüft, ob der Tremor wirksam unterdrückt wird. Durch die Wirkung der Narkosemedikamente kann es dabei allerdings zu verzerrten Ergebnissen kommen. Bei der Hypnose dagegen entfallen diese Nebenwirkungen, sodass das Vorgehen ohne Narkose eine hervorragende Überprüfung des Effekts der Tiefenhirnstimulation ermöglicht. Mit Hypnose ist also eine deutlich bessere und gezielte Elektrodenanlage als bei den üblichen Verfahren in Narkose gewährleistet.

Patienten müssen bei Eingriffen am Hirn wach sein

Generell ist bei Operationen am Gehirn die Erhaltung der Hirnfunktionen das oberste Ziel. Daher wird bei Operationen in der Nähe von funktionell wichtigen Teilen des Gehirns versucht, diese Funktion während der Operation kontinuierlich zu überprüfen. Während motorische Funktionen auch am schlafenden Patienten überprüft werden können, ist die Überwachung von Sprechen und Sehen nur beim wachen Patienten möglich. Während des operativen Eingriffs können die Grenzen dieser wichtigen Hirnareale identifiziert und geschont werden. Insbesondere im Bereich der Tumorchirurgie lässt sich dadurch sowohl die Sicherheit als auch die Radikalität der Operation erhöhen. In der Vorbereitung auf eine Wachoperation wird der Patient mit dieser besonderen Situation vertraut gemacht. Für den Fall, dass bei dem Eingriff Komplikationen auftreten, ist jederzeit ein Narkoseteam anwesend, um unmittelbar eine Narkose einleiten zu können.

Gehirn hat keine Schmerzrezeptoren

Operationen am Gehirn sind für den Patienten prinzipiell schmerzfrei, da das Gehirn selbst keine Schmerzrezeptoren besitzt. Die Öffnung der Schädeldecke dagegen ist ohne eine Betäubung schmerzhaft, da sowohl die Kopfhaut als auch der Schädelknochen Schmerzrezeptoren besitzen. Zudem ist das Öffnen der Schädeldecke mit unangenehmen Geräuschen verbunden. Daher werden Operationen am Gehirn in der Regel in Vollnarkose begonnen. Ist die Schädeldecke geöffnet, wird der Patient geweckt, da seine Kooperation dann notwendig ist. Häufig wird der Patient am Ende der Operation, wenn seine Mithilfe nicht mehr benötigt wird, wieder in Narkose versetzt. 

Fähigkeit, sich hypnotisieren zu lassen, ist individuell verschieden

Eine Hypnose eignet sich prinzipiell für jeden Menschen. Die Fähigkeit, sich mittels Suggestion in einen Trancezustand versetzen zu lassen, ist allerdings individuell sehr verschieden. Dabei ist Trance ist nicht, wie oft befürchtet, gleichbedeutend mit dem Verlust über die Kontrolle des eigenen Handelns. Sie ist vielmehr ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit, verbunden mit einem starken Fokus auf innere Bilder und Vorgänge.

In Vorbereitung auf eine Operation unter Hypnose führen der Hypnotiseur und der Patient ausführliche Vorgespräche, in denen zum Beispiel Wohlfühlorte und positive Erlebnisse des Lebens besprochen werden. Im Rahmen der Hypnose begeben sich Hypnotiseur und Patient schließlich gemeinsam auf eine lange Reise. An Wohlfühlorten kann sich der Patient umgucken und umhören. Umgebungsgeräusche wie das Aufbohren der Schädeldecke oder Kälteempfindungen durch desinfizierende Flüssigkeiten im Operationsgebiet werden in die Reise integriert und mit positiven Bildern verknüpft.

Wirkung der Hypnose ist deutlich messbar

Was genau bei Hypnose im Gehirn geschieht, wie Schmerzempfinden reduziert oder sogar vollständig ausgeschaltet wird, ist nicht bekannt. Neuropsychologische Untersuchungen zeigen mithilfe bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomografie und der Ableitung von Gehirnströmen (EEG), dass die Aktivität bestimmter Gehirnareale während der Hypnose reduziert ist. So sind in Trance zum Beispiel die Bereiche, die für das Auslösen von Angst zuständig sind, nicht mehr aktiv. Wie das Unterdrücken von Angst funktioniert auch das Ausschalten von Schmerz durch Hypnose. Hypnose erzeugt im Gehirn deutlich erkennbare und messbare Veränderungen der Aktivität. Das Bewusstsein sieht dadurch keine Veranlassung, Schmerzen oder Angst auszulösen.

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Visite | 05.12.2017 | 20:15 Uhr

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