Stand: 26.11.2019 16:47 Uhr

Hormontherapie: Wie stark steigt Brustkrebsrisiko?

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Die Hormone werden als Tablette, Gel, Spray oder Pflaster verabreicht.

Hitzewallungen, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und ein langsames Austrocknen der Schleimhäute sind mögliche Zeichen der Wechseljahre bei Frauen. Doch während manche die Symptome kaum bemerken, haben andere so ausgeprägte Beschwerden, dass sie ihren Alltag kaum noch bewältigen. Dazu gehören zum Beispiel Schmerzen, Kratzen und Brennen der Haut am ganzen Körper und auch im Genitalbereich. Einige Betroffene leiden sogar länger als ein Jahrzehnt unter den Symptomen. Eine Behandlung mit Hormonpräparaten kann die Beschwerden effektiv lindern - und das Risiko für Osteoporose und Darmkrebs verringern.

Studien von 2002: Hormonpräparate erhöhen Brustkrebsrisiko

Doch seit im Jahr 2002 Studien der Women's Health Initiative (WHI) auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Nutzerinnen von Hormonpräparaten hindeuteten, akzeptieren viele Frauen lieber die belastenden Symptome. Die Anzahl der Verschreibungen ist seitdem um 80 Prozent gesunken. Anders als damals wird die Therapie nicht mehr allen Betroffenen ab 45 Jahren empfohlen, sondern ganz gezielt eingesetzt. Schlagzeilen machte kürzlich eine zusammenfassende Auswertung vieler einzelner Studien (Metastudie), die erneut auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko hinwies. Neueste Untersuchungen wecken jedoch Zweifel an der Aussagekraft der Metastudie.

Verschiedene Medikamente zur Hormonbehandlung bei Patienten.

Steigt Brustkrebsrisiko durch Hormontherapie?

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In den Wechseljahren haben viele Frauen Beschwerden. Hormonpräparate können die Symptome lindern. Doch die Therapien stehen im Verdacht, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen.

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Kritik an Metastudie zur Hormonersatztherapie

Die vielfach in der Presse zitierte Metastudie hatte die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen zusammengefasst und den Schluss gezogen, eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren erhöhe das Brustkrebsrisiko. Trotz der alarmierenden Schlagzeilen betrachten Experten die Metastudie aber mit Skepsis und kritisieren die Auswahl der darin eingeschlossenen Studien als sehr willkürlich:

Gerade wissenschaftlich hochrangige, sogenannte Placebo-kontrollierte Studien hätten die Autoren der Metastudie ignoriert. Dadurch seien die Ergebnisse deutlich verfälscht.

Außerdem beziehe die Metastudie viele Studien mit ein, in denen es um ältere Therapien geht. Dort werden Wirkstoffe verwendet, die in Deutschland aktuell nicht mehr verschrieben werden.

Im Gespräch

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Risikofaktoren für Brustkrebs

Tatsächlich ist das Brustkrebsrisiko normalgewichtiger Frauen mit zunehmendem Alter ohnehin erhöht. Unter einer Hormontherapie steigt das Risiko nach fünf Jahren zusätzlich leicht an und erhöht sich weiter, je länger die Hormone eingenommen werden. So bekommen statistisch betrachtet zwei von 10.000 Frauen innerhalb von fünf Jahren aufgrund der Hormontherapie Brustkrebs. Verglichen mit anderen Risikofaktoren ist der Einfluss gering: Aufgrund von Alkohol (zwei Gläser Wein pro Tag) bekommen zehn von 10.000 Frauen Brustkrebs, aufgrund von Zigaretten sogar 20 von 10.000. Starkes Übergewicht oder Adipositas steigern das Risiko noch viel deutlicher: auf 40 von 10.000 Frauen.

Optimierte Hormonersatztherapie

Die Hormontherapie hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, die in der aktuellen Metastudie nicht berücksichtigt wurden:

  • Während Frauen die Hormonpräparate früher als Tablette einnehmen mussten, werden sie heute in der Regel als Gel, Spray oder Pflaster über die Haut verabreicht, was mit einem deutlich geringeren Risiko verbunden ist.

  • Heute weiß man zudem, dass eine reine Östrogentherapie das Brustkrebsrisiko weniger erhöht als Kombinationspräparate aus Östrogen und Gestagen. Und selbst in den Kombinationspräparaten stecken heute andere Gestagene (zum Beispiel Progesteron), die das Brustkrebsrisiko wahrscheinlich weniger stark ansteigen lassen.-

  • Bei vorhandener Gebärmutter setzen Experten heute auf eine möglichst gering dosierte Östrogen/Progesteron-Kombination über einen möglichst kurzen Zeitraum und versuchen, das Präparat bereits nach einem Jahr nach und nach abzusetzen. Das gelingt in vielen Fällen und hat das geringste Risiko für Thrombose, Herzinfarkt, Schlaganfall und Brustkrebs.

Chancen und Risiken abwägen

Vorteile der Hormonersatztherapie:

  • höhere Lebensqualität
  • gewisser Schutz vor Dickdarmkrebs
  • Schutz vor Osteoporose

Nachteile der Hormonersatztherapie:

  • leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko
  • erhöhtes Thromboserisiko
  • erhöhtes Schlaganfallrisiko

Wer auf Hormonpräparate verzichten sollte

Bei Frauen mit sehr festen oder schwierig zu beurteilenden Brüsten raten Experten von einer Hormonersatztherapie eher ab, da sich Krebsvorstufen oder ein beginnender Brustkrebs bei ihnen in der Vorsorge nicht so leicht erkennen lassen. Auch Frauen, bei denen bereits Krebsvorstufen entdeckt wurden, sollten auf die Einnahme von Hormonpräparaten verzichten.

Wie Frauen ihr Brustkrebsrisiko senken können

Frauen können ihr Brustkrebsrisiko deutlich senken, indem sie

  • auf regelmäßigen Alkoholgenuss und Zigaretten verzichten
  • auf ein gesundes Körpergewicht achten
  • sich viel bewegen

Man geht heute davon aus, dass sportlich aktive Menschen ihr Risiko, an Krebs zu erkranken, im Durchschnitt um 20 bis 30 Prozent reduzieren können. Tritt dennoch eine Krebserkrankung auf, haben Erkrankte, die vorher regelmäßig Sport getrieben haben, nach einer Therapie ein nachweislich geringeres Rückfallrisiko.

Was bei Beschwerden in den Wechseljahren hilft

Gegen Wechseljahresbeschwerden wie "innere Hitze" helfen angepasste Kleidung, der Aufenthalt in kühlen Räumen und der Verzicht auf Alkohol, Kaffee und andere heiße Getränke. Eine positive Wirkung wird auch Omega-3-Fettsäuren, vegetarischer Ernährung sowie Entspannungssport wie Yoga und Tai Chi zugeschrieben. Aus der Naturheilkunde haben sich Traubensilberkerze, sibirischer Rhabarber, Salbei und Johanneskraut bewährt. Wegen möglicher Wechselwirkungen sollten die pflanzlichen Mittel nur in Absprache mit dem Arzt eingenommen werden.

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Experten zum Thema

Priv.-Doz. Dr. Maret Bauer, Gynäkologin
Frauenpraxis Ostufer
Kirchenweg 2
24143 Kiel
(0431) 73 25 11
www.frauenpraxis-kiel.de

Dr. Katrin Schaudig, Gynäkologin
Dr. Anneliese Schwenkhagen, Gynäkologin
Hormone Hamburg                                                              
Praxis für gynäkologische Endokrinologie
Altonaer Straße 59
20357 Hamburg
www.hormone-hamburg.de
Prof. Dr. Kai J. Bühling, Leiter der Hormonsprechstunde
Klinik und Poliklinik für Gynäkologie
Zentrum für Operative Medizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/gynäkologie/sprechstunden/hormonsprechstunde.html
Weitere Informationen
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e.V.
www.endokrinologie.net

Dieses Thema im Programm:

Visite | 26.11.2019 | 20:15 Uhr

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