Stand: 03.06.2018 00:01 Uhr

Organspende: 10.000 Menschen warten auf Hilfe

Organtransplantationen können Leben retten: In Deutschland warten etwa 10.000 Menschen auf ein passendes Organ. 2017 sank die Zahl der Organspender allerdings auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Fragen und Antworten zum Thema.

Tim Berendonk neben einer Box mit einer Organspende. © NDR

WissensCheck: Organtransplantation

Seit 50 Jahren werden in Deutschland Organtransplantationen durchgeführt. Etwa 10.000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste für eine Organspende. Tim Berendonk mit Fakten.

2,86 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wie viele Organspenden gab es im vergangenen Jahr?

Bundesweit gab es 2017 nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nur 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der gespendeten Organe ging von 2.867 im Jahr 2016 auf 2.594 zurück. Ab 2012 war es erstmals zu einem deutlichen Rückgang der Organspenderzahl gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass Ärzte an Transplantationszentren falsche Angaben über ihre Patienten gemacht hatten.

Wie viele Menschen warten auf ein Organ?

Bild vergrößern
Diese Box kann Leben retten. Doch die Zahl der Spender ist rückläufig.

In Deutschland stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) rund 10.000 Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. In den meisten Fällen sind es lebensbedrohliche Krankheiten, die eine Organtransplantation erforderlich machen, etwa bei schwerem Herz-, Lungen- oder Leberversagen. Die Organspende ist für die Betroffenen dann die einzige Möglichkeit, um überleben zu können. In einigen Fällen ist es nicht ganz so dramatisch. Der Verlust einer Organfunktion - beispielsweise der Bauchspeicheldrüse oder der Nieren - ist aber in jedem Fall mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden. Eine Organspende kann in diesen Fällen die Lebensqualität verbessern und das Auftreten von Spätschäden verhindern. Oft vergehen allerdings Monate oder Jahre, bevor sich ein passender Spender findet. Statistisch gesehen sterben täglich drei Patienten, denen mit einer rechtzeitigen Organspende hätte geholfen werden können.

Wann ist eine Organspende möglich?

Eine Organ- und Gewebespende ist nur möglich, wenn bei einem Patienten der Hirntod eingetreten ist. Das heißt, dass sämtliche Hirnfunktionen unumkehrbar ausgefallen sein müssen (Hirntod). Das Herz-Kreislauf-System wird in diesem Fall künstlich aufrechterhalten. Da in den meisten Todesfällen der Herzstillstand vor dem Hirntod eintritt, kommen nur wenige Verstorbene für eine Organspende in Betracht. Eine Gewebespende kann im Gegensatz zur Organspende noch bis zu 72 Stunden nach dem Herzstillstand (klinischer Tod) möglich sein. Daher kommen für eine Gewebespende rund zwei Drittel aller Verstorbenen infrage.

Wo werden Organtransplantationen durchgeführt?

Bild vergrößern
Eine Organtransplantation ist ein schwieriger Eingriff, der Leben retten kann.

In Deutschland koordiniert die DSO die Organvergabe und arbeitet eng mit der Stiftung Eurotransplant zusammen, die wiederum für den Austausch von gespendeten Organen in Deutschland, den Benelux-Ländern, Kroatien, Österreich, Slowenien und Ungarn zuständig ist. Wer in Deutschland ein neues Organ braucht, muss in ein Transplantationszentrum. Ein interdisziplinäres Ärzteteam überprüft nach genau festgelegten Regeln, ob eine Organübertragung notwendig ist und ob sie Erfolg haben kann. Nur dann wird der Patient auf die Warteliste für Organspenden aufgenommen. Bundesweit gibt es etwa 1.400 Krankenhäuser mit Intensivstation, in denen die Entnahme von Organen möglich ist.

Wie wird man Organspender?

In Deutschland müssen sich die Bürger aktiv für eine Organspende entscheiden. Dazu senden die Krankenkassen regelmäßig Informationsmaterial an jede krankenversicherte Person ab 16 Jahren. Im Organspendeausweis kann nicht nur ein "Ja" zur Organspende festgehalten werden. Der Spende kann auch widersprochen werden oder man stimmt nur einer Entnahme von bestimmten Organen zu. Die Entscheidung zur Organspende kann jederzeit widerrufen werden. Umfragen zufolge stehen rund 80 Prozent der Bundesbürger einer Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings hat nur etwa jeder Dritte seine Bereitschaft in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. In den Krankenhäusern entscheiden deshalb in vielen Fällen die Angehörigen über eine Organspende. Ein Register, in dem die Entscheidung zur Organspende festgehalten wird, gibt es in Deutschland nicht. Umso wichtiger ist es daher, mit der Familie darüber zu sprechen.

Wer hilft beim Thema Organspende?

Für Fragen rund um das Thema Organspende haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ein Infotelefon geschaltet. Unter der gebührenfreie Rufnummer 0800/90 40 400 können sich Interessierte und Betroffene informieren und es können ein Organspendeausweis und Informationsmaterial bestellt werden. Das Infotelefon Organspende ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr erreichbar. Auch über die Mail-Adresse infotelefon@organspende.de können Fragen gestellt und Material geordert werden.

Welche Regelung gilt außerhalb Deutschlands?

Anders als in Deutschland, wo die sogenannte Entscheidungslösung seit 2012 gilt, gibt es in den meisten anderen europäischen Ländern eine Widerspruchslösung. Hier ist jeder automatisch Organspender, es sei denn, er hat einer Transplantation zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In Deutschland gibt es auch immer wieder Forderungen, die Widerspruchslösung einzuführen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte der Forderung zuletzt eine Absage erteilt. Er halte Überzeugungsarbeit für besser als Zwang, betonte er.

WissensCheck: Wissensrubrik auf tagesschau24

WissensCheck - das ist die Wissensrubrik auf tagesschau24. Tim Berendonk präsentiert alle 14 Tage dienstags ein aktuelles Thema aus Wissenschaft und Forschung. Die Folgen laufen um 9.20 Uhr, um 10.20 Uhr und stündlich zwischen 10.50 und 18.50 Uhr.

Wie ist die Rechtslage bei Lebendspenden?

Bestimmte Organe oder Organteile können bereits zu Lebzeiten gespendet werden. So können Menschen mit guter Nierenfunktion eine Niere spenden, weil die verbleibende Niere den Ausfall kompensiert. Auch ein Teil der Leber kann gespendet werden. Laut Transplantationsgesetz (TPG) ist die Transplantation von Organen lebender Spender nur zulässig, wenn kein postmortal gespendetes Organ für den Empfänger zur Verfügung steht. Das Transplantationsgesetz stellt sicher, dass eine Lebendspende nur freiwillig und mit möglichst geringem medizinischem Risiko für den Spender erfolgt. Lebendspenden sind nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

Weitere Informationen
Link
NDR WissensCheck

WissensCheck auf Youtube: #gutzuwissen

NDR WissensCheck

WissensCheck - die Wissenschaftsrubrik auf tagesschau24 - gibt es auch auf YouTube: #gutzuwissen. Unser Reporter Tim Berendonk präsentiert alle 14 Tage ein Thema aus Wissenschaft und Forschung. extern

Gibt es Alternativen zur Organspende?

Bereits seit 30 Jahren sind Kunstherzen im Einsatz. Sie können die Überlebenschance während der Wartezeit auf eine Herztransplantation erhöhen. Der Nachteil ist, dass es zu Infektionen, Blutungen und Schlaganfällen kommen kann. Für komplexere Organe wie Niere und Leber eignen sich künstliche Implantate bislang nicht.

Forscher arbeiten an der Möglichkeit, Tierorgane zu verpflanzen, zum Beispiel vom Schwein. Das Problem ist aber, dass das menschliche Immunsystem das Schweinegewebe abstößt. Außerdem besteht das Risiko, dass gefährliche Viren auf den Menschen übertragen werden. Herzklappen aus dem Gewebe von Tieren sind aber schon seit Längerem erfolgreich im Einsatz. Derzeit noch eine kühne Vision sind Organe aus dem 3D-Drucker. Erste Versuche gab es mit einfachen Körperteilen wie einer Ohrmuschel.

Dieses Thema im Programm:

tagesschau24 | 29.05.2018 | 09:20 Uhr

Weitere Informationen

Zahl der Organspenden in Hamburg soll steigen

24 Menschen haben in Hamburg 2017 nach ihrem Tod ihre Organe gespendet - so wenige wie seit Jahren nicht. Mit einem neuen Gesetz will die Gesundheitsbehörde jetzt Abläufe verbessern. (06.02.2018) mehr

MHH: Kliniken verpflanzen mehr Kunstherzen

Krankenhäuser verpflanzen immer häufiger Kunstherzen, um Menschenleben zu retten. Der Grund: Es gibt zu wenige Organspender. Das teilte die Medizinische Hochschule in Hannover mit. (22.11.2017) mehr

Panorama 3

Organspende: Wann ist der Mensch tot?

28.04.2015 21:15 Uhr
Panorama 3

Eine Organspende kann Leben retten. Doch ab wann ist ein Mensch wirklich tot? Angehörige stehen oft vor der schweren Entscheidung: spenden - ja oder nein. mehr

Mehr Ratgeber

03:29
Nordtour

Herbstzauber in Friedrichstadt

22.09.2018 18:00 Uhr
Nordtour
29:56
Iss besser!

Mecklenburger Schmortopf

23.09.2018 16:30 Uhr
Iss besser!
03:29
Nordtour