Stand: 01.04.2019 15:03 Uhr

Organspende: 9.400 Menschen warten auf Hilfe

Organtransplantationen können Leben retten: In Deutschland warten etwa 9.400 schwer kranke Menschen auf ein passendes Organ. Für sie ist eine Transplantation die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Derzeit müssen sich die Bürger aktiv entscheiden, wenn sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen. Eine Gesetzesinitiative soll dies nun ändern. Fragen und Antworten zum Thema.

Wie viele Menschen warten auf ein Organ?

Bild vergrößern
Diese Box kann Leben retten. Die Zahl der Spender ist 2018 wieder angestiegen.

In Deutschland stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) rund 9.400 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. Rund 8.000 Dialysepatienten warten auf eine Nierentransplantation. In den meisten Fällen sind es lebensbedrohliche Krankheiten, die eine Organtransplantation erforderlich machen, etwa bei schwerem Herz-, Lungen- oder Leberversagen. Die Organspende ist für die Betroffenen dann die einzige Möglichkeit, um überleben zu können. In einigen Fällen ist es nicht ganz so dramatisch. Der Verlust einer Organfunktion - beispielsweise der Bauchspeicheldrüse oder der Nieren - ist aber in jedem Fall mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden. Eine Organspende kann in diesen Fällen die Lebensqualität verbessern und das Auftreten von Spätschäden verhindern. Oft vergehen allerdings Monate oder Jahre, bevor sich ein passender Spender findet. Statistisch gesehen sterben täglich drei Patienten, denen mit einer rechtzeitigen Organspende hätte geholfen werden können.

Wie entwickelt sich die Zahl der Organspender?

2018 stiegen die Spenderzahlen nach jahrelangem Rückgang wieder an: Nach Angaben der DSO spendeten 995 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe für schwer kranke Patienten. 2017 waren demgegenüber nur 797 Organspender verzeichnet worden. Ab 2012 war es erstmals zu einem deutlichen Rückgang der Organspenderzahl gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass Ärzte an Transplantationszentren falsche Angaben über ihre Patienten gemacht hatten. Die Zahl der gespendeten Organe lag 2018 bei 3.113, nach 2.594 im Jahr 2017. 1.609 Menschen erhielten 2018 eine neue Niere. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine solche Operation beträgt etwa sechs Jahre. Außerdem gab es 779 Lebertransplantationen, 295 Herzen und 338 Lungen wurden übertragen. Außerdem wurden 91 Pankreastransplantationen vorgenommen. Drei Mal wurde ein Dünndarm transplantiert.

Links
Link

Organspende: Wie läuft das?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Antworten auf alle Fragen rund um die Organspende. extern

Wie wird man Organspender?

In Deutschland müssen sich die Bürger bislang aktiv für eine Organspende entscheiden. Dazu senden die Krankenkassen regelmäßig Informationsmaterial an jede krankenversicherte Person ab 16 Jahren. Im Organspendeausweis kann nicht nur ein "Ja" zur Organspende festgehalten werden. Der Spende kann auch widersprochen werden oder man stimmt nur einer Entnahme von bestimmten Organen zu. Die Entscheidung zur Organspende kann jederzeit widerrufen werden. Umfragen zufolge stehen rund 80 Prozent der Bundesbürger einer Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings hat nur etwa jeder Dritte seine Bereitschaft in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. In den Krankenhäusern entscheiden deshalb in vielen Fällen die Angehörigen über eine Organspende. Anders als in Deutschland, wo die sogenannte Entscheidungslösung seit 2012 gilt, gibt es in den meisten anderen europäischen Ländern eine Widerspruchslösung. Hier ist jeder automatisch Organspender, es sei denn, er hat einer Transplantation zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen.

Wer hilft beim Thema Organspende?

Für Fragen rund um das Thema Organspende haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ein Infotelefon geschaltet. Unter der gebührenfreie Rufnummer 0800/90 40 400 können sich Interessierte und Betroffene informieren und es können ein Organspendeausweis und Informationsmaterial bestellt werden. Das Infotelefon Organspende ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr erreichbar. Auch über die Mail-Adresse infotelefon@organspende.de können Fragen gestellt und Material geordert werden.

Welche Neuregelung wird derzeit diskutiert?

In Deutschland gibt es seit Jahren immer wieder Forderungen, die sogenannte Widerspruchslösung auch in Deutschland einzuführen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte am Montag einen Gesetzentwurf zur Einführung einer doppelten Widerspruchslösung vor. Nach seiner Vorstellung und der weiterer Bundestagsabgeordneter wie SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach soll künftig jeder Bürger grundsätzlich als Organspender gelten, sofern er dem nicht zuvor widersprochen hat. Wer einer Entnahme seiner Organe widersprechen will, muss dies in ein Register eintragen lassen, wobei der Eintrag jederzeit geändert werden kann. Ein solches Register, in dem die Entscheidung zur Organspende festgehalten wird, gibt es in Deutschland derzeit noch nicht. Spahn kündigte eine breit angelegte Informationskampagne an. Jeder Bürger solle drei Mal angeschrieben und über die Widerspruchslösung informiert werden. Der Bundestag will fraktionsoffen über die Neuregelung der Organspende abstimmen.

Wie sind die Reaktionen auf den Vorstoß?

Mindestens eine Parlamentariergruppe kündigte bereits an, einen Gegenvorschlag für ein Gesetz einbringen. Zu den Initiatoren gehören Grünen-Chefin Annalena Baerbock und der CSU-Politiker Stephan Pilsinger. Sie möchten, dass jeder Erwachsene sich etwa bei der Ausstellung des Personalausweises zu seiner Haltung gegenüber der Organspende äußern muss. Die Entscheidung soll in einem Zentralregister erfasst werden, wobei sie jederzeit revidierbar sein soll. Auf Kritik stößt Spahns Vorstoß unter anderem auch bei Patientenschützern und Ethikern. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, nannte die Widerspruchslösung auf NDR Info "ethisch völlig unproblematisch" und "medizinisch wünschenswert". Er habe aber rechtliche Bedenken.

Wann ist eine Organspende grundsätzlich möglich?

Bild vergrößern
Eine Organtransplantation ist ein schwieriger Eingriff, der Leben retten kann.

Eine Organ- und Gewebespende ist nur möglich, wenn bei einem Patienten der Hirntod eingetreten ist. Das heißt, dass sämtliche Hirnfunktionen unumkehrbar ausgefallen sein müssen (Hirntod). Das Herz-Kreislauf-System wird in diesem Fall künstlich aufrechterhalten. Da in den meisten Todesfällen der Herzstillstand vor dem Hirntod eintritt, kommen nur wenige Verstorbene für eine Organspende in Betracht. Eine Gewebespende kann im Gegensatz zur Organspende noch bis zu 72 Stunden nach dem Herzstillstand (klinischer Tod) möglich sein. Daher kommen für eine Gewebespende rund zwei Drittel aller Verstorbenen infrage.

Wo werden Organtransplantationen durchgeführt?

In Deutschland koordiniert die DSO die Organvergabe und arbeitet eng mit der Stiftung Eurotransplant zusammen, die wiederum für den Austausch von gespendeten Organen in Deutschland, den Benelux-Ländern, Kroatien, Österreich, Slowenien und Ungarn zuständig ist. Wer in Deutschland ein neues Organ braucht, muss in ein Transplantationszentrum. Ein interdisziplinäres Ärzteteam überprüft nach genau festgelegten Regeln, ob eine Organübertragung notwendig ist und ob sie Erfolg haben kann. Nur dann wird der Patient auf die Warteliste für Organspenden aufgenommen. Bundesweit gibt es etwa 1.400 Krankenhäuser mit Intensivstation, in denen die Entnahme von Organen möglich ist. Folgende Organe werden in den deutschen Transplantationszentren übertragen: Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm.

Wie ist die Rechtslage bei Lebendspenden?

Bestimmte Organe oder Organteile können bereits zu Lebzeiten gespendet werden. So können Menschen mit guter Nierenfunktion eine Niere spenden, weil die verbleibende Niere den Ausfall kompensiert. Auch ein Teil der Leber kann gespendet werden. Laut Transplantationsgesetz (TPG) ist die Transplantation von Organen lebender Spender nur zulässig, wenn kein postmortal gespendetes Organ für den Empfänger zur Verfügung steht. Das Transplantationsgesetz stellt sicher, dass eine Lebendspende nur freiwillig und mit möglichst geringem medizinischem Risiko für den Spender erfolgt. Lebendspenden sind nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

Gibt es Alternativen zur Organspende?

Bereits seit 30 Jahren sind Kunstherzen im Einsatz. Sie können die Überlebenschance während der Wartezeit auf eine Herztransplantation erhöhen. Der Nachteil ist, dass es zu Infektionen, Blutungen und Schlaganfällen kommen kann. Für komplexere Organe wie Niere und Leber eignen sich künstliche Implantate bislang nicht.

Forscher arbeiten an der Möglichkeit, Tierorgane zu verpflanzen, zum Beispiel vom Schwein. Das Problem ist aber, dass das menschliche Immunsystem das Schweinegewebe abstößt. Außerdem besteht das Risiko, dass gefährliche Viren auf den Menschen übertragen werden. Herzklappen aus dem Gewebe von Tieren sind aber schon seit Längerem erfolgreich im Einsatz. Derzeit noch eine kühne Vision sind Organe aus dem 3D-Drucker. Erste Versuche gab es mit einfachen Körperteilen wie einer Ohrmuschel.

Weitere Informationen
Link

Wie soll Organspende künftig geregelt werden?

Gesundheitsminister Jens Spahn hat den fraktionsübergreifenden Entwurf für eine Widerspruchslösung beim Thema Organspende präsentiert. Sein Tempo dabei sorgt für Kritik. Mehr bei tagesschau.de. extern

Widerspruchslösung? Montgomery hat Bedenken

Ärztekammer-Präsident Montgomery will erreichen, dass sich alle Menschen mit dem Thema Organspende beschäftigen müssen. In der aktuellen Debatte ist er zwiegespalten. mehr

Panorama 3

Organspende: Wann ist der Mensch tot?

Panorama 3

Eine Organspende kann Leben retten. Doch ab wann ist ein Mensch wirklich tot? Angehörige stehen oft vor der schweren Entscheidung: spenden - ja oder nein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 01.04.2019 | 10:00 Uhr

Mehr Ratgeber

09:27
Mein Nachmittag
07:57
Mein Nachmittag
09:00
Mein Nachmittag