Stand: 14.01.2020 09:25 Uhr  - Visite

Delir-Risiko Narkose: Vergesslich nach OP

Nach einer Operation unter Narkose leiden etwa fünf bis 15 Prozent aller Betroffenen an einem sogenannten postoperativen Delir. Delir bedeutet übersetzt etwa so viel wie "aus der Spur geraten". Bei den über 60-Jährigen sind es sogar 30 bis 40 Prozent. Die schwere Funktionsstörung des Gehirns ist mit einem lang anhaltenden intensiven Albtraum vergleichbar. Gestört sind bei einem Delir zum Beispiel:

  • Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Denken und Gedächtnis
  • Psychomotorik und Emotionalität
  • Schlaf-Wach-Rhythmus

Je älter Menschen sind, desto eher wirken sich Eingriffe im Krankenhaus negativ aufs Gehirn aus - und somit auch auf das Gedächtnis. Denn durch Alterung lässt die Fähigkeit des Gehirns nach, auf Störungen zu reagieren und sie auszugleichen. Durch eine Operation oder einen Aufenthalt auf der Intensivstation ist das Gehirn dann schnell überfordert.

Delir-Risiko Narkose: Vergesslich nach OP

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Nach einer Operation haben ältere Menschen ein erhöhtes Risiko für schwere Funktionsstörungen des Gehirns. Typische Symptome eines Delirs sind Verwirrtheit und Wahnvorstellungen.

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Verwirrtheit und Halluzinationen

Das Delir kann direkt nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, innerhalb der ersten Stunden nach der Operation oder erst einige Tage später. Typische Symptome sind Phasen von Desorientierung, Verwirrtheit, körperlicher Unruhe, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Betroffene sehen zum Beispiel Gegenstände oder Lebewesen, die nicht real sind, oder sie erkennen ihre Angehörigen nicht, sind verwirrt oder aggressiv. Doch meist sind die Anzeichen viel subtiler: Die Betroffenen wirken apathisch und depressiv. Oft fällt den Angehörigen erst zu Hause auf, dass etwas nicht stimmt.

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Delir durch Narkose vorbeugen und behandeln

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Wie lässt sich ein Delir nach einer OP vermeiden? Und was hilft, wenn die Funktionsstörung im Gehirn auftritt? Anästhesist Dr. Stefan Maisch informiert über Ursachen und Therapien. Video (04:33 min)

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Delir kann Demenz fördern

In vielen Fällen handelt es sich beim Delir um eine vorübergehende Störung ohne Spätfolgen. Etwa 40 Prozent der Betroffenen sind jedoch auch ein Jahr nach dem Ereignis noch so stark in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit eingeschränkt, dass sie dauerhaft unselbständig bleiben.

Ein Delir kann die Entwicklung von Demenzerkrankungen fördern. In einigen Fällen bestanden bereits leichte Gedächtnisstörungen oder erste Anzeichen einer Demenz, die aber im Alltag nicht aufgefallen waren. Ein postoperatives Delir kann zu einem deutlichen Fortschreiten dieser Entwicklung führen.

Vielfältige Ursache für Delir

Die genauen Ursachen für die Entstehung sind noch nicht geklärt. Fest steht, dass es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren handelt. Eine entscheidende Rolle wird dabei der Reaktion des Gehirns auf entzündliche Prozesse im Körper zugeschrieben. Die Kombination aus Narkosemitteln, Schmerzbotenstoffen, Entzündungsmediatoren und Stresshormonen führt zu Veränderungen der Kommunikation der Nervenzellen untereinander und zur Schädigung von Nervenzellen im zentralen Nervensystem. Dabei scheint das Gehirn von älteren Menschen anfälliger zu sein als das von jungen.

Sicher ist, dass das Gehirn nicht allein durch die Narkose belastet wird. Auch der Eingriff selbst spielt eine Rolle, denn eine Operation provoziert das Immunsystem und führt zu Entzündungsreaktionen. Auch ein Aufenthalt auf der Intensivstation oder eine schwere Erkrankung ohne OP können zum Delir führen. Oft scheinen es vor allem sedierende Medikamente zu sein, die das Gehirn belasten:

  • Beruhigungsmittel, die Ängste nehmen und den Schlaf anstoßen sollen

  • Medikamente, die in das Bewusstsein eingreifen und den Antrieb dämpfen

Risikofaktoren erkennen

Nur selten wird ein Delir durch einen Faktor allein verursacht. Risikofaktoren sind:

  • vorbestehende kognitive Defizite
  • männliches Geschlecht
  • Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck
  • Flüssigkeitsdefizite
  • Eingriffe mit Herz-Lungen-Maschine

Ein besonders hohes Risiko für das Auftreten eines Delirs besteht nach großen Operationen mit langer Narkose, zum Beispiel am Herzen oder bei Oberschenkelhalsbrüchen. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen, die auf einer Intensivstation liegen und beatmet werden, leiden an einem Delir. Bei nicht beatmeten Patienten sind es bis zu 45 Prozent.

Postoperatives Delir erkennen und behandeln

Um ein Delir frühzeitig zu erkennen, kann der geistige Zustand schon kurz nach dem Erwachen aus einer Narkose getestet werden. Dazu überprüft geschultes Pflegepersonal das Orientierungsvermögen mit einfachen Fragen zu Zeit, Ort und Person.

Delir nach OP behandeln

Die Behandlung eines Delirs ist schwer. Medikamente können es noch verstärken. Helfen kann das Pflegeteam:

  • Reorientierung: Immer wieder den Ort deutlich benennen. Dinge wie Brille, Hörgerät und Gebiss sofort nach der Operation zurückgeben.
  • Mobilisation: Kreislauf und Muskeln nach einer Operation stärken.
  • Angehörige einbeziehen: Die persönliche Ansprache hilft, die Verbindung zur Realität wiederherzustellen. Familienfotos, Kalender und eine Uhr am Bett sind oft hilfreich.
  • Gehirn aktivieren: Zum Beispiel kann Gedächtnistraining bei der Erholung helfen.

Delir nach Operation vorbeugen

Mit einfachen Maßnahmen lässt sich das Risiko für das Auftreten eines Delirs senken:

  • Bei geplanten Eingriffen vorher für den bestmöglichen Gesundheitszustand sorgen: Sind bestehende Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck ausreichend behandelt? Wie gut sind Ernährungszustand und Flüssigkeitshaushalt? Gibt es chronische Entzündungsherde, zum Beispiel an den Zähnen, die vorher behoben werden können? Physiotherapie und Atemtraining vor dem Eingriff können die Gebrechlichkeit vermindern damit das Delir-Risiko senken.

  • Bis zu zwei Stunden vor der OP und danach schluckweise trinken, zum Beispiel Wasser, klare Fruchtsäfte, Kaffee und Tee

  • Frühzeitig nach der Operation wieder bewegen

  • Schlaf-Wach-Rhythmus erhalten

  • Sedierende Medikamente meiden

Vor allem bei älteren Patienten kann es hilfreich sein, ihre geistige Leistungsfähigkeit bereits vor der Operation zu überprüfen und die Wahl des Operations- und Narkoseverfahrens vom Ergebnis abhängig zu machen. So kann zum Beispiel bei einer Teilnarkose auf den Einsatz sedierender Medikamente verzichtet werden, indem geschultes Pflegepersonal während des Eingriffs zur Seite steht, um Angst und Stress zu nehmen.

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Experten zum Thema

Priv.-Doz. Dr. Stefan Maisch, Chefarzt
Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin
Albertinen Krankenhaus
Süntelstraße 11a
22457 Hamburg Schnelsen
(040) 55 88-26 96
www.albertinen.de

Dr. Simone Gurlit, MAE
Leitende Ärztin der Abteilung für Perioperative Altersmedizin
Kompetenzzentrum Demenzsensibles Krankenhaus und Delirmanagement
St. Franziskus-Hospital GmbH
Hohenzollernring 70
48145 Münster
(0251) 935 3936
www.sfh-muenster.de

Prof. Dr. Thorsten Bartsch, Leitender Oberarzt
Professur für Gedächtnisstörungen und Plastizität (W2)
Leiter der Gedächtnis- und Demenzambulanz
Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
www.uksh.de

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