Stand: 30.04.2018 11:02 Uhr

Clickworker: Digitale Tagelöhner in Deutschland

von Sebastian Friedrich, NDR Info
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Unabhängig, aber unsicher: Das Arbeiten als "Clickworker" hat Vor- und Nachteile.

Im Bus, in der Bahn oder auf dem Balkon zu Hause - mal eben das Smartphone zücken und ein bisschen Geld verdienen. Das machen immer mehr Menschen, die sogenannten Clickworker. In Deutschland gibt es mehr als eine Million von ihnen. Über Plattformen im Internet bieten Unternehmen Aufträge an, die die Clickworker annehmen können - unter teilweise fragwürdigen Arbeitsbedingungen.

Weltweit mehr als 2.000 Plattformen für Clickworker

Christoph Bartels schaut regelmäßig auf der Plattform clickworker.de, ob es neue Aufträge gibt. Am liebsten beantwortet er Online-Umfragen - etwa zu seinem Kauf- und Konsumverhalten. Auf seinem Smartphone leuchtet eine neue Umfrage auf. Dieses Mal geht es um das Thema Mieten. Bartels klickt den Link und beantwortet die ersten Fragen nach seinem Alter, seinem Wohnort und wie hoch seine Mietkaution ist.

Bartels sucht seit einem Dreivierteljahr nach Aufträgen. Inzwischen gibt es weltweit mehr als 2.000 Plattformen für Clickworker, auf denen Schätzungen zufolge mehrere Hundert Millionen Menschen angemeldet sind. Bei clickworker.de sind derzeit mehr als 1,2 Millionen Menschen dabei - so viele wie bei keiner anderen Plattform in Deutschland.

Auf der Straße sind nebeneinander zwei Wortfelder aufgemalt: Neustart und Abbruch. Eine Person steht vor dem Neustart-Feld. © photocase Foto: SeleneosSeleneos

Digitale Tagelöhner für große Unternehmen

NDR Info - Aktuell -

Die selbstständigen "Clickworker" haben neben der geringen Bezahlung auch große Unsicherheiten. Eine Reportage über diese neue Form der digitalen Arbeit.

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Arbeiten in der digitalen Fabrik

Gerade für Niedrigverdiener sei Clickworking eine zusätzliche Einnahmequelle, sagt Moritz Altenried. Der Sozialwissenschaftler von der Leuphana Universität Lüneburg forscht seit Jahren zu diesem Thema. "Auf diesen Plattformen sind teilweise mehrere Zehn- oder Hunderttausende Leute gleichzeitig am arbeiten. Man kann sich das schon wie eine große Fabrik vorstellen - eine digitale Fabrik," sagt Altenried.

In der digitalen Fabrik gibt es verschiedene Aufgaben: Einige recherchieren Adressdaten und Öffnungszeiten, andere übersetzen Produktbeschreibungen oder kategorisieren Bilder für große Einkaufsportale.

Zehn Cent pro Auftrag

Der freiberufliche Ingenieur Oliver Malicke ist bei verschiedenen Portalen angemeldet. Er hat sich darauf spezialisiert, Texte zu korrigieren. Aber er beurteilt diese Form der Arbeit kritisch: "Clickworker-Plattformen sind eine Möglichkeit für die Unternehmen, billig ihre Textaufträge bearbeiten zu lassen," sagt Malicke. Seiner Ansicht nach haben sich die Verdienstmöglichkeiten als Clickworker in den vergangenen Jahren verschlechtert.

Gerade hat Malicke einen Auftrag gefunden: Er soll nach Adressen von Vereinen suchen. Für wen er das recherchieren soll und zu welchem Zweck, weiß er nicht, denn der Auftraggeber wird auf dem Onlineportal nicht angezeigt. Bezahlt wird pro recherchierter Adresse. Vorher muss er nachweisen, dass er die Aufgabe auch erfüllen kann. Das dauert einige Minuten. Erst wenn er das vollzogen hat, kann Malicke überhaupt anfangen, den ersten Auftrag zu bearbeiten - für ein Honorar von zehn Cent pro Auftrag. "Ich finde das eine Frechheit, ehrlich gesagt," sagt Malicke.

Digitale Stundenlöhner

Der Sozialwissenschaftler Altenried kritisiert zudem die fehlende Absicherung: Clickworker müssen sich selbst versichern und seien von einer stark schwankenden Auftragslage abhängig. Kritiker dieses Modells sprechen gar von digitalen Tagelöhnern. Altenried hält das für gerechtfertigt, eigentlich sei die Lage aber noch drastischer: "Wenn man sich diese Plattformen anguckt, muss man ja fast schon glücklich sein, wenn man Tagelöhner ist. Im Prinzip geht es oft um Sekunden, Minuten oder Stundenlöhner," sagt Altenried.

Neue Arbeitswelt setzt auf hyperflexible Arbeiter

Clickworker sind Teil der sich verändernden Arbeitswelt, die vor allem auf hyperflexible Arbeiter setze, sagt Altenried. Das Modell, dass eine digitale Plattform Aufgaben ausschreibt und diese koordiniert, die dann von Solo-Selbständigen gelöst werden, gebe es überall. "Das gibt's bei Uber für Taxifahren, das gibt's bei Firmen fürs Putzen, das gibt's für Handwerker." Teile der Fahrer von Essenslieferdiensten werden laut Altenried auch so bezahlt.

20 Cent in fünf Minuten

Bartels hat inzwischen alle Fragen der Umfrage zur Mietkaution beantwortet: "Das hat jetzt 20 Cent gebracht." Zu Hause oder in der U-Bahn hätte er dafür maximal fünf Minuten gebraucht. 20 Cent in fünf Minuten - das entspräche einem Stundenlohn von 2,40 Euro. Im Monat verdient er so etwa fünf bis zehn Euro. Dafür, dass Malicke und Bartels NDR Info ein Interview gegeben haben, hat ihnen die Plattform Clickworker.de übrigens ein Honorar von 30 Euro gezahlt.

Weitere Informationen

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Viele Fahrradkuriere von Essens-Lieferdiensten beklagen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen immer mehr verschlechtern. NDR Info hat einen Deliveroo-Fahrer in Hamburg begleitet. mehr

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Fair Crowd Work

Gewerkschaftliche Informationen und Austausch zu Crowd-, App- und plattformbasiertem Arbeiten finden sich auf der Internetseite Fair Crowd Work von der IG Metall. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.04.2018 | 07:08 Uhr

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