Stand: 14.05.2018 10:00 Uhr

"Aus tiefstem Herzen"

"Ich glaube, dass die vielen dramatischen Unruhen in der polnischen Geschichte der polnischen Musik diese geheimnisvolle, melancholische Note gaben, diese traurige Farbe", so Krzysztof Urbański.

Er ist in Polen geboren und aufgewachsen: Maestro Krzysztof Urbański. Für das Festival "My Polish Heart" hat der Erste Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters ein interessantes Programm zusammengestellt, um die reiche Kultur seines Heimatlandes vorzustellen. Julius Heile hat mit dem Maestro gesprochen.

Vom 16. bis zum 25. November 2018 dreht sich im Rahmen des Festivals "My Polish Heart" beim NDR alles um Polen. Wie steht es um Ihr "polnisches Herz"? Schlägt es trotz aller internationalen Tätigkeit nach wie vor hoch?

Urbański: Ja, ein ganz großer Teil meines Herzens ist polnisch. Ich bin dort geboren, aufgewachsen und ausgebildet worden. Meine erste Heimat ist immer noch Polen.

Wie oft kommen Sie denn noch nach Hause?

Urbański: Ich verbringe in Polen den größten Teil meiner Freizeit. Dort leben viele Freunde und fast meine ganze Familie. Das fühlt sich einfach "heimelig" an.

Was die Musik aus Polen betrifft, hören die Kenntnisse bei den meisten Menschen bei Chopin auf. Dabei hat die polnische Musikgeschichte wesentlich mehr zu bieten. Immerhin war Warschau im 17. Jahrhundert das wichtigste Opernzentrum außerhalb Italiens. Wird die polnische Musik in Polen mehr geschätzt?

Das Festival

"My Polish Heart": Ein Festival des NDR

Das NDR Festival "My Polish Heart" beschließt vom 16. bis 25. November den Polen-Schwerpunkt in der Elbphilharmonie. Mit elf Konzerten verbeugt sich der NDR vor der reichen Kultur Polens. mehr

Urbański: Im 17. Jahrhundert war Polen eines der mächtigsten Länder in Europa. Dies beeinflusste natürlich auch die Künste. Selbstverständlich wurde sehr viel Musik vor Chopin geschrieben, aber sie wird tatsächlich fast nur in Polen gespielt. Ich persönlich halte Chopin für das erste wirkliche Genie der polnischen Musikgeschichte. Er beeinflusste kommende Generationen von Komponisten, und die polnische Musik blühte nach ihm regelrecht auf. Im Übrigen kann man gegenwärtig beobachten, dass Werke von Szymanowski, Lutosławski, Penderecki und vielen anderen die Konzertsäle in der ganzen Welt erobern.

Polnische Geschichte ist gekennzeichnet von zahlreichen Brüchen und Unruhen. Nach den Teilungen des Landes im 18. Jahrhundert konnte 1918 die Unabhängigkeit erreicht werden. Doch wenig später schon geriet das Land unter deutsche Besatzung, dann unter die kommunistische Diktatur. Inwiefern spiegeln sich diese politischen Zustände auch in der Musik?

Urbański: Insbesondere in dem 123 Jahre langen Zeitraum, als Polen zwischen Deutschland, Russland und Österreich aufgeteilt war, gab es die dringende Notwendigkeit, polnische Sprache und Kultur zu bewahren. Und die polnischen Künstler jener Zeit nahmen das sehr ernst. Die Tatsache, dass das kulturelle Erbe Polens so viele Versuche, es zu zerstören, überlebte, ist bemerkenswert. Der polnische Freiheitskampf war daher auch Inspiration für viele Künstler im Ausland, beispielsweise für Richard Wagner oder Edward Elgar, die ihre Werke Polen widmeten. Ich glaube, dass die vielen dramatischen Unruhen in der polnischen Geschichte der polnischen Musik diese geheimnisvolle, melancholische Note gaben, diese traurige Farbe.

In Ihren Konzerten im Rahmen des Polen-Schwerpunkts dirigieren Sie Werke von Chopin, Szymanowski, Górecki, Penderecki und Lutosławski. Welche Gründe spielten eine Rolle bei der Wahl des Repertoires?

Urbański: Ich wollte eine große Bandbreite ganz unterschiedlicher Musik vorstellen. Wir haben uns entschieden, Werke von den - meiner Meinung nach - besten polnischen Komponisten aufzuführen. Sie unterscheiden sich oft sehr stark voneinander, sind aber alle meisterhaft komponiert.

Solisten Ihrer Konzerte im Rahmen des Festivals werden Jan Lisiecki und Piotr Anderszewski sein. Fühlen Sie eine gewisse Seelenverwandtschaft, wenn Sie mit ihnen musizieren?

Urbański: Ich glaube nicht, dass Seelenverwandtschaft aus einer gemeinsamen Nationalität entsteht. Es geht vielmehr darum, die Musik auf gleiche Weise zu fühlen. Aber natürlich ist es schön, mit dem Solisten in meiner Muttersprache zu sprechen.

Um eines der Stücke im Festival herauszupicken: Die 1976 komponierte "Sinfonie der Klagelieder" von Henryk Górecki schaffte es 1992 für einige Wochen sogar in die Popcharts. Wie erklären Sie sich das?

Urbański: Góreckis Dritte ist ... anders als alles andere. Sie ist ultraminimalistisch. Sie hören einen A-Dur-Akkord für etliche Minuten. Nichtsdestotrotz ist der emotionale Gehalt enorm. Die Sinfonie beschreibt die größtmögliche Tragödie, die der Menschheit passieren kann: den Tod eines Kindes. Es ist unglaublich, wie es Górecki schaffte, so viele Gefühle in so wenigen Noten einzufangen. Und daher können die Hörer diese Gefühle auch so gut nachempfinden. Das ist der Grund, warum das Stück so ein großer Hit wurde. Góreckis Dritte repräsentiert für mich in wunderbarer Weise viele polnische Werte. Vor allem ist das Stück sehr ehrlich - es kam direkt aus tiefstem Herzen.

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Konzerte

NDR Elbphilharmonie Orchester

"My Polish Heart": Urbański & Lisiecki

22.11.2018 20:00 Uhr und weitere Termine
NDR Elbphilharmonie Orchester

Mit Chopin, Lutosławski und Penderecki gibt das NDR EO einen Einblick in die reiche Orchesterliteratur Polens. Jan Lisiecki interpretiert selten gespielte Werke Chopins. mehr

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Krzysztof Urbański & Piotr Anderszewski

17.11.2018 20:00 Uhr
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NDR Elbphilharmonie Orchester

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25.11.2018 16:00 Uhr und weitere Termine
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