Stand: 12.09.2019 20:17 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

eSport: Wenn Computerspielen zum Beruf wird

von Anina Pommerenke

Esportler Yannik Ersahin von Holstein Kiel trainiert jede Woche bis zu 30 Stunden. Er gehört inzwischen zu den 25 besten Konsolenspielern Deutschlands.

Durchzockte Nächte vor dem Computer mit Chips und Cola? Dafür hat Yannik Ersahin keine Zeit. Der 21-Jährige aus Tornesch ist semiprofessioneller eSportler und steht seit einem Jahr bei Holstein Kiel unter Vertrag. Um mit dem Fußball-Simulations-Spiel "FIFA" irgendwann mal richtig Geld zu verdienen, zieht er ein ziemlich straffes Programm durch: Morgens steht er früh auf und lernt für sein Fernstudium im Bereich Sport und Business Management. Dann hat er auch noch einen Studentenjob, weil er vom eSport alleine nicht leben kann. Dabei gehört er zu den 25 besten Konsolenspielern Deutschlands. Jede Woche stehen 20 bis 30 Stunden Training an. Fußball spielt er außerdem noch ganz herkömmlich und analog im Verein. Die körperliche Fitness braucht er auch für den eSport.

"Es kann jederzeit vorbei sein"

Alles auf die eSport-Karriere zu setzen, käme für Yannik Ersahin nicht in Frage: "Man muss sich einfach klar darüber sein, dass es jederzeit vorbei sein kann." Zum Beispiel, weil jedes Jahr die Spiele erneuert werden, da könne es schnell mal passieren, dass man mit einer neuen Version nicht mehr so gut zurecht komme, berichtet er. Außerdem lasse mit zunehmendem Alter die Konzentrationsfähigkeit nach. Deswegen will er sich mit seinem Studium eine gute Basis schaffen. Das schnelle Geld lasse sich seiner Erfahrung nach in der Branche auch nicht machen. "Wenn dann mal einer 3 Millionen Euro bei Fortnite gewinnt, dann ist das einer von 10 Millionen Gamern. Das sehen die meisten nicht", gibt er zu Bedenken.

Unterstützung und Verständnis der Eltern sind wichtig

Dass Computerspielen ein Beruf sein kann, können viele Eltern nicht nachvollziehen. Auch Ersahins Eltern waren erst skeptisch, was das Hobby ihres Sohnes betraf. "Sie haben allerdings gesagt, solange meine Schulnoten in Ordnung sind, kann ich spielen, so viel wie ich will." Je mehr seine Eltern sich für seinen eSport interessiert hätten, desto mehr Verständnis hätten sie am Ende für seinen Traum gehabt, das ganze beruflich zu machen. Heute würde sein Vater ihn sehr unterstützen und sogar manchmal zu Turnieren kommen, berichtet Ersahin.

Viele Eltern haben keine Vorstellung von der Branche

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Dass die Skepsis gegenüber der Branche auch viel mit Unwissen der Eltern zu tun hat, erlebt der Kieler eSport-Anwalt Dr. Oliver Daum regelmäßig in seiner Kanzlei. Er berät Eltern deren Kinder eSport-Profis werden wollen. "Viele Eltern können sich gar nicht vorstellen, dass man mit eSport tatsächlich Geld verdienen kann", berichtet Daum. Er muss aber auch viele grundsätzliche Fragen beantworten: Wie ist die Branche aufgebaut? Wie sieht es mit dem Jugendschutz auf den Turnieren aus? Wann und wie viel darf mein Kind überhaupt arbeiten? Er rät Eltern außerdem immer dazu, ihre Kinder in Vereinen oder anderen Spielvereinigungen unterzubringen. Dort würden sie professionell betreut und hätten auch gleich sozialen Anschluss, sagt der Anwalt.

Die eSport-Branche kämpft um Anerkennung

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Das eSport-Team von Holstein Kiel setzt auf professionelle Betreuung der jungen Spieler. Dabei wird das Team auch von einem Sponsor unterstützt.

Obwohl sich die eSport-Szene in den letzten Jahren stark professionalisiert hat, kämpft sie immer noch um Anerkennung. Negative Klischees von "pickeligen Nerds", "Kellerkindern" oder vermeintlich gewaltbereiten Amokläufern werden immer wieder von Medien und der Gesellschaft reproduziert. Dabei legen Forschungsergebnisse nahe, dass eine gesellschaftliche Aufwertung der Gamer den Boden für eine differenziertere Diskussion bereiten könnte, erklärt Dr. Silke Eschert von der Fachhochschule für Oekonomie und Management Hamburg. Solange sich die Gamer von der Gesellschaft nicht respektiert fühlen, sei etwa eine konstruktive Debatte über Mediengewalt und gewalttätige Verhaltenstendenzen so gut wie unmöglich, gibt die Wissenschaftlerin zu Bedenken.

"Für Kinder ist es nie gut, wenn sie nur eine Sache machen"

Dass Spielsucht im professionellen eSport eine Rolle spiele, kann Angela Dronia vom Suchthilfezentrum in Schleswig nicht bestätigen. "Wir erleben hier ein anderes Bild", berichtet die Diplom-Pädagogin. Wer spielsüchtig werde, habe meistens etwas zu kompensieren, erklärt Dronia. Zum Beispiel mangelnde Aufmerksamkeit von den Eltern oder Probleme in der Schule.

Es sei jedoch grundsätzlich nicht förderlich für die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen, wenn sie sich immer nur mit einer Sache beschäftigen - egal ob das Computerspielen oder Postkarten schreiben sei, sagt die Pädagogin. Gerade beim Umgang mit dem Computer oder dem Smartphone sollte es also auch Grenzen geben. Dronia ist sich außerdem sicher, dass Spielsüchtige mit den hohen körperlichen und kognitiven Anstrengungen des eSports nicht zurecht kommen würden.

"Je mehr Eltern sich dafür interessieren, desto besser"

Deswegen steht auch bei Yannik Ersahin nicht nur Computerspielen auf dem Trainingsplan. Zum professionellen eSport gehören auch taktische und kognitive Trainings. Wie beim Profi-Fußball findet bei vielen eSport-Vereinen auch eine therapeutische Betreuung statt. "Es ist halt ein Job. Dazu gehören auch weniger spaßige Sachen", sagt Ersahin. Zum Beispiel die Disziplin, nach einer Niederlage weiter zu machen.

Wie sich die Branche in den letzten Jahren entwickelt habe, findet er schon ziemlich cool. "Dafür dass es nur ein bisschen Computerspielen ist", sagt er. Dass auch sein Vater mittlerweile Gefallen an seinem Job gefunden hat, scheint Ersahin stolz zu machen - und er ist überzeugt: "Je mehr Eltern sich dafür interessieren, was ihre Kinder da machen, desto besser!"

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.09.2019 | 08:00 Uhr