Bälle verschiedener Sportarten in einem Schrank. © IMAGO / Jürgen Schwarz

Sportvereine im Corona-Stress: Wie neue Regeln umgesetzt werden

Stand: 13.01.2022 14:00 Uhr

Immer wieder neue Regeln für den Vereinssport: Die Verantwortlichen der 2.600 Vereine in Schleswig-Holstein sind mehr als gestresst. Nun kommt 2G-Plus hinzu. Training läuft derzeit vielerorts auf Sparflamme.

von Andrea Schmidt

Susanne Kruse sitzt im kleinen Geschäftszimmer vom SV Mönkeberg (Kreis Plön). Die berufstätige Mutter hat gerade acht Stunden Arbeit hinter sich - nun noch das Ehrenamt im Sportverein. Und das hat es mal wieder in sich. Die 48-jährige Kassenwartin muss auf die Schnelle ein neues Hygienekonzept schreiben, Mails vom Landessportverband an die Übungsleiter weiterleiten, ans Telefon gehen und Fragen von Mitgliedern und Trainern beantworten. "Und dazu die vielen WhatsApp-Nachrichten. Am Wochenende habe ich zwei Stunden durchgeschrieben und Fragen - so gut es ging - beantwortet." Zehn bis zwölf Stunden hat sie in dieser Woche für den SV gearbeitet. Ihre Familie trägt das mit, Ehemann Tim engagiert sich ebenfalls im 950 Mitglieder starken Verein.

Wie ist das nun mit dem Eltern-Kind-Turnen?

Spaß macht die x-te Änderung der Corona-Regeln aber nun wirklich nicht. Doch Susanne will sich nicht beschweren. Es muss halt sein. Nina Oberschelp ist heute zur Unterstützung da. Die 25-Jährige spielt selbst im Verein Handball, ist Hygienebeauftragte in ihrer Mannschaft und hilft einmal wöchentlich ehrenamtlich in der Geschäftsstelle - einfach, weil sie sich "gern engagiert". Das Telefon klingelt, eine Mutter will wissen, ob das Eltern-Kind-Turnen denn morgen stattfindet. "Ja, das findet statt, um halb vier." Nina und Susanne diskutieren im Anschluss noch darüber, ob die Eltern nun eigentlich geimpft sein müssen oder nicht, denn sie sind ja sorge- und umgangsberechtigt. Laut neuester Verordnung geht hier auch 3G. Auch das muss Mönkeberg also noch genau festlegen.

Eine Frau bringt einen Hygiene-Hinweis in einer Sporthalle an einen Pfeiler an. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Susanne Kruse ist Kassenwartin beim SV Mönkeberg im Kreis Plön.

Dann die Frage mit den Tests. Laut Verordnung dürfen auch Selbsttests vor Ort gemacht werden. Voraussetzung ist, dass eine vom Verein autorisierte Person den Testverlauf kontrolliert. "Wir machen das aber nicht. Das liegt auch daran, dass wir mit der 1. Damen bei der HSG Mönkeberg-Schönkirchen in der Dritten Liga spielen. Mit den Zuschauern ist uns der Aufwand da zu groß." Der Verein, so Susanne, hat das Hausrecht und macht eben davon in diesem Fall Gebrauch. Der Test muss also von offizieller Stelle kommen. Fertig. Wer diskutieren will, soll es tun. Kennt Susanne schon.

Kein Yoga und zum Teil kein Handball

Sie läuft zur Sporthalle rüber, um ihre neu ausgedruckten 2G-Plus Zettel an die Türen und Pfeiler zu kleben. Drinnen trainiert gerade die männliche Jugend B. Einiges fällt aber auch aus. Etliche andere Handballmannschaften haben die letzten Tage nicht trainiert. "Und auch die Yogakurse finden nicht statt", sagt Susanne. Wegen der hohen Inzidenzen möchte die Übungsleiterin zunächst im Januar und Februar sicherheitshalber keine Kurse anbieten.

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Mehrere Handbälle liegt auf einem Handballspielfeld. © NDR Foto: Janis Röhlig

2G-Plus-Regel für Sportvereine in Schleswig-Holstein zum Download

In dem PDF-Dokument vom Landessportverband ist unter anderem aufgelistet, was bei der 2G-Plus-Regel und der Testpflicht für Sportvereine zu beachten ist. Download (67 KB)

TSV Plön mit eigenen Corona-Testern

Es geht zurück an den Schreibtisch - der Abend wird noch lang für die Kassenwartin. Etwas leichter haben es da Vereine, die Angestellte - und normale Arbeitszeiten - haben. Der TSV Plön zum Beispiel. André Falk ist hier Sportwart und kümmert sich schon seit Tagen rund um die Uhr um die neuen Regeln. Auch er findet die Umsetzung nicht leicht. "Wir haben jetzt drei unserer Mitarbeiter bei einer Sanitätsschule angemeldet. Sie werden damit offizielle Corona-Tester und testen unsere Sportler in der Halle und im Sportheim."

Die kurze Ausbildung kostet laut André jeweils knapp 70 Euro - die Kosten übernimmt der TSV Plön. Finn, der zurzeit sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) macht, wird sich zu einem großen Teil um die Einlasskontrollen kümmern, und die Sportler werden gebeten, ein bisschen früher zu kommen, damit keine wertvolle Trainingszeit mit den ganzen Formalitäten verbraucht wird.

"Am schlimmsten ist alles für die Kinder"

Eine Frau bringt einen Hygiene-Hinweis an der Eingangstür einer Sporthalle an. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Wichtig: Hygiene-Hinweise an der Eingangstür der Sporthalle in Mönkeberg.

"Insgesamt haben wir natürlich die Befürchtung, dass weniger Menschen zum Sport kommen", sagt der Sportwart. Handballtraining fällt schon mal komplett die ganze Woche aus - natürlich auch, um erstmal vorsichtig zu sein und weitere Ansteckungen zu verhindern. Die große Sorge ist aber vor allem, dass den Kindern der Sport erneut genommen wird. "Dabei ist das so wichtig, die brauchen doch Bewegung!" Bei diesem Thema wird der Familienvater richtig emotional.

Beim Eltern-Kind-Turnen in Plön waren beim letzten Mal nur sieben da - sonst sind es 40 Kinder plus Eltern. "Aber so viele dürften wir ja auch gar nicht mehr reinlassen. Bei 50 Menschen in der Halle ist ja laut Corona-Verordnung Schluss." Falsch gedacht: Das gilt nur bei Wettkämpfen, nicht im Training, klärt der Landessportverband (LSV) auf.

LSV: Sportangebote werden zum Erliegen kommen

Es sind eben viele Fragen, die selbst die Vereinsvorsitzenden oftmals nicht sofort richtig klären können. Diese ganze Unsicherheit, der Aufwand der Tests, die Schwierigkeiten bei den Einlasskontrollen, die Angst vor Omikron - all das wird laut LSV die Folge haben, dass weniger Schleswig-Holsteiner in den nächsten Wochen Sport machen. "Und manche Sportangebote werden auch erstmal zum Erliegen kommen", ist sich Thomas Niggemann, LSV-Geschäftsführer für den Breitensport, sicher. Viele Vereinsverantwortliche seien mittlerweile mürbe, würden auf dem Zahnfleisch gehen.

Susanne Kruse vom SV Mönkeberg gehört nicht dazu. Klar stöhnt sie auch mal und würde gerne in ihrer Freizeit mehr Sport machen oder ein Buch lesen - anstatt Hygienekonzepte neu zu schreiben. "Aber alles in allem mache ich das gern und unsere Übungsleiter ziehen alle mit." Heute wird sie nicht vor 20 oder 21 Uhr zuhause sein, bis alles fertig ist. Und das, was liegen bleibt - zum Beispiel der Ordner mit den Kassenbelegen für den Jahresabschluss - den muss sie dann wohl am Wochenende machen.

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Das Bild zeigt eine leere Sporthalle. © NDR Foto: Kora Blanken

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.01.2022 | 08:00 Uhr

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