Stand: 28.03.2020 08:00 Uhr

So wertet ein Labor in Kiel Corona-Tests aus

Dr. Michael Siemann steht im Kittel und mit Mundschutz in seinem Labor. Normalerweise würde er sich jetzt schon langsam auf seinen Jahresurlaub einstellen. Portugal wäre das Ziel gewesen. Eine schöne Reise, gutes Essen und eine dreiwöchige Auszeit mit der gesamten Familie. Doch all das muss in Zeiten der Corona-Pandemie warten. Der Leiter der Mikrobiologie des Städtischen Krankenhauses in Kiel hat seinen Urlaub storniert - und kann momentan vor lauter Tests auf das Virus Sars-CoV-2, mit denen Corona-Infektionen nachgewiesen werden, noch nicht mal ans Reisen denken.

VIDEO: Siemann: "Wir haben ein leistungsfähiges Gesundheitswesen" (2 Min)

Vor Corona im Schnitt 16 Proben pro Tag

In der Zeit vor der Corona-Krise wurden im Labor des Städtischen Krankenhauses jährlich etwa 6.000 Tests durchgeführt, im Schnitt also etwa 16 pro Tag. Dabei wurde unter anderem nach Noroviren, Rotaviren oder Bakterien gesucht. Jetzt landen täglich 50 bis 90 Proben aus vielen Regionen des Landes im Labor des Virologen Siemann: "Die kommen aus unserem Haus, aber auch aus den Kliniken in Preetz und Husum oder aus Niebüll." Neun Medizinisch-Technische Assistenten (MTA) und zwei Ärzte analysieren die Proben.

Proben durchlaufen im Labor drei Stationen

Die Proben durchlaufen im Labor drei Stationen. Zunächst werden sie händisch vorbereitet. Danach folgt die Extraktion des genetischen Materials aus den Proben. Der letzte Schritt ist die Amplifikation, denn damit das Virus nachgewiesen werden kann, muss das genetische Material vervielfältigt werden.

Der eigentliche Test wird mit der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion durchgeführt. Dieses Standardverfahren der Labordiagnostik wird sonst bei Vaterschaftstests oder bei Kriminalverbrechen auf der Suche nach genetischen Fingerabdrücken angewandt.

"Hätten wir nur eine einzelne Probe, wäre diese innerhalb von zwei Stunden fertig", sagt Siemann. "Da wir aber so viele Proben haben, verzögern sich die Analysen durch den manuellen Schritt am Anfang." Trotzdem können er und sein Team innerhalb von drei Stunden bis zu 96 Laborbefunde erstellen.

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Können Lieferanten weiter Reagenzien liefern?

Steigt die Zahl der Proben weiter an, werden sie diese Anzahl im Labor wohl mehrmals täglich auswerten müssen. Fraglich ist allerdings, wie lange das Krankenhaus noch die Mittel dafür hat. Lieferanten können oft die nötigen Reagenzien nicht mehr liefern, da die Nachfrage danach rapide ansteigt. Siemann erklärt: "Wir könnten täglich bis zu 500 Tests machen, aber dann hätten wir ein Nachschub-Problem. Es ist jetzt schon ein Kampf gegen die Löcher im Fass."

Sieben-Tage-Woche: "Ich träume nichts mehr"

Ein Ende der Pandemie würde auch wieder etwas Ruhe für den Virologen Michael Siemann und sein Team bedeuten. Dann könnte er von seinem Urlaub in Portugal träumen - momentan während der Sieben-Tage-Woche ausgeschlossen: "Ich träume nichts mehr. Ich falle abends nur noch müde ins Bett und schlafe so lange, bis der Wecker morgens klingelt."

Dr Michael Siemann und MTA Petra Horns sind stehen im Mikrobiologielabor des Städtisches Krankenhaus Kiel.  Foto: Samir Chawki

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Der Tag in Schleswig-Holstein | 27.03.2020 | 17:40 Uhr

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