alter Mensch im Krankenbett © picture alliance Foto: Ines Baier

Seniorenheimbetreiber: Corona von früh bis spät

Stand: 08.02.2021 12:03 Uhr

Oliver Gahl betreibt in und um Mölln die drei Seniorenheime "Leben und Pflegen" für 140 Menschen: Betreutes Wohnen für Demenzkranke und Pflegebedürftige jeden Grades - bislang Corona-frei.

Von Antje Kasemeyer

Wenn der 56-jährige Oliver Gahl morgens aufwacht, greift er sofort zum Handy: Gibt es Meldungen, Notrufe aus der Nacht, besondere Vorkommnisse? Die Herausforderung war vorher schon groß, aber derzeit ist sie noch viel, viel größer, sagt er. Seine mehr als 120 Mitarbeiter werden seit Monaten jeden Tag vor Dienstbeginn auf Corona getestet, die Bewohner zweimal die Woche und natürlich auch jeder Besucher. Tausende von Schnelltests wurden bereits benötigt. "Alles bis 9 Euro Kosten wird von der Bundesregierung refinanziert." Und demnächst sind auch alle - Bewohner wie Personal - zum zweiten Mal gegen das Virus geimpft.

Schutzmaterial war anfangs überteuert

Ein Portrait von Oliver Gahl
Oliver Gahl betreibt drei Seniorenheime in und um Mölln.

Vor einem Jahr war er mit seiner Nachwuchshandball-Mannschaft in Dänemark. Auf der Heimfahrt vom Trainingslager erhielt er die Mitteilung, dass wegen des Virus alle Meisterschaften abgesagt wurden. Kaum zu Hause angekommen, setzte sich Oliver Gahl an den PC und googelte: Schutzanzüge, Desinfektionsmaterial, Masken. Horrende Preise wurden dafür aufgerufen, aber es musste schnell gehen, bevor alle sich auf die Mangelware stürzen würden. "Damals haben wir für eine FFP2-Maske 7,50 Euro das Stück bezahlt. Heute bekommen wir die über den Großhandel für einen Euro".

Vom Grenzschutz in die Pflege

Mit 16 Jahren ging Oliver Gahl zur Polizei, kam zum Grenzschutz, wurde Beamter auf Lebenszeit. Doch acht Jahre später stand er vor seinem Kommandeur und kündigte. "Mein Leben lang eine Grenze zu bewachen, erschien mir zu langweilig", erinnert er sich. Er begann eine Ausbildung als Krankenpfleger, arbeitete später lange auf der Intensivstation. 1999 bot ihm eine Bekannte an, ein kleines Heim mit 12 Pflegeplätzen zu übernehmen. Damit fing alles an. Mittlerweile betreibt er drei Heime. In Poggensee eine Einrichtung für Demenzerkrankte, in Mölln eine betreute Wohnanlage mit 13 Plätzen und seit vier Jahren auch noch eines im umgebauten Schulgebäude der Bundeswehrverwaltung im Robert-Koch-Park, in dem heute 97 Pflegebedürftige leben.

Ein Portrait von Oliver Gahl

AUDIO: Schleswig-Holstein-Schnack mit Oliver Gahl (23 Min)

Masken verstörten Bewohner

In einem alten Bauernhaus in Poggensee vor den Toren Möllns leben 35 Demenzkranke, darunter auch Gahls Mutter. Gahls Motto "Leben und Pflegen" ist hier eine besondere Herausforderung, weil die medikamentenfreie Milieutherapie viel Zuwendung benötigt. Für Aufstehen, Essen, Therapien gibt es Zeitkorridore, in strenge Muster lassen sich Demente nicht pressen. Eingesperrt wird hier auch niemand. Wer den Hof verlässt, löst per Chip im Schuh einen stillen Alarm aus, dann gehen die Betreuer schon mal hinterher und schauen nach dem Rechten. Von Corona wissen die Bewohner nicht viel, dennoch verstörte sie es schon, dass alle Betreuer auf einmal Masken trugen. Besonders schwierig für Schwerhörige, die nun nicht mehr von den Lippen ablesen können.

"Wir hatten bislang auch Glück"

In normalen Jahren gönnte sich Oliver Gahl auch nur dreimal je eine Woche Urlaub, im letzten Sommer blieb er in einem Ferienhaus auf dem Priwall lieber in der Nähe. Jetzt im Winter waren es drei Tage in der familieneigenen Ferienwohnung im Harz. Und auch zu Weihnachten mussten alle zurückstecken. Oliver Gahl holte seinen 91-jährigen Vater zu sich, feierte mit Frau und jüngster Tochter. Die älteren beiden Kinder waren nur per Skype zugeschaltet. "Natürlich bin ich überglücklich, dass wir bis jetzt in unseren Häusern Corona-frei geblieben sind. Wenn es erst einmal drin ist, bekommst du es kaum wieder raus. Die zwei großen Einfalltore, die es gibt, sind wir als Personal und die Besucher und daher testen wir permanent und schützen uns und damit die Bewohner. Aber ich muss gestehen, wir hatten bislang auch etwas Glück".

Und wie geht es weiter? "Ich bin gespannt, wann die Politik sagt, jetzt ist die Lage wieder im Griff, jetzt nehmen wir die Beschränkungen wieder zurück. Das braucht Mut", sagt Oliver Gahl. Und was macht er, wenn sich wirklich eines Tages die Lage wieder halbwegs normalisiert hat? "Wir werden mit allen Bewohnern und dem Personal gemeinsam ein großes Fest feiern. Das haben wir uns fest vorgenommen."

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