Stand: 16.04.2020 12:58 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Krisenforscher Roselieb: "Meilensteine sind jetzt wichtig"

Inzwischen ist klar: Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie bleiben noch bis mindestens Anfang Mai bestehen. Einige kleinere Lockerungen der Beschränkungen gibt es aber. Zum Beispiel dürfen Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmetern wieder öffnen, wenn sie Hygienekonzepte vorlegen. Großveranstaltungen sind bis Ende August erst mal abgesagt. Frank Roselieb ist Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung und bewertet im Interview die Entscheidungen und das Verhalten von Bund und Land während der Corona-Pandemie.

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Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung bewertet die Entscheidungen von Bund und Ländern.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Ministerpräsidenten-Konferenz mit Kanzlerin Angela Merkel?

Frank Roselieb: Das war eigentlich ein relativ schlauer Schachzug von der Bundeskanzlerin, sie sprach ganz bewusst von einem zerbrechlichen Zwischenerfolg, der bisher erreicht wurde. Damit zeigt sie einerseits den Menschen den Silberstreif am Horizont auf. Auf der anderen Seite macht sie aber auch deutlich, dass die Krise noch lange nicht überwunden ist. Und sie nimmt auch die Bürger relativ gut mit. Sie setzt beispielsweise auf die Kreativität der Marktwirtschaft. Auch Friseure dürfen wieder öffnen, ab Anfang Mai. Aber sie müssen Hygienekonzepte erarbeiten. Und Merkel schafft vor allem auch Planungssicherheit, wenn sie sagt, dass es einen 14-Tages-Rhythmus gibt, in dem sich Bund und Länder austauschen.

Die Kontaktbeschränkungen wurden noch einmal verlängert – ist das angemessen?

Roselieb: Ich halte das Kontaktverbot für relativ wichtig. Ich habe auch regelmäßig die Telefonkonferenz mit den Infektionsmedizinern, die sagen, das ist der Kern des gesamten Pandemie-Managements. Was aber auch wichtig ist: Die Ministerpräsidenten und auch die Bundesregierung beobachten nicht nur die Infektionszahlen, es werden auch andere Daten ausgewertet. Beispielsweise wird beobachtet: Wie entwickelt sich die Wirtschaft? Wie entwickelt sich die soziale Lage, beispielsweise die in Frauenhäusern, gibt es mehr Anzeigen wegen häuslicher Gewalt? Da wurden also sehr genaue Kipp-Punkte definiert, um sicherzugehen, dass die eine Maßnahme, nicht die anderen Maßnahmen übertönt. Dass also die Kontakt-Einschränkungen vielleicht Probleme verursachen, die man nachher nicht mehr in den Griff kriegen könnte.

Wie lange ist so eine Kontakt-Beschränkung durchzuhalten?

Roselieb: Bisher habe ich immer gesagt: Sechs Wochen sind das Maximum, was man Menschen zumuten kann. Wir haben das davor regelmäßig untersucht. Aber die Menschen in Schleswig-Holstein scheinen es ganz gut angenommen zu haben. Ich gehe davon aus, dass es um den 3. Mai herum sicherlich Erleichterungen geben wird, wenn die Schulen beispielsweise wieder 15 Personen in einem Klassenraum ermöglichen.

Was wird in den nächsten Monaten in Schleswig-Holstein passieren ihrer Meinung nach – auch mit Blick auf den Tourismus?

Roselieb: Ich glaube die Landesregierung weiß relativ genau, auf welche Punkte es ankommt. Wir haben beispielsweise bei den Schulen in Schleswig-Holstein das Problem, dass wir sehr früh in die Sommerferien starten. Die beginnen bereits Ende Juni. Das heißt die Frist, um jetzt noch Abschlussprüfungen abzulegen, die ist recht kurz - da weiß man, dass man ein bisschen aufs Tempo drücken muss. Auf der anderen Seite wissen wir, dass sehr viele Menschen gerade an der Westküste natürlich vom Tourismus abhängig sind. Gleichzeitig kann man die Gesundheitskapazitäten auf den Inseln und auf den Halligen nicht ad hoc ausweiten.

Wie kann das funktionieren?

Roselieb: Ich kann mir vorstellen, dass man irgendwann wieder touristische Übernachtungen zulassen könnte. Vielleicht in kleinem Stil, in dem an sagt, dass die bestehenden Buchungen realisiert werden dürfen. Beim Tagestourismus hat man aber das Problem, dass er unkontrollierbar ist. Also gerade beim Tagestourismus würde ich erwarten, dass man sich damit etwas länger Zeit lässt.

Was erwarten Sie von der Bevölkerung und der Politik in den nächsten Wochen und Monaten?

Roselieb: Die Zutaten für die nächsten sechs Monate würde ich sagen, sind auf Seiten der Bevölkerung weiter Geduld, aber auch Verständnis dafür, dass Pandemien eben sehr lange brauchen, bis sie endlich an einem vorbeigezogen sind. Von der Politik erwarte ich einerseits Augenmaß, dass sie die Maßnahmen tatsächlich so dosiert, dass man sie auch notfalls vor Gericht gut begründen kann. Und ich erwarte natürlich auch klare Zielsetzungen. Das ist so ähnlich wie bei einem Meilenstein-Plan. Man muss jetzt wissen, wann kommt der nächste Schritt auf mich zu? Wann kann ich mit Erleichterungen rechnen? Also in einem Zwei- bis Vier-Wochen-Rhythmus möchte ich auch als Touristiker, als Campingplatzbetreiber oder Hotelier in Schleswig- Holstein wissen: Wann kann ich Buchungen wieder annehmen? Und wann muss ich Gästen absagen?

Ist das Krisenmanagement von Bund und Ländern gut?

Roselieb: Pandemien sind Extremsituationen, die kommen so selten vor, dass auch die Landesregierungen und die Bundesregierung da wenig Übung haben. Es gab zwar echte Übungen im Vorfeld und es gab auch schon echte Fälle wie die Schweinegrippe im Jahr 2009 in Deutschland. Damals hatten wir rund 200.000 Infizierte, also weit mehr, als derzeit. So gesehen, hat man damals schon ganz gut geübt. Unterm Strich würde ich sagen: Es ist bislang gut gelaufen. Man wird sicherlich danach prüfen müssen, was man verbessern kann. Da gibt es eine lange Liste, die haben wir auch schon geschrieben.

Was kritisieren Sie?

Roselieb: Wir werden sicherlich überlegen, wie wir die Katastrophen-Kommunikation neu stricken müssen. Bisher war man da immer sehr freundlich, sehr zurückhaltend. Es hat aber recht lange gedauert, bis die Menschen den Ernst der Lage erkannt haben. Da war das Wetter schön, die Schulen wurden geschlossen. Trotzdem haben die Eltern ihre Kinder weiter auf die Spielplätze geschickt. Die Landesregierung hat teilweise Maßnahmen getroffen, die richtig waren, aber sie wurden nicht richtig gut kommuniziert - wie zum Beispiel die Regelung für Zweitwohnungsbesitzer.

Wann ist alles wie vor dem Ausbruch der Pandemie?

Roselieb: Wir erleben wahrscheinlich gerade Weltgeschichte, so ein bisschen wie Wiedervereinigung oder andere Großereignisse. Das heißt es ist ein Ereignis, was sicherlich in die Geschichtsbücher eingeht. Und wenn man da ein Datum nennen muss, würde ich vielleicht erwarten, dass Ende des Jahres die letzten Maßnahmen abgebaut sind. Das hängt alles mit dem Impfstoff zusammen. Aber nach einer Pandemie kommt die nächste garantiert - irgendwann. Das heißt, wir müssen lernen, insgesamt mit Pandemien zu leben, Pandemien gibt es eigentlich regelmäßig. China beispielsweise ist häufiger im Pandemie-Modus. Und durch die Globalisierung können Pandemien natürlich auch häufiger nach Europa kommen.

Das Interview führte Cassandra Arden, NDR 1 Welle Nord.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.04.2020 | 08:00 Uhr

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