Frank Roselieb, Krisenforscher und Krisenmanager.

Krisenforscher: Eine Lose-Lose-Situation für die Politik

Stand: 22.03.2021 19:45 Uhr

Ein Jahr Corona-Pandemien hat viele Menschen coronamüde gemacht. Sie sind erschöpft, aber auch genervt. Der Leiter des Kieler Instituts für Krisenforschung, Frank Roselieb, berät die schleswig-holsteinische Landesregierung bei ihren Corona-Maßnahmen. Im Interview spricht der Forscher unter anderem über das Krisenmanagement der Politik und Ungleichbehandlung.

Herr Roselieb, wo stehen wir in der Krise? Und kann die Politik überhaupt noch etwas machen, was richtig ist?

Frank Roselieb: Wir haben eigentlich einen sehr wichtigen Wendepunkt erreicht. Vom Zeitablauf hat die Pandemie ihren Höhepunkt langsam überschritten. Jetzt wäre der Zeitpunkt zum Impfen gekommen - um der Bevölkerung ihre Grundrechte wieder zurückzugeben und auch die Pandemie damit irgendwann für beendet zu erklären. Das klappt aktuell nicht, weil die Politik nicht liefern kann, was sie ja eigentlich versprochen hatte. Für die Politik ist das zum jetzigen Zeitpunkt auch kommunikativ eine klassische Lose-lose-Situation. Ganz egal, was sie macht, sie macht eigentlich alles verkehrt.

Mit Hinblick darauf, was von der Ministerpräsidentenkonferenz kommt. Der Lockdown wird ja so oder so weitergehen - wozu führt das?

Roselieb: Der Lockdown ist von den Menschen mittlerweile akzeptiert. Was sie nicht mehr akzeptieren, ist das Gefühl der Ungleichbehandlung. Das heißt, sie dürfen nach Mallorca fliegen mit einer Inzidenz von 20,121 - aber der Kreis Plön darf keine Hotels aufmachen mit der nahezu gleichen Inzidenz. Da muss die Politik einerseits versuchen zu erklären, dass der Ministerpräsident zwar Mallorca nicht anfassen kann, aber den Kreis Plön schon beschränken kann. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, sie müssen erklären, wie man das Problem andererseits löst.

Man kann es durch Hilfemaßnahmen für die Hoteliers machen. Die sind schon relativ üppig angekündigt worden, teilweise nicht geflossen. Man kann aber auch versuchen, den Bürgern klarzumachen - kommunikativ -, dass Mallorca keine gute Idee ist.

Hat die Politik sich selbst in diese Situation gebracht?

Roselieb: Die Politik hat relativ viel versprochen, hat aber gemerkt, dass sie nicht liefern kann. Man muss dazu wissen, dass wir eine andere Strategie in Deutschland fahren. Normalerweise setzt man im Krisenmanagement immer mehrere Instrumente auf den Weg - einfach um zu verhindern, wenn eines scheitert, dass die ganze Krisenbewältigung scheitert. Und das ist den Bürgern noch nicht gut genug kommuniziert worden. Wir haben beispielsweise nicht nur auf den Impfstoff gesetzt, weil wir aus der Vergangenheit bei Pandemien wissen, dass so ein Impfstoff auch mal havarieren kann. Wir haben vielleicht ein paar Pferde zu viel im Rennen. Es gab die App, die war nicht erfolgreich. Die Testdosen sind nicht in der Größenordnung verfügbar. Der Impfstoff wird irgendwie nicht so geliefert. Und da muss man sich selbst fragen, ob nicht weniger Instrumente auch genügend Auswahlmöglichkeiten bieten würden.

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Frank Roselieb, Krisenforscher
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Roselieb: "Wir haben einen sehr wichtigen Wendepunkt erreicht"

Frank Roselieb ist Krisenforscher. Der Kieler berät auch die Landesregierung. Im Interview spricht er unter anderem über das Krisenmanagement. 8 Min

Hat sich die Stimmung in Deutschland verändert in der Gesellschaft?

Roselieb: Wir hatten das Verhältnis, dass Dreiviertel es eigentlich gut fanden, was gemacht wurde und ein Viertel war von vornherein dagegen. Die konnte man auch argumentativ nicht mehr überzeugen. Wenn man sich die aktuellen Zahlen auch im ARD-Deutschlandtrend anschaut, ist es jetzt halbiert. Die eine Hälfte sagt - läuft irgendwie noch. Die andere Hälfte sagt - nee, läuft nicht mehr, stoppt die Maßnahmen. Und in dem Gemenge muss die Politik irgendwie versuchen, klarzukommen. Da bleibt ihr letztlich nichts anderes übrig, als zu sagen, haltet noch durch.

Langt das?

Roselieb: Wir haben den großen Vorteil, dass irgendwann die Natur uns zur Hilfe kommt. Wir haben uns auch in der Krisenforschung mit der Frage beschäftigt, wie man eigentlich ohne diese ganzen Maßnahmen aus der Pandemie rauskommen kann. Wie haben das unsere Großväter bei der Spanischen Grippe gemacht? Die haben einfach gesagt, dass das Virus weiter mutiert. Irgendwann merkt das Virus, dass es keinen Sinn macht, seinen Wirt zu töten. Also wird das Virus im Laufe der Zeit immer weniger schädlich. Und dadurch kann uns vielleicht - auch ganz egal wie das Krisenmanagement weiterläuft - die vierte Welle erspart bleiben.

Sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir die Kontrolle verloren haben?

Roselieb: Also von Kontrollverlust oder Politikversagen würde ich noch nicht sprechen. Da müssen noch weitere Maßnahmen, weitere Probleme hinzukommen. Ich denke, die Politik hat erkannt, dass sie ein Problem hat. Sie muss anfangen, gewisse Ressentiments aufzugeben. Wir hatten in den 70er-Jahren das Prinzip, grundsätzlich keinen russischen Impfstoff zu nehmen bei den Pocken damals. Das mag damals vielleicht noch gerechtfertigt sein. Heute zu sagen, wir nehmen Sputnik fünf nicht mit rein, mag ein Fehler sein. Der ist auch außerhalb Russlands getestet worden. Der chinesische Impfstoff ist in Chile erfolgreich eingeführt und getestet worden. Wenn man so ein bisschen die Ressentiments in der Politik verliert, dann kann es vielleicht gelingen, das zu liefern, was man eigentlich versprochen hat.

Es gab beim vergangenen Treffen Lockerungsschritte - und das trotz steigender Inzidenz-Zahlen. Ist das ein Fehler gewesen, der uns jetzt auf die Füße fällt?

Roselieb: Das wäre am Anfang der Pandemie sicherlich ein Fehler gewesen. Am Anfang darf man kräftig draufschlagen und auch daneben schlagen. Hauptsache, das Virus kriegt man in den Griff. Aber Juristen sagen natürlich, desto länger die Pandemie dauert, desto zielgenauer muss man arbeiten. Und da wäre es nicht angemessen gewesen, flächendeckend Deutschland zuzumachen.

Wird das nicht auch aus Gefühl wahrgenommen der Ungleichbehandlung in der Gesellschaft? Warum dürfen die das und wir dürfen das nicht?

Roselieb: Wenn Sie gut begründen, haben Sie eigentlich kein Problem. Sie wissen ja, woran man es festgemacht hat. Die Inzidenzen kann man zwar vielfach kritisieren, aber wir haben einfach kein besseres Instrument. Da ist auch das Verhalten des Einzelnen wichtig. Wir wissen aus der ganzen Pandemieforschung mittlerweile, dass das Problem weniger der öffentliche Bereich ist. Das Problem ist der private Bereich, und darum gibt es einen Teil an Maßnahmen, die man nicht versteht - zum Beispiel die Ausgangssperre. Die mag sehr brachial klingen in der heutigen Zeit, aber die ist genau das Instrument, den Privatbereich unter Kontrolle zu kriegen, dass sie sich eben nicht nach 22 Uhr noch mit anderen Personen treffen.

Ist das vermittelbar, dass man zur Kosmetikerin gehen darf, aber nicht den Cappuccino mit zehn Metern Abstand zu trinken?

Roselieb: Die Politik arbeitet mit Metakriterien. Das heißt, man erklärt nicht im Detail, warum das jetzt richtig oder falsch ist. Sondern man sagt generell, dass soziale Kontakte möglichst reduziert werden sollen. Und da kann man zum Teil durchaus belegen, warum gewisse Sachen gefährlicher sind als andere. Bei einigen Sachen kann man nur hoffen, dass keiner nachfragt. Da müssen Sie einfach daran glauben, dass die Menschen grundsätzlich verstehen. Kontakte reduzieren heißt es auch da zu reduzieren, wo es gar nicht nötig ist. Wir haben das im Hotellerie-Bereich gesehen, da hat man die Cluster ganz gut eingehalten. Das heißt, da waren die Mitarbeiter infiziert, die Gäste in gar keiner Weise. Trotzdem dürfen die aktuell nicht aufmachen. Aber auch das dient einfach dem Ziel Kontaktreduktion.

Mit Blick auf die nächsten Monate: Was erwarten Sie, wie es weitergeht?

Roselieb: Wir wissen aus der Krisenforschung, dass Pandemien in Mitteleuropa so etwa 18 bis 20 Monate im Schnitt dauern. Wichtig wird jetzt sein, dass die Politik das liefert, was sie verspricht. Da arbeitet sie im Hintergrund vor allem am Thema Impfen, dass man dort zügig nachlegt. Und von der Seite erwarte ich, dass wir tatsächlich im Sommer weitgehende Impfangebote machen können. Wenn jetzt die Politik noch liefert, dann sollten wir eigentlich im Herbst mit der Pandemie erst mal durch sein.

Das Interview führte Rafael Czajkowski, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.03.2021 | 19:30 Uhr

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