Stand: 14.04.2020 15:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Krankenpflege: Zwischen Applaus und Alltag

Kurz vor sechs Uhr morgens in Kiel, langsam wird es hell. Die Schlange vor dem Städtischen Krankenhaus ist 30 Meter lang. Jeder hält Abstand, jeder muss einzeln durch die Tür, der Frühdienst beginnt. Einer der Pfleger in der Reihe ist Ole Sievers. In fünf Minuten beginnt seine Arbeit auf der Isolationsstation für die positiv getesteten Coronapatienten. Er hat sich freiwillig dafür gemeldet, normalerweise arbeitet er auf der Onkologie. "Ich selber spüre keine große Angst vor der Infektion", erzählt er, "aber meine Eltern machen sich Sorgen, rufen regelmäßig an, fragen nach dem Dienst." Vor der Drehtür müssen wir uns für den Moment verabschieden. Zutritt gibt es nur noch für Personal und Patienten, aus Sicherheitsgründen. Deswegen verabreden wir, über Handy Kontakt zu halten.

Körperlich anstrengend - besonders im Corona-Dienst

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Dirk Zöllner arbeitet im Klinikum Itzehoe (Kreis Steinburg).

Zur gleichen Zeit hat im Klinikum Itzehoe (Kreis Steinburg) der Dienst von Dirk Zöllner begonnen. Auch mit ihm haben wir vor allem über Handy Kontakt, weil der Zutritt zum Krankenhaus in diesen Tagen nicht erlaubt ist. Zöllner ist ausgebildeter Intensiv-Pfleger und arbeitet jetzt oft mit besonders schwer erkranken Corona-Patienten. "Das ist körperlich anstrengend", hatte er vorher am Telefon erzählt. Wir wollen wissen, warum und wie der Arbeitsalltag aussieht. Als Antwort schickt uns das Klinikteam ein Video: Zwei Männer in schwerer Schutzmontur betreten ein Patientenzimmer. Einer von ihnen ist Zöllner. Gesicht und Körper sind vollständig verdeckt, blauer Kittel, grüne Haube, Maske und Schutzbrille. Im Bett liegt ein Mann, der beatmet wird. Dirk Zöllner kontrolliert die Funktion der Maschinen. Es zischt. Der Patient wirkt reglos. Die Männer in den uniformierten Schutzanzügen bewegen sich langsam, die Atmung unter den Masken fällt ihnen hörbar schwer.

Das Wichtigste: die Schutzausrüstung

"Die Schutzausrüstung ist das A und O", sagt Zöllner, als wir uns am späten Vormittag vor der Tür des Klinikums treffen, um über die Arbeitssituation der Krankenpfleger zu sprechen. "Wenn ich keine Schutzmöglichkeiten habe, ist natürlich die Angst immens hoch, dass ich mich selbst infizieren könnte." Noch sei ausreichend Material vorhanden, zum Glück. Auch während des Interviews nimmt er den Mundschutz nicht ab. Er nehme die Arbeit auch mit nach Hause, erzählt er: "Das heißt, dass in der Familie darüber gesprochen wird. Vielleicht nimmt die Familie aber auch ein bisschen Abstand von mir, weil sie Angst hat, dass ich das Virus mit nach Hause bringe. Die psychische Belastung ist eindeutig höher als bei anderen Patienten."

Patienten leiden unter der Einsamkeit

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Ole Sievers ist Krankenpfleger am Städtischen Krankenhaus in Kiel. Eigentlich arbeitet er auf der Onkologie. Er hat sich freiwillig gemeldet - für die Isolierstation mit den Corona-Patienten.

Auch Ole Sievers schickt uns Aufnahmen von seiner Arbeit in Kiel. 16 positiv getestete Corona-Patienten liegen hier an diesem Tag. Regelmäßig kontrolliert Sievers Puls, Atmung, Temperatur. Er erzählt, dass er und seine Kollegen zurzeit auf zwei Grundsätze achten sollen: sich selbst zu schützen und Material zu sparen. Deswegen sollten sich die Pfleger so selten und so kurz wie möglich in den Zimmern der Patienten aufhalten. "Welche Folgen hat das?", fragen wir per Handy. Sievers schickt ein Video, in dem er die Frage beantwortet. "Da leiden die Patienten einfach sehr drunter", berichtet der Pfleger, "man merkt das insbesondere dadurch, dass die Patienten versuchen, einen möglichst lange im Zimmer zu binden, indem sie das Gespräch suchen. Das ist ganz natürlich, wenn man den ganzen Tag alleine im Zimmer ist." Den Angehörigen von Corona-Patienten empfiehlt er deswegen auch, so oft wie möglich bei ihnen anzurufen - gegen die Einsamkeit.

Krankenhäuser wappnen sich für steigende Infektionszahlen

In Itzehoe und Kiel und den anderen großen Kliniken haben sich die Häuser auf eine wachsende Zahl an Corona-Patienten eingestellt - indem sie ganze Stationen geschlossen haben und diejenigen Behandlungen verschieben, die verschiebbar sind. Das verändert den Alltag in der Pflege, schreibt uns auch Simone Machatsch von der Imland-Klinik in Rendsburg. Sie leitet die Isolationsstation für Corona-Patienten. "Letztendlich sind wir in 'Habachtstellung', da niemand weiß, ob sich die Situation noch verschärft", sagt sie.

Schwierigster Teil der Corona-Krise steht noch bevor

In Kiel geht ihr Kollege Sievers davon aus, dass die Krankenhäuser den schwierigsten Teil der Corona-Krise noch vor sich haben - wegen der schon vorher angespannten Personalsituation in den Krankenhäusern, aber auch wegen des Mangels an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln. Beides werde sich noch stark auf die Situation auswirken, vermutet er. Es sei zum Beispiel jetzt schon absehbar, dass die hauseigene Apotheke künftig eigene Mittel zur Desinfektion der Hände herstellen muss. Das selbstgemachte Präparat sei aber nicht besonders hautfreundlich. "Das heißt: Auf längere Sicht wird sich das Personal die Hände kaputtmachen."

Weitere Informationen

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Hier finden Sie eine Übersicht zu den gemeldeten Coronavirus-Infektionen in Schleswig-Holstein, in den Kreisen und kreisfreien Städten. Außerdem können Sie sehen, wie sich die Werte entwickelt haben. mehr

Pfleger: Applaus tut gut - doch warum kommt er erst jetzt?

Dass der Alltag in der Krankenpflege anstrengend sein kann, dass Personal knapp ist, dass enorme Verantwortung an dem Beruf hängt, das alles ist eigentlich nichts Neues. Doch nur selten hat die Öffentlichkeit soviel Notiz davon genommen wie jetzt. Menschen applaudieren auf Balkonen, schreiben ihre Wertschätzung auf Banner, singen für die Pfleger. Wie kommt das bei denen an, die gemeint sind? "Es ist schon herzerwärmend, wenn man so eine Geste der Wertschätzung erfährt", sagt Sievers, "es ist aber auch schade, dass erst so eine Krise dafür nötig ist."

Dirk Zöllner aus Itzehoe teilt diese Meinung. "Es wäre schön, wenn die Situation jetzt in Erinnerung bleiben würde, wenn die Wertschätzung bestehen bleibt, und dadurch auch unser Beruf attraktiver für junge Menschen wird." Simone Machatsch von der Isolationsstation in Rendsburg meint, dass "die Corona-Krise deutlich zeigt, dass es ohne uns Pflegekräfte nicht geht. Ich erhoffe mir, dass die Politik wachgerüttelt wird und endlich für bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter im Gesundheitssystem sorgen wird."

"Wir machen ja eigentlich nur unsere Arbeit"

Nach acht Stunden Arbeit mit Corona-Patienten kommt Ole Sievers aus dem Städtischen Krankenhaus in Kiel, nimmt den Mundschutz ab, geht nach Hause. "Wir machen ja eigentlich nur unsere Arbeit", sagt er noch. Morgen geht es weiter. Für Ole Sievers, Dirk Zöllner, Simone Machatsch und all die anderen Pfleger in Schleswig-Holstein.

Wenn auch Sie im medizinischen und/oder pflegerischen Bereich tätig sind, und uns Ihre Sicht auf die Krise schildern wollen, schreiben Sie uns an online.sh@ndr.de.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.04.2020 | 19:30 Uhr

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