Fortschritte bei Covid-19: Von den Toten lernen

Stand: 21.01.2021 05:00 Uhr

Kieler Pathologen liefern entscheidende Erkenntnisse im Kampf gegen Covid-19. Seit November haben die Ärzte rund zwei Dutzend Körper obduziert und Ergebnisse gewinnen können, die nun den Corona-Patienten helfen.

von Cassandra Arden

Im März vor einem Jahr war noch kaum etwas über Covid-19 bekannt - alle hatten mehr Fragen als Antworten. Das ging auch den Medizinern in der Pathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel nicht anders. Als die Pathologinnen Theresa Pflaum und Christine Halske die ersten Proben einer Lunge nach einer Covid-19-Erkrankung vor sich hatten, waren sie verblüfft.

Oberärztin Christine Halske erinnert sich: "Tatsächlich haben wir die Entzündungen gesucht. Aber da waren nur sehr wenige. Stattdessen haben wir Gewebe gesehen, das sich stark verändert und auch neu gebildet hat." Christine Halske deutet auf eine durchs Mikroskop vergrößerte Gewebeprobe vor sich auf dem Bildschirm und erklärt: "Dadurch kann kaum noch Luftaustausch entstehen und deswegen bekommen die Patienten auch so schlecht Luft."

Eine Tür mit der Aufschrift "Mikroskopiersaal" am UKSH Kiel. © NDR Foto: Cassandra Arden

AUDIO: Pathologin: Es entstehen oft Blutgerinnsel (1 Min)

Covid-19-Patienten entwickeln oft Embolien

Nach und nach sammelten das Team der Pathologie am UKSH Erkenntnisse. Schnell war klar: Neben den Gewebeveränderungen macht Covid-19 auch noch etwas anderes in unseren Körpern. Theresa Pflaum erklärt die Ergebnisse: "Wir haben dann gesehen, dass oft Blutgerinnsel entstehen. Covid-19 Patienten entwickeln oft Embolien und Thrombosen." Durch die Gewebeveränderungen gelangt immer weniger Sauerstoff in die Lunge. Ein weiterer Grund, warum Menschen an Covid-19 sterben, sind die Folgen eines Blutgerinnsels.

Erkenntnisse liefern Ärzte in Kliniken Behandlungsmöglichkeiten

Das war das erste wichtige Ergebnis der Pathologen. Denn dieses Wissen konnten sie an die behandelnden Kollegen in den Krankenhäusern weitertragen. "So haben die behandelnden Ärzte die Möglichkeit genau darauf zu achten, ob Blutgerinnsel entstehen. Sie müssen gegebenenfalls mit Blutverdünnern dafür sorgen, dass sich die Gerinnsel möglichst schnell auflösen", erklärt Oberärztin Christine Halske. Die Kernbotschaft der Pathologen, die in einem denkmalgeschützten Backsteingebäude auf dem UKSH-Gelände ihre Arbeit machen, ist: Von den Toten können wir lernen. "Es ist ja einleuchtend, dass man eine Krankheit nur gut behandeln kann, wenn man sie wirklich verstanden hat", betont Christine Halske.

Land unterstützt die Forschung

Die Krankheit zu verstehen und dieses Wissen zu teilen, ist ihr Job. Die Untersuchung der Organe ist wesentlich, um an dieses Wissen zu kommen. "Das ist eine wichtige Funktion der Obduktion, dass wir Covid-19 begreifen, damit anschließend die Ärzte in den Kliniken die Patienten gut behandeln können." Das Land unterstützt die Forschung an der Pathologie und übernimmt die Kosten für alle Covid-19-Obduktionen.

Eine Obduktion ist wie eine große Operation

Die junge Pathologin Theresa Pflaum führt die meisten Covid-19-Obduktionen am UKSH durch. Verstorbene aus ganz Schleswig-Holstein kommen ins Institut - und damit zu ihr. "Wir setzen wie bei einer Operation einen Schnitt und sehen uns die einzelnen Organe sehr genau an", erklärt sie ihr Vorgehen nüchtern. Nachdem die Organe genau untersucht wurden, werden kleine Proben genommen, damit sie unter dem Mikroskop Zelle für Zelle genau betrachtet werden können. Die Proben werden anschließend archiviert. "Die Organe selbst kommen natürlich zurück in den Körper und werden gemeinsam mit dem Toten beerdigt."

"Viele sind bereit, einer Obduktion zuzustimmen"

Theresa Pflaum ist bewusst, wie heikel dieses Thema für die meisten Menschen ist. Genauso klar vermittelt sie aber auch, wie wichtig es ist, dass sie diese letzte große Operation machen kann. "Inzwischen sind viele bereit, einer Obduktion zuzustimmen. Das entscheiden in Schleswig-Holstein die Angehörigen oder der Verstorbene selbst müsste zu Lebzeiten zugestimmt haben." Dass die Bereitschaft der Angehörigen wächst, liegt laut Christine Halske auch daran, dass es für die meisten sehr wichtig zu wissen ist, woran nun genau der geliebte Mensch gestorben ist. "Für viele ist das einfach ganz wesentlich, um den Verlust zu verarbeiten."

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An oder mit Corona gestorben?

Für die Wissenschaft wiederum ist es wesentlich zu verstehen, ob jemand an oder mit Corona gestorben ist. "Das kann das Team in Kiel inzwischen sehr genau unterscheiden", erklärt Oberärztin Christine Halske. Sie hat vor sich ein in Formalin (ein Konservierungsmittel) eingelegtes Stück einer Lunge. Sie deutet auf einen sehr dunklen, festen Teil und erklärt: "Hier sehen wir ganz deutlich die Veränderungen in der Lunge durch Covid-19. So etwas macht keine andere Lungenerkrankung." Eine Lunge soll eigentlich aussehen wie ein Schwamm, mit Hohlräumen durch die die Luft zirkuliert.

Wichtig ist", erklärt Christina Halske geduldig, "dass diese Hohlräume frei bleiben." Bei einer Corona-erkrankten Lunge ist das immer weniger der Fall, so kann kein Sauerstoffaustausch mehr stattfinden. "In dem Beispiel, was wir hier sehen, ist eben klar, dass die 50 Jahre alte Frau an Covid-19 gestorben ist. Wir haben auch alle anderen Organe untersucht und keine anderen wesentlichen Erkrankungen festgestellt. Also sind wir sicher, dass diese Frau an Covid-19 gestorben ist."

Nationales Register mit Covid-19-Daten

Alle Daten, die die Pathologen den an Covid-19-Verstorbenen entnehmen konnten, werden von den Kielern in eine nationale Datenbank eingetragen. Das ist Aufgabe von Professor Dr. Christoph Röcken. Er ist der Direktor des Instituts und erklärt, warum das Register so wichtig ist: "Kleine Fallzahlen haben immer das Problem, dass sie nicht alle Aspekte der Krankheit offenbaren. Zu dem Ziel kommt man erst, wenn man größere Stichproben hat." Je mehr an Covid-19-Verstorbene untersucht werden, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass auch seltene Folgen der Covid-19-Erkrankung erkannt und gefunden werden, erläutert der Professor Röcken und fügt an: "Deshalb beteiligen sich alle Pathologien in Deutschland, die solche Covid-19-Obduktionen durchführen. Das sind rund ein Dutzend, darunter eben auch unser Institut."

Auch Corona-Mutationen im Blick

Für die nahe Zukunft ist Christoph laut Röcken besonders wichtig, dass auch Obduktionen gemacht werden, wo nachweislich eine Corona-Mutation vorgelegen hat. Denn nur so kann herausgefunden werden, ob die britische oder südafrikanische Mutation im Körper anders funktioniert als die - inzwischen auch wissenschaftlich - etwas bekanntere Covid-19-Variante.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.01.2021 | 08:00 Uhr

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