Die Angst vor der Corona-Impfung - und das Unverständnis darüber

Stand: 26.11.2021 09:49 Uhr

Kommt eine Impfpflicht gegen das Coronavirus? Viele Menschen sind weiterhin unsicher oder lehnen eine Impfung entschieden ab. NDR Schleswig-Holstein wollte wissen: Warum? Außerdem ordnet eine Ethikerin die scharf geführte Diskussion ein.

von Andrea Schmidt

Knapp jeder fünfte Erwachsene in Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums noch immer ungeimpft. Warum eigentlich? NDR Schleswig-Holstein stellte über die Sozialen Netzwerke folgende Frage: "Was sind eure Gründe gegen eine Corona-Impfung?" Innerhalb weniger Stunden folgten Hunderte Kommentare.

Viele verschiedene Gründe gegen eine Impfung

Die Antworten waren extrem unterschiedlich. Am häufigsten gaben die Zweifler an, dass sie Nebenwirkungen der Impfungen befürchten. Viele meinen außerdem, die Erforschung der Impfstoffe sei bisher nicht ausreichend. Was sind die Spätschäden durch die Impfung, wurde immer wieder gefragt. Viele Schleswig-Holsteiner wiesen auch auf eigene Krankheiten hin, etwa Herzprobleme, Allergien oder Schlaganfälle. Auch Schwangerschaften spielten eine große Rolle. Wieder andere kritisierten, dass die Impfstoffe nicht wirksam genug seien. Man könne trotzdem erkranken und auch das Virus weitergeben. Und schließlich sei es schlichtweg das ungute Gefühl, die Psyche, die sich irgendwie wehrt vor der Impfung, die Angst, die manchmal auch unerklärlich sei.

Experten raten dringend zur Impfung

Die Wissenschaft entkräftet viele dieser Argumente. Das Risiko für schwere Nebenwirkungen durch die Impfungen liegt laut aktuellen Studien bei 0,0001 Prozent. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat außerdem das Impfen für Schwangere und Stillende empfohlen. Die Gefahr für das ungeborene Kind ist bei einer Infektion laut Stiko größer als bei der Impfung. Zur Wirksamkeit des Impfstoffes teilt das RKI folgendes mit: Die Wahrscheinlichkeit, schwer an COVID-19 zu erkranken, ist bei den vollständig geimpften Personen um etwa 90 Prozent geringer als bei den nicht Geimpften.

Ängste werden nicht nur im Netz offenkundig

Ein Mann in gelber Jacke mit Kapuze lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Helge hat sich nun impfen lassen - auch wenn er weiterhin Angst vor Nebenwirkungen hat.

Bei einer offenen Impfaktion in Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) zeigt sich, dass diese Sorgen nicht nur im Netz die Runde machen. Einige Erstgeimpfte berichten, was sie bisher von dem Pieks gegen Covid-19 abgehalten hat. Helge zum Beispiel: "Ich hatte Angst vor den Nebenwirkungen Ich hab' immer alles aus den Medien entnommen. Und aus den Netzwerken. Und da hört man ja meistens auch eher das Negative statt das Positive. Und das hat mich davon abgehalten." Er hatte zum Beispiel gelesen, dass bei unter 30-Jährigen durch den Impfstoff von Moderna offenbar Herzmuskelentzündungen entstehen könnten. "Das hat natürlich ein bisschen Angst geschürt."

Junges Paar aus Nortorf: "Der Druck ist enorm"

Ein junger Mann und eine junge Frau lächeln vor einem Baumarkt in die Kamera. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Überzeugt vom Impfen sind Sandra und Marc immer noch nicht. Doch sie fühlen sich ein Stückweit unter Druck gesetzt

Oder Sandra und Marc, ein junges Paar aus Nortorf. "Wir haben halt so die Befürchtung, dass vielleicht nach einem halben Jahr oder Jahr erst Nebenwirkungen kommen können. Es wird viel gesprochen, und im Internet liest man viel", sagt die 20-jährige Sandra. Und beide kritisieren, dass sie den Druck auf die Ungeimpften als enorm empfinden. Mit der Impfung jetzt wollen sie lediglich ihre Freiheiten zurück und wieder einigermaßen normal leben können, denn sie ahnen: "Wir kommen nicht darum herum."

Diskussion auch von Beschimpfungen durchzogen

Nicht jeder in Nortorf zeigt sich gesprächsbereit - sicherlich auch aus Sorge, an den Pranger gestellt zu werden. Auch das jüngste Beispiel um Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich zeigt, wie sehr die Wut der Geimpften und der Nicht-Geimpften wächst.

Unter der von NDR Schleswig-Holstein im Netz gestellten Frage entbrannte ebenfalls eine hitzige Diskussion. Sofort meldeten sich auch die Impfbefürworter zu Wort. Viele argumentierten sachlich für eine Impfung, viele beschimpften aber auch die Impfgegner mit Sätzen, die unter die Gürtellinie gingen und die nichts mehr mit einer Netiquette zu tun hatten.

Für viele scheint die Toleranzgrenze überschritten

Der Geduldsfaden in der Gesellschaft scheint bei vielen gerissen zu sein, die Toleranzgrenze überschritten. "Impfen ist keine Privatsache mehr, es gibt eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber", schreibt eine Userin. Viele scheinen nicht mehr zu wissen, wohin mit ihrer Wut, sprechen von einer "Tyrannei der Ungeimpften".

Baumann-Hölzle: Keine Gesprächsbereitschaft mehr

Professorin Ruth Baumann-Hölzl in einem Videointerview. © NDR
Die international anerkannte Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle warnt vor Aggression und Gewalt - und plädiert dafür, miteinander zu reden.

Was passiert da gerade mit der Gesellschaft? NDR Schleswig-Holstein hat mit der Schweizer Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle gesprochen. Die Institutsleiterin bei der Stiftung Dialog Ethik zeigte sich alarmiert von der Art des Umgangs miteinander. "Es zeigt sich, dass die andere Person gar nicht mehr als Person wahrgenommen wird, sondern nur noch plakativ von außen gesehen wird mit einem Prädikat. Und das bedeutet, dass ich gar nicht mehr bereit bin, mich auf ein Gespräch mit jemandem einzulassen."

Ethikerin warnt: Eskalation nicht in Gewalt enden lassen

Die international anerkannte Ethikerin, die auch viele Organisationen bei heiklen Entscheidungen berät, sagt, sie sei keine Prophetin, aber es könne durchaus sein, dass die zu beobachtende Eskalation in Gewalt endet. "Sowohl bei den Geimpften wie auch bei den Ungeimpften nimmt die Rhetorik massiv zu. Letztendlich entlädt sich dies leider sehr oft in Gewalt." Die Politik habe jetzt eine ganz große Verantwortung zur Deeskalation. Die Rhetorik anheizen sei absolut der falsche Weg. "Wir müssen als Gesellschaft durchatmen."

Miteinander reden - nicht nur Stimmung machen

Wichtig ist laut Bauman-Hölzle, sich mit den verschiedenen Ängsten auseinanderzusetzen. Sie nennt hier "die Angst vor dem Virus, die Angst vor der Spritze - also quasi dieser Impfung - und die Angst vor demographischen Verwerfungen". Diesen Ängsten müsse man auf den Grund gehen. Schluss machen mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen, auch das sei jetzt vorrangig.

Miteinander reden, der Austausch von Wissenschaftlern, eine politische Debatte führen - all das müsse verstärkt geschehen. Ruth Baumann-Hölzle: "Die Politik hat hier eine immense Verantwortung." Was die Ethikerin traurig findet: "Wir lassen uns gar nicht mehr auf Diskurse ein, sondern es geht nur noch um Stimmungen - um Stimmungsmache."

Weitere Informationen
Monika Heinold und Aminata Touré bilden die neue Doppelspitze der Grünen in Schleswig-Holstein. © dpa-Bildfunk Foto: Christian Charisius

Grünes Spitzenduo in SH fordert Impfpflicht ab 1.1.22

Finanzministerin Heinold und Landtagsvizepräsidentin Touré sehen darin den richtigen Weg, um aus der Pandemie herauszukommen. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.11.2021 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Die Grünen).

Albrecht: Wir müssen bis 2035 klimaneutral werden

Energiewendeminister Albrecht spricht im Interview unter anderem über Klimaziele für Schleswig-Holstein und wo das Land gerade steht. mehr

Videos