Stand: 22.04.2020 14:12 Uhr

Kita-Notbetreuung: "Das sind neue Herausforderungen"

Gaby Althoff steht mit einem Kinderwagen vor einem Rapsfeld. © NDR Foto: Christine Pilger
Gaby Althoff leitet die AWO-Kita in Kronshagen. Sie hat selbst fünf Kinder und ein Enkelkind.

Die Notbetreuung in Kitas in Schleswig-Holstein ist ausgeweitet worden. Eltern können ihr Kind in die Kita bringen, wenn ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, zum Beispiel als Pflegekraft oder Polizist. Laut Sozialministerium sind seit Montag rund 5.700 Kinder in die Einrichtungen gekommen - das sind im Vergleich zur Vorwoche doppelt so viele.

Der Verband Evangelischer Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein befürchtet, dass die Zahl der Kinder weiter zunehmen wird - und damit der Druck auf die Einrichtungen steigt. Ähnliche Sorgen hat auch Gaby Althoff. Sie leitet die AWO-Kita Hühnerland in Kronshagen (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Im Interview spricht sie über Veränderungen im Kita-Alltag und auch Möglichkeiten, um die Gruppen, wenn sie zu groß werden sollten, zu entzerren.

Wie läuft es in Ihrer Kita nach der Erweiterung der Notbetreuung?

Gaby Althoff: Es ist ganz spannend. Bei uns hat die Corona-Krise komplett zugeschlagen. In den ersten Wochen war es so, dass wir teilweise nur ein bis zwei Kinder betreut haben. Seit Montag gibt es mit dem Erlass vom Land noch mal eine Änderung. Jetzt haben wir zehn Kinder in einer Einrichtung. Das sind ganz neue Herausforderungen für das Team und für das Haus. Wir mussten genau regeln, wie wir das mit den zehn Kindern räumlich hinbekommen und wie wir es auch mit den hygienischen Voraussetzungen machen.

Was sind die größten Veränderungen?

Althoff: Es ist jetzt so, dass wir drei Gruppen mit dem Personal eingerichtet haben, die normalerweise auch in den Gruppen sind. Es wird also kein Personal gemischt. Die Kollegen treffen sich nicht, die Gruppen treffen sich nicht. Sie sind alle in ihren eigenen Räumen und haben auch das Außengelände nur für sich. Wir haben außerdem drei verschiedene Türen geschaffen, wo die Eltern morgens ihre Kinder übergeben. Wir übernehmen die Kinder von da an spielerisch, mit ein paar Scherzen oder eben Rituale, die wir haben. Wir waren sehr erstaunt, wie gut es funktioniert hat und auch, wie gut die Kinder nach fünf Wochen wieder angekommen sind.

Was ist, wenn irgendwann doch mal zu viele Kinder vor der Tür stehen sollten und Sie nicht mehr genug Platz in den Räumen haben. Welche Möglichkeiten gibt es dann - oder müssen Sie die Kinder dann nach Hause schicken?

Althoff: Das ist im Moment meine größte Sorge. Das macht mir auch als Leitung ein bisschen Angst. Es gibt Familien, die das im Moment wirklich toll machen. Ich bin beeindruckt, wie sie das alles so gewuppt bekommen, die Kinder zu Hause zu betreuen. Ich sorge mich aber auch um meine Mitarbeiterinnen, es ist ja noch nicht erwiesen, ob und wie Kinder das Coronavirus übertragen können. Da gibt es noch viel zu wenig Studien. Die Kinder kriegen das zwar nicht so richtig, können aber trotzdem Ausscheider oder Überträger sein. Wenn die Kinderzahl immer höher wird, ist natürlich der Schutz in der Kita - auch der Mitarbeiter - immer geringer. Das ist schon ein sehr hohes Risiko, auch für die Kinder untereinander. Bei Corona haben wir - anders als bei einer Grippe - noch kein Medikament. Deswegen bin ich wirklich sehr besorgt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Maßnahmen, die die Politik, die Kommunen oder auch die Träger umsetzen sollten?

Althoff: Ich habe gerade eine blöde Idee im Kopf, die man aber schlecht umsetzen kann. Man könnte zum Beispiel Container auf den Grundstücken einsetzen. Jetzt haben wir bis zu fünf Kinder in den Gruppen, in Ausnahmeregelungen auch ein bisschen mehr. Solange die Forschung in Sachen Corona nicht weiter ist, ist es schwierig, dass wir die volle Gruppengröße wieder aufnehmen. Bei einer Erkrankung würde die ganze Kita lahm liegen - und das wahrscheinlich für 14 Tage. Das macht auch keinen Sinn.

Es müssten Möglichkeiten geschaffen, um die Gruppen zu entzerren. Es gibt in vielen Orten Dorfhäuser, wo es vielleicht leer stehende Räume gibt, die man nutzen könnte. Allerdings gibt es dann Probleme mit den sanitären Anlagen, die ja kindgerecht sein müssten.

Haben Ihre Mitarbeiterinnen Angst, dass sie sich anstecken könnten?

Althoff: Wir sind alles Fachkräfte. Wir denken immer positiv. In erster Linie denken wir an die Kinder. Wir sind ein ganz, ganz tolles Team. Wir arbeiten sehr offen zusammen. Ich spüre diese Ängste nicht so deutlich. Es gibt keinen der sagt: Ich will nicht mehr arbeiten. Ich habe Angst, dass ich das Coronavirus bekomme. Ganz im Gegenteil, sie machen das für die Kinder genauso toll wie immer. Es gibt auch keine Abstände bei den kleinen Kindern.

Man kann vielleicht in einer Schule es so durchführen, dass man ein Schulkind sagt, komme bitte nicht so nahe. Das kann man mit einem Krippenkind oder mit einem Dreijährigen nicht machen. Das wäre ja fast eine Strafe zu sagen, du kommst jetzt bitte nicht zu mir. Wir sind im gleichen nahen Kontakt wie immer. Für die Eltern ist auch wichtig, wie der Kontakt der Erzieher zum Kind ist. Da können wir keine Unterschiede machen.

Haben Sie in dieser schwierigen Phase Rückmeldungen für den wichtigen Job bekommen, den Sie machen?

Althoff: Es gab eine sehr gute Resonanz. Ich muss dazu sagen, dass wir die Familien jeden Tag bespaßt haben. Sie haben jeden Tag von mir E-Mails mit irgendwelchen Aktivitäten für die Kinder bekommen. Manchmal habe ich auch für die Eltern etwas dazu gepackt. Und wir hatten eine ganz süße Aktion. Die Kinder haben für uns Bilder gemalt und sie dann bei uns in den Kita-Briefkasten gesteckt. Wir haben sie alle laminiert und an den Zaun gehängt, dazu ein riesengroßes Schild, wo draufstand: Wir vermissen euch. Es gab viele Rückmeldungen, wie schön das ist, dass wir als Kita auch an die Familien und an die Gemeinde denken.

Wie gehen die Familien mit der Kontaktsperre um, haben Sie dazu Rückmeldungen bekommen?

Althoff: Ich habe ganz viele E-Mails von den Eltern bekommen, wie sehr sich das Familienleben auch in der Zeit geändert hat. Viele Familien haben sich neu kennengelernt. Die haben sich beruflich anders arrangiert, so dass sie umschichtig arbeiten können, wo das möglich ist. Dadurch, dass Sportvereine und vieles andere nicht geöffnet sind, haben die Familien untereinander vielmehr gemacht - und dadurch ein ganz anderes Gefühl wieder für die Familie bekommen.

Das Interview führte Christine Pilger

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.04.2020 | 10:00 Uhr

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