Eine Hand schiebt einen Ordner mit der Aufschrift "COVID-19" zurück in eine Regalreihe. © picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat

Nachverfolgung für Gesundheitsämter in SH "kein Problem"

Stand: 03.03.2021 08:25 Uhr

Die meisten Gesundheitsämter kommen nach eigenen Angaben derzeit gut mit der Bearbeitung neuer Corona-Fälle hinterher - und würden sogar noch mehr schaffen. Das hat eine Abfrage von NDR Schleswig-Holstein ergeben.

von Daniel Kummetz

Bis zur letzten Ministerpräsidentenkonferenz war dieser Wert die rote Linie: Wenn es in einer Region mehr als 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche gibt, müssten dort schärfere Regeln her. Denn die Annahme war bis dahin, dass es ab dann für die Gesundheitsämter schwierig werden würde, Kontakte und Infektionsketten nachzuverfolgen. Bei der vergangenen Sitzung des Gremiums im Februar wurde beschlossen, erst ab einer Inzidenz von 35 größere Öffnungsschritte vorzunehmen - auch wegen der ansteckenderen Mutationen. Doch diese Grenzverschiebung hat viele nicht überzeugt - und steht bei der heutigen Sitzung erneut zur Debatte. Eine Abfrage bei allen Gesundheitsämtern in Schleswig-Holstein hat nun ergeben, dass fast alle aktuell mit der Kontaktnachverfolgung gut hinterherkommen - im Lockdown, bei einer landesweiten Inzidenz von um die 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche. 11 der 15 Kreise und kreisfreien Städte erklärten auf Nachfrage, dass ihre Gesundheitsämter in der Regel spätestens 24 Stunden nach Eingang einen neuen Corona-Fall bearbeitet haben - also vor allem den infizierten Menschen und seine engsten Kontaktpersonen informiert haben.

Inzidenz zwischen 35 und 50 kein Problem

Die vier anderen Behörden wollen sich auf solche Durchschnittsangaben nicht festlegen, das sei zu sehr "vom Fall abhängig", erklärt etwa der Kreis Pinneberg. Die Stadt Kiel berichtet, ein Fall könne in 15 Minuten bearbeitet sein oder erst nach mehreren Tagen. Die aktuell am stärksten vom Infektionsgeschehen betroffenen Stadt Flensburg schreibt, dass es für sie aktuell schwierig sei - bei einer Inzidenz von über 150 neuen Fällen in der Woche pro 100.000 Einwohner. Zwischen einer Inzidenz von 35 und 50 sei es aber kein Problem, alle Fälle tagesaktuell abzuarbeiten, teilte der Stadtsprecher mit. Und auch die Kreise, die laut eigener Aussage alle Meldungen am gleichen Arbeitstag abarbeiten, weisen auf große Schwankungen hin: Sehr schnell zu bearbeiten seien Fälle von Neuinfizierten, die vorher bereits in Quarantäne geschickt wurden, weil sie Kontaktpersonen eines anderen Infizierten sind, berichtet der Kreis Nordfriesland. Letztlich sei auch die Zahl der Kontaktpersonen ausschlaggebend.

Behörden kämpfen mit schlechten Daten und fehlender Kooperation

Ein leerer Flur in der Kreisverwaltung Pinneberg. © NDR Foto: Sabine Alsleben
Die Gänge im Kreishaus sind leer. Normalerweise verkehren hier etwa 100 Besucher täglich. Jetzt können sich hier höchstens die Mitarbeiter begegnen.

Der Sprecher der Stadt Lübeck berichtet, dass manchmal Ordnungsamt und Polizei erst auf Recherche gehen müssten, um die richtigen Adressen und Telefonnummern herauszufinden. Fehlende Nummern, schlechte Erreichbarkeit und "anfangs fehlende Kooperation" der Betroffenen erschwerten manchmal die Kontaktnachverfolgung, erklärt etwa die Stadt Neumünster. Auch die Kreise Rendsburg-Eckernförde, Pinneberg und Herzogtum Lauenburg berichten davon, dass ihnen Kontakte verschwiegen werden. Dabei ginge es nicht nur darum, Bußgeld oder Quarantäne für Freunde zu vermeiden, schreibt der Sprecher der Stadt Neumünster. "Familiäre Bindungen, Versicherungsstatus, Aufenthaltsstatus, Erfahrungen mit Ordnungsbehörden", spielten ebenfalls eine Rolle. Oft löse sich das Problem aber: "Wir haben relativ häufig intensiven telefonischen Kontakt mit Infizierten und Kontaktpersonen und im Rahmen der weiteren Gespräche wird uns in einigen Fällen Vertrauen entgegengebracht, dann ist es möglich, auch die Ermittlungen auszuweiten." Auch der Kreis Pinneberg berichtet, dass "spätestens im Gespräch mit den Ärzten des Gesundheitsamtes" noch nicht benannte Personen nachgemeldet werden.

Suche nach Ort der Ansteckung oft schwierig

Die Städte Flensburg und Kiel informieren inzwischen darüber, in welchem Umfeld sich Menschen in ihren Städten infizieren. Doch das lässt sich nicht immer herausfinden: Während in Kiel und Flensburg diese Information nur für 10 beziehungsweise 20 Prozent der Fälle fehlt, geben manche Kreise an, dass das bei bis zu 50 Prozent der Fälle nicht klar sei. In Kiel handelt sich nach Angaben der Stadtsprecherin allerdings auch nur um wahrscheinliche Infektionsquellen, die im Gespräch ermittelt worden seien.

Gesundheitsämter: Kommen auch mit mehr Fällen klar

Viele Behörden geben sich in diesem Bereich durchaus selbstbewusst: Sie sind sich sicher, auch die Nachverfolgung bei einer Sieben-Tages-Inzidenz von 35 oder 50 oder sogar höheren Werte zu gewährleisten, antworten einige. "Da wir bereits bei Inzidenzen von über 100 noch erfolgreich die Kontaktpersonennachverfolgung sicherstellen konnten, ist die Nachverfolgung derzeit kein Problem", schreibt die Sprecherin der Stadt Kiel. Ihr Kollege aus Nordfriesland berichtet, dass die Abläufe innerhalb des letzten Jahres immer weiter verbessert worden seien, sodass die Behörde auch in der letzten Zeit, in der es viele Fälle gab, keine großen Probleme sah: "In den vergangenen Wochen hat sich aber gezeigt, dass auch bei einem Inzidenzwert nahe 100 das Aufkommen in der Regel noch leistbar war."

Und auch der Kreis Herzogtum Lauenburg berichtet, dass eine Inzidenz von 80 machbar war - auch wenn die Mitarbeiter dadurch an die Belastungsgrenze gebracht wurden. Der Kreis Schleswig-Flensburg verweist darauf, dass dies nur durch sehr großen Einsatz der Mitarbeiter gelinge, die über lange Strecken mit einer hohen Arbeitsbelastung umgehen müssten. Die Kreise Plön, Steinburg, Ostholstein und die Stadt Kiel deuten an, dass sie darauf vorbereitet sind, die Teams in der Kontaktnachverfolgung dann weiter aufzustocken, wenn die Zahl der Infektionen steigt.

Ja, sein Kreis schaffe mehr, sagt auch Stephan Ott, Leiter des Corona-Krisenstabs im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Doch wegen der großen Schwankungen beim Aufwand für einen Fall, hält er nicht viel davon, die Leistungsfähigkeit seines Amts an der Zahl der Neuinfektionen festzumachen. Bei einem Fall in einer Familie müsse man mit Glück nur einen Anruf tätigen - ein Fall in einem Pflegeheim erfordere aber viel mehr Einsatz der Behörde.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 03.03.2021 | 08:00 Uhr

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