Stand: 26.03.2020 19:28 Uhr

Corona-Krise: Was sagen uns die Zahlen?

Manchmal ist es nur ein mulmiges Gefühl. Wirklich greifbar ist die Corona-Krise für viele Menschen kaum. Auch deshalb gucken viele täglich gespannt auf die neuen Zahlen, vor allem auf die Zahl der Infizierten. Dabei sagt die Zahl der Infizierten noch nicht viel über die eigentliche Gefahr der Pandemie aus: die Gefahr nämlich, dass unser Gesundheitssystem so stark belastet wird, dass Betroffene nicht mehr ausreichend versorgt werden können.

Dr. Anne Marcic, die Infektionsreferentin im Gesundheitsministerium, sagt, entscheidend sei die Rate der Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden: "Die Infektionszahlen selber sagen mir ja noch nicht viel über die Gefährlichkeit der Erkrankung. Weil wir relativ viel testen und sehr viele Infizierte gefunden haben. Und dann ist interessant, welcher Anteil von diesen wird eigentlich im Krankenhaus behandelt?"

Rund ein Zehntel der Infizierten in SH im Krankenhaus

Zwischen diesen beiden Zahlen gibt es einen großen Unterschied. Zuletzt lag die Zahl der Infizierten in Schleswig-Holstein bei knapp 700. Rund ein Zehntel davon wird im Krankenhaus behandelt. Hier werden also die Kapazitäten der Kliniken beansprucht. Wirklich kritisch wird es, wenn Patienten auf die Intensivstation müssen. Dann werden wichtige Ressourcen der Krankenhäuser angezapft: Intensivbetten und das entsprechend geschulte Personal, also Ärzte und Pflegekräfte.

"Das Nadelöhr bei der Betreuung von kranken Patienten sind die Intensivbetten", sagt Dr. Kevin Pilarczyk. Der Rendsburger Oberarzt ist Experte der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die DIVI hat in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut ein Portal eingerichtet, auf dem die genutzten - und verfügbaren - Intensivbetten gemeldet werden. Die Meldung ist allerdings freiwillig. Bundesweit ist etwas mehr als die Hälfte der vorhandenen Intensivstationen dort erfasst.

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Von italienischen Zuständen sind wir weit entfernt

In Schleswig-Holstein werden laut Pilarczyk derzeit 20 Corona-Patienten intensivmedizinisch betreut: "Ungefähr die Hälfte davon wird beatmet." Wirklich kritisch wird es für das Gesundheitssystem, wenn die Zahl solcher Intensivfälle steigt - und zeitgleich mehr Intensivpatienten als Intensivbetten vorhanden sind, die Kapazitäten der Krankenhäuser also nicht ausreichen. Dieser Fall ist etwa in Italien eingetreten. In Schleswig-Holstein sind wir von solchen Zuständen weit entfernt.

Kurzfristig sollen 1.000 Intensivbetten zur Verfügung stehen

Das Land bereitet sich aber für den möglichen Ernstfall vor: "Für den akutstationären Sektor gilt in Schleswig-Holstein bereits seit rund zwei Wochen, dass planbare Aufnahmen reduziert werden müssen, um so die notwendige Erhöhung der Intensiv- und Beatmungskapazitäten zu schaffen", sagt Experte Pilarczyk. "Zugleich werden in Schleswig-Holstein zunächst 15 Kur- bzw. Rehabilitationskliniken als sogenannte Abverlegungskrankenhäuser bestimmt, die die Behandlung von Nicht-Covid-19 Patienten übernehmen. Auf diese Weise kann kurzfristig eine Kapazität von mehr als 1.000 Betten geschaffen werden."

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1.000 Betten also für bisher rund 20 Intensivpatienten - das klingt überschaubar. Aber so wichtig die Zahl der Intensivpatienten ist, um ein Gespür für das Ausmaß der Krise zu bekommen, so sehr ist auch diese Zahl mit Vorsicht zu genießen. Denn die bisher vergleichsweise geringe Zahl ist noch kein Indiz für eine Entspannung. "Wir rechnen weiterhin damit, dass eine große Anzahl von kritisch kranken Patienten auf uns zukommt", sagt Pilarczyk. Auch er sieht das Land aber gut gerüstet.

Neuinfektionen geben der Politik wertvolle Hinweise

Die Zahl der Krankenhauspatienten kann also ein Gradmesser für die Belastung des Gesundheitssystems sein. Die Zahl der Neuinfektionen ist dadurch aber nicht weniger wichtig. Denn wenn rund zehn Prozent der Infizierten schwere Verläufe nehmen, steigt ja auch deren Zahl mit. Und: Die Neuinfektionen geben der Politik Hinweise darauf, ob beschlossene Maßnahmen wie Veranstaltungsverbote Wirkung zeigen.

Bei allen Zahlen gilt: Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Sichere Voraussagen wagt kaum ein Experte. Und so bleibt am Ende vielleicht trotz Zahlen ein mulmiges Gefühl.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 26.03.2020 | 19:30 Uhr

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