Stand: 09.09.2020 20:27 Uhr

Baubranche: Die dunkle Wolke kommt Anfang 2021

von Janina Harder

Der September ist normalerweise die Zeit der Nordbau-Messe. Doch wegen der Corona-Pandemie findet in diesem Jahr nicht die übliche Nordbau statt, sondern eine abgewandelte Version mit dem Namen "Fachausstellung Bau mit Seminaren". Am Mittwoch war Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) vor Ort und machte sich davon selbst ein Bild. Ein Anlass, einmal genauer zu schauen, wie es der Baubranche nach sechs Monaten Pandemie geht.

Christoph Karstens, Geschäftsführer des Heinrich Karstens Bauunternehmens, war mit einem guten Auftragspolster in das Jahr 2020 gestartet. Dann kam die Corona-Krise. "Die ersten Gedanken waren sicherlich Verunsicherung und die Frage, wie sich die gesamte Wirtschaft weiterentwickeln würde", sagt Karstens. Er inspiziert seine Baustelle in Kiel-Gaarden, spricht mit seinem Polier über die weiteren Bauabschnitte. Der Bau des Busdepots für die Kieler Verkehrsbetriebe gehört noch zu seinen Alt-Aufträgen. Es ist ein öffentlicher Auftrag der Stadt Kiel.

Als die Corona-Pandemie begann, sei es zunächst darum gegangen, Hygienekonzepte umzusetzen und den Betrieb aufrecht zu erhalten. Das habe auch ganz gut geklappt, sagt Frerich Ibelings, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Hamburg Schleswig-Holstein e.V. Die Baubranche habe sich schon zu Beginn der Krise bei den Bundesministern vehement dafür eingesetzt, dass sie ihre Arbeit weiter fortführen darf. Vor starken Reglementierungen sei die Baubranche daher vergleichsweise verschont geblieben.

Folgen der Corona-Krise kommen zeitversetzt

In der Regel dauert die Bauzeit eines Projekts sechs bis zwölf Monate. Das heißt, die Folgen von Corona wirken sich verzögert aus. Momentan werden also noch die Aufträge von 2019 abgearbeitet, die Umsätze sind im ersten Halbjahr 2020 sogar auf hohem Niveau gestiegen. "Wir gehen aber davon aus, dass Anfang 2021 die dunkle Wolke kommen wird und sich dann die jetzigen Auftragsrückgänge bemerkbar machen", so Ibelings.

Kommunen durch Corona besonders geschwächt

"Ich mache mir im Moment keine Sorgen um die Landesmittel, weil wir sowohl von Frau Heinold als auch von Herrn Buchholz klare Signale haben, dass diese Investitionslinie aufrechterhalten bleibt", erklärt Frerich Ibelings. Seine großen Sorgen seien die Kommunen. Denn aufgrund der Corona-Situation leiden diese unter Gewerbesteuerausfällen. "Viele Kommunen sind seit März wie gelähmt gewesen, weil Abstimmungen nicht mehr stattfinden konnten wie zuvor", so Ibelings. Aber kommunale Entscheidungen sind wiederum eine wichtige Grundlage für neue Bauaufträge. Eine schwierige Situation für die Baubranche. Denn etwa 60 Prozent aller öffentlichen Aufträge kommen von den Kommunen.

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Stornierungen und Verschiebungen im Gewerbebau

Seit März häufen sich die Meldungen über Auftragsmangel, fehlende Ausschreibungen und steigende Stornierungen. Die größten Auswirkungen gibt es im Gewerbebau. Auch bei Christoph Karstens Bauunternehmen gab es in den vergangenen sechs Monaten Einbrüche bei den Gewerbebauprojekten. Mindestens sechs Projekte mit einem Umsatzvolumen von 20 Millionen Euro seien betroffen. Entweder hätten die Kunden die Aufträge abgesagt oder verschoben. Das hänge mit der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit zusammen, in denen sich die privaten Wirtschaftsunternehmen befänden. "Viele wissen nicht, wie ihre persönliche Unternehmensperspektive aussieht und wollen kein Risiko eingehen in unsicheren Zeiten", sagt Karstens. Investitionen würden dann verworfen - bis auf wenige Ausnahmen wie beim Lebensmittelhandel. Laut einer Umfrage der Bauindustrie meldeten bis Ende Mai die Hälfte aller befragten Bauunternehmen Verzögerungen der Bauvorhaben von mehr als zwei Monaten.

Keine Nachfrage für neue Büros und Hotels

Seit der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen festgestellt, dass die Arbeit aus dem Homeoffice funktioniert und sie zukünftig weniger Büroflächen brauchen. Deshalb seien neue Bürobauten nun weniger nachgefragt, so Karstens. Für Karstens waren Hotelneubauten in den vergangenen Jahren ein bestimmendes Thema. Doch das Hotel- und Gastgewerbe habe so unter Corona zu leiden, dass Bauaufträge vollkommen zum Erliegen gekommen seien.

Eigenheime werden weiter gebaut

Stabil sieht es aber beim Bau von Eigenheimen aus. Das liege zum einen daran, dass einige zahlungskräftige Privatpersonen zu Corona-Zeiten die Vorzüge eines Eigenheims und Gartens erkannt haben, sagt Alexander Blazek vom Landesverband Haus und Grund. Andererseits können oder wollen sich andere einen Hauskauf nicht mehr leisten im Zuge der wirtschaftlichen Unsicherheit und Situationen wie Kurzarbeit oder finanzieller Einbußen.

Ferienhausbau boomt

Der Bau von Mietwohnungen sei jedoch weiterhin im Kommen. "In Corona-Zeiten setzen viele auf das Betongold und kaufen Eigentumswohnungen", so Blazek. Am stärksten aber boomt der Bau von Ferienwohnungen und Ferienhäusern. Der Grund: Durch die Corona-Situation entdecken mehr Menschen die Nord- und Ostsee als Urlaubsziel. Eine Ferienwohnung erscheint dann vielen Menschen als gute Investition. Davon profitiert auch Bauunternehmer Karstens. Er kann sich viele weitere Großprojekte vorstellen wie das Ferienwohnungsgebiet auf dem Travemünder Priwall, an dem sein Unternehmen beteiligt war. Dort kann der Ferienwohnungseigentümer die Vermietung an ein Unternehmen auslagern. So können die Privateigentümer die Ferienwohnung zum gewünschten Urlaubszeitraum selbst nutzen und sie die übrige Zeit an Urlauber vermieten. Für einige Bauunternehmen wie Karstens könnte sich das Geschäft mit den Tourismusprojekten so lohnen, dass sie damit andere Bereiche ausgleichen, die aufgrund der Corona-Situation nicht so gut laufen.

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.09.2020 | 19:30 Uhr

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