Frisch geerntete Zuckerrüben werden am Feldrad auf einen Berg abgeladen.  Foto: Philipp Schulze

Zuckerrübenanbau: Streit um Zulassung für Pflanzengift

Stand: 16.04.2021 15:23 Uhr

Im Kreis Dithmarschen dürfen Landwirte bei der Zuckerrübenaussaat wieder sogenannte Neonicotinoide nutzen - von der EU verbotene Insektizide. Hintergrund ist eine Notfallzulassung, die die Zuckerrüben vor einem Virusbefall schützen soll.

Neonicotinoide, kurz Neonics, bezeichnen eine Gruppe von Insektiziden, die in der Europäischen Union seit 2018 eigentlich nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden dürfen. Das Freilandverbot soll Wild- und Honigbienen schützen. Neonics töten nämlich nicht nur Schädlinge, sondern gelten auch als bienengefährdend. Weil eine Viruskrankheit immer mehr Zuckerrübenkulturen in Deutschland angreift, haben zahlreiche Bundesländer aber eine Notfallzulassung für den Einsatz von Neonics ausgesprochen. Unter bestimmten Bedingungen dürfen Landwirte das Nervengift jetzt wieder als sogenanntes Beizmittel nutzen und damit behandeltes Saatgut auf ihren Äckern ausbringen.

Frisch geerntete Zuckerrüben werden am Feldrad auf einen Berg abgeladen.  Foto: Philipp Schulze
AUDIO: Notfallzulassung: Neonicotinoide für Zuckerrübenanbau erlaubt (1 Min)

Virus gefährdet Ertrag

"Die Wirkstoffe schützen die wachsende Pflanze effektiv vor Blattläusen, die als Schädlinge sogenannte Vergilbungsviren übertragen. Ist eine Zuckerrübenpflanze davon befallen, färben sich ihre Blätter gelb und sie kann kein Sonnenlicht mehr in Zucker umwandeln", erklärt Juliane Stappenbacher vom Zuckerrübenanbauerverband Schleswig-Holstein. Das könne für Anbauer Ertragsausfälle von bis zu 45 Prozent nach sich ziehen, betont sie. Der Verband begrüßt die Notfallzulassung deswegen - und betont, dass Neonics nur unter ganz bestimmten Bedingungen und in besonders stark vom Virus betroffenen Gebieten zum Einsatz kommen.

Notfallzulassung nur im Kreis Dithmarschen

In Schleswig-Holstein gilt die Zulassung ausschließlich für 1.500 Hektar im Kreis Dithmarschen. Hintergrund: Diese Flächen waren im vergangenen Jahr besonders stark vom Vergilbungsvirus befallen. Die Aussaat läuft seit Ostern und soll bis Ende April abgeschlossen sein. Schon jetzt ist aber klar: ausgeschöpft wird die Fläche nicht. Laut Landwirtschaftskammer haben 60 Landwirte auf einer Fläche von etwa 800 Hektar von der Zulassung Gebrauch gemacht. "Wohl auch wegen der strengen Auflagen", vermutet Juliane Stappenbacher.

Landwirte müssten nicht nur im eigentlichen Anbaujahr viele Regeln einhalten, sondern zum Beispiel auch in Folgejahren darauf achten, welche Kulturen sie nach der Zuckerrübe anbauen, so Stappenbacher. "Sie dürfen danach zum Beispiel erst mal keine Blühpflanzen und generell keine bienenattraktiven Kulturen mehr anbauen. Das soll sicherstellen, dass Bienen auch langfristig nicht von den Flächen angezogen werden und mögliche Rückstände über Nektar und Pollen aufnehmen. Die Zuckerrübe selbst blüht nicht und ist für Bienen nicht attraktiv", erklärt Stappenbacher weiter.

Umweltschützer kritisieren Einsatz

Umweltschützer sorgen sich trotzdem um mögliche Folgen - für Bienen, aber auch für andere Insekten und Tiere. "Neonics sind aus gutem Grund verboten. Sie sind hochtoxisch für Insekten und gerade, wenn man Saatgut beizt, gelangt ein Großteil der Mittel in den Boden", sagt Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des NABU in Schleswig-Holstein. "Dort können sie Bodenorganismen schädigen und so auch in die Nahrungskette von Kleinsäugern und Vögeln gelangen. Das macht für uns ihre große Gefahr aus."

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Agrarwissenschaftler unterstützen die Notfallzulassung

Die Position des NABU greife zu kurz, sagen hingegen Agrarwissenschaftler. Sie begrüßen die Notfallzulassung für Neonicotinoide: "Die Beizung des Saatguts ist die ökologischste Form der Insektizid-Ausbringung. Der Clou ist, dass wir über das gebeizte Saatgut sicherstellen können, dass der Wirkstoff wirklich in die Pflanze gelangt. Beim Spritzen ist das viel schwieriger, deswegen gelangen auf diesem Weg viel mehr Giftstoffe in die Umwelt", eklärt Professor Andreas von Tiedemann aus Göttingen. Zwar verblieben etwa 80 Prozent der Neonics tatsächlich im Boden, doch seien sie dort nach wenigen Monaten vollständig abgebaut. Wissenschaftliche Hinweise auf Schäden für Mikroorganismen oder andere Tiere gebe bei gebeiztem Saatgut bisher keine, so von Tiedemann.

Sein Kollege, Professor Joseph Verreet aus Kiel, sieht das ähnlich. Das Verbot der EU beruhe auf einer unsachgemäßen Beizung in der Vergangenheit und müsse grundlegend überdacht werden. Um die Zuckerrübe dauerhaft zu erhalten, gebe es derzeit keine Alternative, so Verreet.

Forschung geht weiter

Die Forschung an virusresisten Zuckerrüben hat zwar bereits begonnen. Doch bis zu Marktreife könnten noch bis zu 10 Jahre vergehen. Der Zuckerrübenanbauerverband hofft, die Zeit bis dahin mit jährlich befristeten Notfallzulassungen für besonders vom Virus betroffene Regionen überbrücken zu können. Die Zuckerrübe sei für viele Landwirte nicht nur ein wichtiger wirtschaftlicher Ertragsfaktor, sondern auch ein wertvolles Fruchtfolgeglied, hieß es.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.04.2021 | 14:00 Uhr

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