Zementwerk in Lägerdorf: Das CO2 muss raus

Stand: 20.01.2023 10:54 Uhr

Zement ist in fast allem drin, was gebaut wird: Brücken, Häuser, Windräder. Doch die Zementindustrie gehört zu den Hauptverursachern von CO2-Emissionen. Um das zu ändern, erprobt das Werk in Lägerdorf jetzt eine Innovation - mit viel Geld aus der EU.

von Julia Schumacher

Blick auf den Drehrohrofen (r) der Ofenlinie 11 des Zementwerks von Holzim. © dpa-Bildfunk Foto: Christian Charisius
Momentan ist im Zementwerk Lägerdorf der Drehrohrofen Ofenlinie 11 in Betrieb. Er soll abgebaut werden, wenn der Prototyp der Linie 12 gute Testergebnisse liefert.

Es ist staubig, laut und grau. Große Türme, Rampen, Rohre, dahinter eine schier endlose Mondlandschaft von Kreidegrube: Das Holcim-Zementwerk in Lägerdorf (Kreis Steinburg) wirkt, wie man sich eine klassische Industrieanlage vorstellt, die einen Baustoff herstellt. Saubere Luft und CO2-Neutralität kommt einem nicht unbedingt direkt in den Sinn. Doch das ist das Ziel, auf dessen Weg sich Holcim in Schleswig-Holstein gemacht hat.

Zementhersteller produzieren viel CO2

Momentan macht die Zementindustrie weltweit fast acht Prozent der CO2-Emissionen aus. Laut Experten ist das mehr als Flugverkehr und Rechenzentren zusammen verursachen. Die Bilanz in Schleswig-Holstein: Unter den größten Emittenten des Landes rangiert das Zementwerk in Lägerdorf auf Platz zwei - mit 1,052 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2021 und einem CO2-Anteil von sechs bis sieben Prozent der Emissionen - hinter der Chemiefabrik YARA in Brunsbüttel mit 1,115 Millionen Tonnen auf Platz eins.

Ohne neuen Ofen in Lägerdorf keine CO2-Neutralität bis 2040

Wenn sich an Emissionswerten wie vom Zementwerk in Lägerdorf nicht drastisch etwas ändert, kann Schleswig-Holstein seine Klimaziele vergessen: Um bis 2040 Treibhausgasneutralität zu erreichen, müssen sowohl große Emittenten in Energiewirtschaft und Industrie als auch viele aus Bereichen wie Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft die Emissionen sehr stark bis vollständig mindern, heißt es dazu aus dem Umweltministerium. Und da kommt die Innovation zur Dekarbonisierung von Zementhersteller Holcim ins Spiel, für die das Unternehmen am Donnerstag einen Scheck von der EU überreicht bekommen hat - in Höhe von 109,6 Millionen Euro.

CO2-Ausstoß lässt sich bei Zementherstellung nicht vermeiden

Torsten Krohn, Werksleiter des Zementwerks von Holzim in Lägerdorf, steht neben einer Informationstafel zum Projekt "Reallabor Westküste 100" auf dem Werksgelände. © dpa-Bildfunk Foto: Christian Charisius
Torsten Krohn, Werksleiter des Zementwerks von Holcim in Lägerdorf, zeigt das Projekt rund um die Dekarbonisierung des Werks.

Wieso die Zementherstellung überhaupt so viel CO2 verursacht, erklärt Holcim-Werksleiter Torsten Krohn: "Der Hauptbestandteil des Zements ist Kreide, die wir aus dem Erdboden herausholen. Kreide ist chemisch betrachtet Kalziumkarbonat." Diese Kreide wird in einen Ofen transportiert und sehr stark erhitzt, um das CO2 aus der Kreide auszutreiben. Dabei entsteht das Mineral CAO, das im Zement notwendig ist, damit dieser später hart wird. Ein Prozess, der sich als solcher nicht ändern lässt, sagt Krohn: "Wir haben nun mal dieses Kalziumkarbonat als Rohmaterial und wir müssen das CO2 austreiben, um das CAO zu erhöhen."

Neuer Ofen soll die Wende bringen

Die Innovation, die jetzt mit EU-Geld in Lägerdorf im Betrieb getestet werden soll, ist ein Ofen-Prototyp mit dem Namen Oxyfuel. Bislang wurden Öfen im Zementwerk mit Umgebungsluft betrieben. Die besteht aber nur zu 21 Prozent aus Sauerstoff, der Rest sind andere Gase, die dann im Abgas des Ofens wieder auftauchen. Im neuen, innovativen Ofen soll mit reinem Sauerstoff verbrannt werden, erklärt Geschäftsführer Arne Stecher. Den Sauerstoff dafür gewinnt Holcim als Nebenprodukt aus der Wasserstoffherstellung.

Der Schaltraum der Videoüberwachung auf dem Gelände des Zementwerks. © NDR Foto: NDR
Im Schaltraum des Zementwerks wird per Video auch das Innere des Drehofens überwacht. Die Flammtemperatur beträgt 2.000 Grad.

Dieser Prozess führt dazu, dass das CO2 im Abgas des Ofens sehr rein ist. Es kann gut abgeschieden - sprich aus dem Prozess herausgenommen - und weiterverwendet werden. Damit entweicht das CO2 nicht in die Atmosphäre. Das ist die Dekarbonisierung. Das CO2 kann dann beispielsweise - verflüssigt - in der Raffinerie in Heide eingesetzt werden, so Stecher. Dazu müsse dann in einem nächsten Schritt eine Pipeline gebaut werden. "Wir sind eine unvermeidbare CO2-Quelle, eine industrielle Quelle. Zwei Drittel unseres CO2 kommt aus dem Rohstoff, nicht aus der Verbrennung."

CO2-Emissionen werden teuer

Mit diesem Verfahren ist Holcim Vorreiter in der Branche, ein "First Mover", wie Geschäftsführer Stecher sagt: "Als First Mover gehen Sie als erster einen Weg, als erster ins Risiko. Sie machen das jungfräulich, sozusagen." Dafür müssten gemeinsam mit der Politik in Land und Bund die Grundlagen geschaffen werden, um das überhaupt machen zu dürfen, so Stecher: "Am Ende wissen wir: Wir müssen das CO2 aus der Anlage abscheiden und dazu brauchen wir Technologie." Neben Klimazielen geht es dabei auch ums Geld, denn der Handel mit CO2-Emissionsrechten wird laut Stecher in Zukunft sehr teuer.

Das Zementwerk in Lägerdorf gibt es bereits seit 160 Jahren. Der Ofen-Prototyp, mit dem jetzt mit EU-Geldern die Dekarbonisierung der Zementherstellung erprobt werden soll, ist Ofen Nummer 12. So viele Öfen gab es, seit hier zum ersten mal Kreide gebrannt und Zement gemacht wurde. Wenn Ofen 12 fertig gebaut ist, wird es einen Testbetrieb geben. Läuft der gut, wird der alte Ofen 11 abgebaut. Alles mit dem Ziel, am Ende mehr als eine Millionen Tonnen CO2 im Jahr einzusparen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.01.2023 | 19:30 Uhr

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