Stand: 27.06.2019 09:44 Uhr

Wie geht es weiter für die "Sea-Watch 3"?

Das Seenot-Rettungsschiff "Sea-Watch 3" liegt seit gestern in Sichtweite des Hafens der italienischen Insel Lampedusa. 42 Migranten sind an Bord - wie es für die Menschen und auch für die Besatzung weitergeht, ist nach wie vor unklar. Sie warten immer noch auf eine Rückmeldung der Behörden. Eine Seemeile vor der Insel war das Rettungsschiff von der italienischen Küstenwache gestoppt worden. Italienische Beamte der Guardia di Finanza und der Küstenwache kontrollierten an Bord die Pässe der Crew rund um die Kieler Kapitänin Carola Rackete. "Ich hoffe, dass die Flüchtlinge aufgenommen werden", sagte Rackete. Die körperliche und seelische Belastung sei zu stark.

Es droht die Beschlagnahme des Schiffes

Trotz ausdrücklichem Verbot der Regierung in Rom hatte Rackete am Mittwochnachmittag entschieden, die "Sea-Watch 3" in italienische Gewässer zu steuern und den Hafen der Insel Lampedusa anzufahren. Damit riskierten die Kapitänin und ihre Crew, dass ihr Schiff festgesetzt wird und sie selbst strafrechtlich verfolgt werden. Für die italienische Regierung gilt nach wie vor die Linie der geschlossenen Häfen, so der italienische Innenminister Matteo Salvini.

Seit Mitte des Monats gilt ein härteres Gesetz: Wer Menschen unerlaubt nach Italien bringt, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro rechnen. Außerdem befürchtet Sea-Watch, dass Italien die "Sea-Watch 3" beschlagnahmen könnte. Dessen sei sie sich bewusst, sagte die Kieler Kapitänin. "Ich bin für die 42 auf dem Meer Geretteten verantwortlich und die halten es nicht mehr aus. Ihr Leben kommt vor jedem politischen Spiel", sagte Rackete.

Innenminister bezeichnet Kapitänin als "Schlaumeierin"

Italiens Innenminister Salvini reagierte mit einer Wutrede auf Facebook und bezeichnete die Kieler Kapitänin als "Schlaumeierin". Außerdem drohte er den EU-Partnern, Immigranten in Italien künftig nicht mehr zu registrieren.

Laut Rackete hatte sich die Situation auf dem Schiff innerhalb eines halben Tages stark verschlechtert. "Ich habe beschlossen, in den Hafen von Lampedusa einzufahren. Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit", hatte die Kapitänin auf Twitter angekündigt.

An Bord befinden sich auch zwei Journalisten des NDR. "Die Menschen sind traumatisiert, einige haben Folterwunden. Die Ärzte schreiben täglich Berichte, dass die Leute hier an Bord nicht weiter medizinisch und humanitär versorgt werden können", sagte Nadia Kailouli vom NDR Fernsehen.

"Sea-Watch 3" fährt Richtung Lampedusa

Europäischer Gerichtshof lehnt Anträge ab

Rackete und die Migranten an Bord hatten am Dienstagabend beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Anträge auf eine sogenannte einstweilige Maßnahme gestellt, in Italien an Land gehen zu dürfen. Nach diesem Verfahren kann der Gerichtshof in Fällen drohender Menschenrechtsverletzungen einschreiten und Staaten anweisen, Abhilfe zu schaffen. Dieser war vom EGMR aber abgelehnt worden. Die Begründung: Die italienische Regierung habe sich um besonders verletzliche Menschen wie Schwangere und Kleinkinder gekümmert.

Einige der 42 Flüchtlinge drohten daraufhin damit, über Bord zu springen. Laut Chris Grodotzki von Sea Watch wäre das der sichere Tod für die Menschen. Daher entschied sich die Schiffscrew, den Hafen von Lampedusa anzulaufen. "Wir werden versuchen, möglichst in diesen Hafen einzulaufen, aber wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass die italienische Küstenwache uns die Leute vor dem Hafen abnimmt", sagte Rackete.

"Sea Rescue is not a Crime" heißt es auf der Förde

Bild vergrößern
Mit dem Motto "Sea Rescue is not a Crime" demonstrierte die "Seebrücke Kiel" gegen die Kriminalisierung von Rettungsschiffen.

In Kiel solidarisierte sich am Mittwochabend die junge politische Initiative "Seebrücke Kiel" mit der "Sea-Watch 3". Die Gruppe hatte sich 2018 gegründet, als es darum ging, dass Kiel ein "Sicherer Hafen" wird. Während auf der Kiellinie die Besucher der Kieler Woche fröhlich feierten, schipperten einige Boote der Initiative auf die Förde hinaus und zeigten mit Transparenten und aufgereihten Schwimmwesten am Mast ihre Solidarität mit der "Sea Watch 3".

Weitere Informationen

Bündnis "Sichere Häfen": Bund trägt die Kosten

21.06.2019 14:00 Uhr

Kämen durch das Bündnis "Sichere Häfen" mehr Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein, müssten die Kommunen nur mit geringen Kosten rechnen. Das teilte der Bund mit. mehr

"Die 'Sea-Watch 3' ist unsere Antwort"

25.07.2017 03:00 Uhr

Seenotretter sind zum Spielball der Politik geworden. Auch die Helfer von "Sea-Watch" sehen sich Vorwürfen ausgesetzt. Wie sie darauf reagieren, erzählen sie im Interview mit NDR.de. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.06.2019 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

05:44
Schleswig-Holstein Magazin
01:49
Schleswig-Holstein Magazin
01:28
Schleswig-Holstein Magazin