Stand: 20.12.2018 00:00 Uhr

Die "Gorch Fock" in der Krise - und die Crew?

von Andreas Schmidt

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Kapitän der "Gorch Fock" zu sein bedeutet für Nils Brandt seit drei Jahren statt Seereisen und Prestige vor allem eines: Geduld haben.

An einem sonnigen Dezembermorgen in Bremerhaven. Ein massiger Mann tauscht den Bauhelm gegen die weiße Kommandantenmütze. Kapitän zur See Nils Brandt klettert zwischen Gerüststangen herum, bis er über eine Treppe an Bord der "Gorch Fock" kommt. Viel ist von dem Segelschulschiff nicht zu erkennen. Die neuen Masten sind noch an anderer Stelle eingelagert. Der Rumpf ist im Trockendock verschwunden, dazu noch eng von Gerüsten und Planen umhüllt.

Deck unter den Duschen weggerostet

An Deck kreischen die Winkelschleifer, in den Tiefen bollern die Hammerschläge. Nils Brandt schlüpft durch eine enge Öffnung ins Innere. "Hier ist die Offiziersmesse," sagt er. Rechts sind Löcher in den rohen Schiffbaustahl geschnitten. "Hier kommt der Sanitärbereich hin. Unter den alten Duschen war das Deck weggerostet." Jeden Tag macht Nils Brandt seinen Kontrollgang.

Kommandant der "Gorch Fock" zu sein, das versprach einmal viel Prestige. Mittlerweile verlangt der Job vor allem eins: Geduld. Seit drei Jahren liegt die "Gorch Fock" schon in der Werft. Die Geschichte der Instandsetzung ist ein Albtraum ohne Ende. Nach der Kostenexplosion bei der Sanierung und einem Korruptionsverdacht ist das Schicksal des 1958 gebauten Dreimasters ungewiss.

Maroder Stahl überall

"Am Anfang dachten wir, dass wir nur für eine Standardinstandsetzung in die Werft gehen", sagt Brandt. Doch je tiefer die Schiffbauer vordrangen, um so mehr Schäden hätten sie entdeckt. Maroder Stahl überall, die Hauptmaschine irreparabel, die Masten und Rahen dünngerostet. Schritt für Schritt stiegen die geschätzten Kosten der Reparatur von anfänglich weniger als zehn Millionen auf unglaubliche 135 Millionen Euro. Und jetzt die Korruptionsvorwürfe gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals. Schlimmer hätte es für die Besatzung nicht kommen können.

Rundgang durchs Innere der "Gorch Fock"

Mannschaft wohnt im "Knurrhahn"

"Wir wünschen uns nichts mehr, als mit diesem Schiff wieder zur See zu fahren," sagt Kapitän Brandt. Mittlerweile nähert er sich dem Heck des Schiffes. Hier ist der Wohn- und Arbeitsplatz des Kommandanten. Gegenüber der Salon, in dem die Kommandanten des Segelschulschiffs Staatsgäste in aller Welt empfangen haben. "Zum Glück konnte die Inneneinrichtung ohne größere Schäden ausgebaut werden." Wenn es also weitergeht wie geplant mit der "Gorch Fock", dann wird das gediegene Flair vergangener Tage hier wieder durch die Gänge wehen. Wenn es weitergeht. Über eine Gangway steigt Brandt vom Trockendock über auf die "Knurrhahn". Die "Knurrhahn" ist eine Art schwimmender Wohncontainer, in dem die Besatzung wohnt. Das ist Standard für Werftliegezeiten. Doch die Zeit auf der "Knurrhahn" dauert normalerweise Monate, nicht Jahre.

Noch weniger zu Hause als sonst

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Nur mit viel Phantasie lässt sich erahnen, dass diese rostige Baustelle eigentlich das stolze Segelschulschiff der Bundesmarine ist.

In der Offiziersmesse, einer Art Wohnzimmer, sieht es aus wie auf jedem Schiff der Marine. Ein paar Sitzecken, ein großer Esstisch, ein wenig Behaglichkeit für die Schiffsführung. Der Steward der "Gorch Fock" trägt das Essen auf, wie seit 32 Jahren. Alle hier nennen ihn "Hennes". Eigentlich heißt er Burkhard Kempcke. Er ist durch die ganze Welt gereist. Er ist eine Institution an Bord. Jetzt sitzt er in Bremerhaven fest. "Langsam nervt das", meint er später beim Spülen. "Die Seereisen sind auch lang, fünf, sechs Monate. Aber wenn wir im Hafen liegen, dann sind wir in Kiel und können nach Dienstschluss nach Hause." Jetzt muss er sich jedes Wochenende von seinen beiden kleinen Kindern verabschieden. Es ist schräg. Seit Jahren fährt das Schiff nicht zur See. Aber Hennes ist noch weniger zu Hause als sonst.

Wache schieben vor dem Dock

Nach dem Mittagessen lässt Sarah Schrodt ihre Mannschaft im Flur antreten. Mittagsmusterung. Ihr untersteht die Kombüse und die Schiffsversorgung. "Irgendwelche Punkte für heute Nachmittag?" Niemand hat Punkte. Natürlich geht das normale Geschäft weiter. Der Bäcker backt, der Koch kocht, die einen haben Urlaub, die anderen gehen auf Lehrgänge, manche schieben Wache vor dem Dock und bauen so Überstunden auf, um wegzukommen. "Wir versuchen, ein abwechslungsreiches Programm für die Mannschaft zusammenzustellen", sagt Schrodt. Aber nach drei Jahren werde das immer schwieriger.

Tiefschlag für die Mannschaft

Auf den 60. Geburtstag und die Feier an der Marineschule in Mürwik hatten sich alle gefreut. Die Mannschaft hatte eine eigene Festschrift gestaltet, der Bäcker kiloweise Plätzchen gebacken. Dann kam der Korruptionsverdacht gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals. Für die Mannschaft ist das ein Tiefschlag. Sie wissen, dass das die Debatte über ihr Schiff wieder anheizen wird. Die "Gorch Fock" liegt halbfertig im Dock, die Geburtstagsfeier ist bis auf Weiteres verschoben, die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt. Es ist, als läge ein Fluch auf diesem Schiff.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.12.2018 | 19:30 Uhr

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