Ein Doorsch, Kabeljau (Gadus morhua) im Ozeaneum, Hansestadt Stralsund © picture alliance / imageBROKER Foto: Ingo Schulz

Wie Fischer und Umweltschützer die Dorsch-Fangquote sehen

Stand: 12.10.2021 20:58 Uhr

Fischer dürfen 2022 keinen Dorsch und so gut wie keinen Hering mehr gezielt aus der westlichen Ostsee holen. Fischereibetriebe fürchten um ihre Existenz.

Dorsch und Hering dürfen grundsätzlich nur noch als Beifang in den Netzen landen, beim Hering gibt es noch eine Ausnahme für Fischerboote unter 12 Meter. Schleswig-Holsteins Umwelt- und Landwirtschaftsministerium sieht die deutsche Ostseefischerei vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. "Ich mache mir große Sorgen um unsere Betriebe und ihre Familien im Land", sagte Umweltstaatssekretärin Dorit Kuhnt. Aber: "Das Verbot der gezielten Fischerei ist notwendig, um den Beständen Erholungschancen zu eröffnen", sagte sie.

Geomar: Einschnitte richtig, aber zu spät

Ob die Beschlüsse dafür ausreichen, lässt sich laut Umweltexperten noch nicht abschließend beurteilen. "So wie es jetzt steht können wir nur hoffen, dass der Dorschbestand nicht bereits verloren ist", sagte Rainer Froese, Wissenschaftler vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Die Fangquoten beim westlichen Dorsch so stark zu reduzieren, sei richtig - der Beschluss komme aber zu spät. "Bereits im letzten Jahr war absehbar, dass es nur noch einen Jahrgang von Dorschen gibt anstatt der üblichen zehn bis zwölf." Wäre die Einstellung gezielter Fänge bereits im vergangenen Jahr beschlossen worden, wie vom Geomar und von Kieler Fischern gefordert, gäbe es jetzt eine Millionen mehr Laichdorsche. "Die letzten Dorsche jetzt wegzufangen, ob als Beifang oder sonstwie, das besiegelt das Ende dieses Bestandes", sagte Froese.

Fischereiverband fordert wirtschaftliche Hilfen

Für den Landesfischereiverband ist die Entscheidung der EU-Minister eine Katastrophe. Denn dadurch werde die Luft für viele Fischer im Land dünn. Betriebe seien in ihrer Existenz bedroht - der Verband fordert deshalb zusätzliche wirtschaftliche Hilfen.

"Der Dorsch ist der Brotfisch", sagte Fischer Erik Meyer aus Kalifornien (Kreis Plön), deshalb sei die Entscheidung für die meisten Betriebe schwierig. Der Dorsch sei immer ein durchweg lukrativer Fisch gewesen mit stabilen Preisen auf dem Markt. Für seinen eigenen Betrieb sei das Problem nicht so groß, weil er schon in den vergangenen Jahren fast komplett auf Schollen umgeschwenkt sei - eben wegen der stetigen Senkung der Quote.

Ein Dorsch pro Tag pro Angler

Einschnitte gibt es auch für Freizeit-Fischer: Sie dürfen noch maximal einen Dorsch pro Tag und Angler oder Anglerin aus der Ostsee holen. Außerdem wurde die Schonzeit für Dorsch um 15 Tage verlängert und beginnt nun am 15. Januar und endet am 31. März 2022. "Jetzt müssen alle an einem Strang ziehen", sagte Valeska Diemel, Fischerei-Expertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Auch wenn die Angler nicht diejenigen waren, die den Zusammenbruch maßgeblich verursacht hätten. Aber: "Der westliche Dorsch ist kollabiert und in einem katastrophalen Zustand. Jetzt geht es wirklich darum, diese Art, diesen Bestand zu retten", sagte Diemel.

Runder Tisch soll über Zukunft beraten

Über die Zukunft der Ostseefischerei soll nach Angaben des Umweltministeriums in SH ein Runder Tisch beraten. Das Bundeslandwirtschaftsministerium wolle einen entsprechenden Vorschlag aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern aufgreifen, damit alle Interessengruppen über ein Konzept für die Zukunft sprechen könnten.

Ausnahme für kleine Boote beim Hering

Der Beschluss der EU-Fischereiminister sieht im Detail vor, dass deutsche Fischer Mengen von 435 Tonnen beim westlichen Hering und 104 Tonnen beim westlichen Dorsch aus der Ostsee holen dürfen. Eine Ausnahmeregelung gibt es in dem Beschluss für Fischerboote unter zwölf Meter, die mit "passivem Fanggerät", also etwa Stellnetzen weiterhin gezielt Heringe fischen dürfen, bestätigte eine Sprecherin des Bundesagrarministeriums. Bei Scholle und Sprotte steigen die Fangquoten leicht.

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