Wattenmeer: Neue Heimat für Lebewesen aus aller Welt

Stand: 30.11.2021 09:45 Uhr

Jedes Jahr kommen neue Arten ins Wattenmeer. Meist gelangen sie mit Containerschiffen aus dem Pazifik nach Schleswig-Holstein. Schlecht für heimische Arten ist das nicht zwingend.

von Sven Jachmann

Die Sonne schien und der Himmel war wolkenlos am Vormittag des 3. Juni 2020. "Es war einfach herrlich", erinnert sich Professor Karsten Reise, "das Wasser war schon richtig warm." Der ehemalige Leiter des Alfred-Wegener-Instituts war im Watt vor List auf Sylt unterwegs. Das Meer hatte sich weiter zurückgezogen als sonst, denn der Ostwind hatte das Wasser zusätzlich hinaus gedrückt. Dadurch kommt Karsten Reise bis zu einer Sandbank. Und entdeckt feine, grüne Fäden im Schlamm. "Ich hatte keine Ahnung, was das war."

Schlauchalge breitet sich im Meer aus

Zurück im Alfred-Wegener-Institut untersucht er eine Probe unter dem Mikroskop und findet heraus: Er hat eine Schlauchalge gefunden. Sie kam von Übersee. Das Besondere: Die Alge wächst nicht, weil sie neue Zellen bildet, sondern sie verlängert ihre Zelle. "Ich hatte sie in einer Petrischale auf der Fensterbank und konnte sehen wie schnell sie wächst", erinnert er sich. "Die Alge breitet sich rasenförmig im Meer aus", erklärt er. Ihre dünnen Fäden durchziehen die Sandbank und verwandeln sie in pampiges Schlickwatt. "Das ist ein ziemlicher Hammer", findet der Professor. Die Entdeckung der neuen Art hält er in seinem Notizbuch fest. Das hat er bei Ausflügen im Watt immer dabei. 72 dieser Bücher hat er über die Jahre gesammelt.

Japanischer Beerentang bildet Unterwasserwälder

Professor Karsten Reise © NDR
Professor Karsten Reise führt seit Jahren Buch über die neuen Bewohner des Wattenmeeres.

Die Schlauchalge kam wohl 2018 im Wattenmeer an. Das beweisen Luftaufnahmen von der Sandbank. Die war 2018 noch schön hell, aber danach bekommt sie einen dunklen Schatten. Im September 2020 hat sie sich auf einer Fläche so groß wie zweieinhalb Fußballfelder ausgebreitet. "Sie bildet mehr Schlick, da freuen sich die Würmer. Die können sich dort gut vor den Krebsen verstecken", so Karsten Reise. Neu ist auch der Japanische Beerentang. Die pazifische Algenart nimmt bereits riesige Flächen ein und hat ganze Unterwasserwälder gebildet. Insbesondere auf im Gezeitenbereich tief liegenden Austernriffen. Denn die Algen folgen den Austern, da sie sich auf deren Schalen ansiedeln. "Eine pfiffige Strategie", findet Christian Buschbaum. Auch er forscht am Alfred-Wegener-Institut in List auf Sylt. Der Beerentang kann über vier Meter lang werden. Der Stengel hat eine Sollbruchstelle. Der bricht im Laufe des Sommers ab und dank der Blasen am Tang treiben die Algen im Meer. Das ist eine besondere Ausbreitungsstragie, denn auf den Algen entwickeln sich die Nachkommen, die somit weit verbreitet werden und sich an geeignetem Substrat ansiedeln können.

Neue Arten bieten Schutz für Einheimische

Die Schlauchalge fängt Schwebstoffe ein. Sie wird im Sommer Lebensraum für Wattbodentiere. Auch eine heimische Nacktschneckenart scheint sich wohl zu fühlen. "Sie hat dort schon Eier gelegt, die will also bleiben", hat Karsten Reise festgestellt. Und der Forscher findet noch etwas heraus: Es gibt zwei Schlauchalgen-Arten, eine Sommer- und eine Winteralge. Wenn die Sommeralge im Winter aufhört zu wachsen, wächst die Winteralge dort weiter. Ihre Fäden sind noch feiner. Die Botanische Gesellschaft erklärte den Einwanderer zur Alge des Jahres 2021. Die Kehrseite: Wegen der Alge kann sich der Wattwurm nicht mehr durch den Sand fressen. So wird er stellenweise vertrieben. „Aber das Wattenmeer ist ein robustes System, das wurschtelt sich wieder zurecht", sagt Karsten Reise.

Beerentang übernimmt Aufgabe der Seegraswiesen

Mehrere Manilamuscheln liegen im Sand. © NDR
Auch die Manila-Muschel ist neu im Norden. Sie wurde 2018 im Wattenmeer entdeckt.

Auch die Algenwälder des japanischen Beerentangs bieten Schutz für heimische Arten. Heringe setzen ihren Laich dort ab. Die Große Schlangennadel findet im Beerentang gute Lebensbedingungen. "Wir hatten im Wattenmeer in den 30er Jahren große Seegraswiesen. Die sind aber wegen einer Schleimpilz-Epidemie verschwunden. Der Beerentang hat jetzt die ökologische Funktion der Wiesen übernommen", erklärt Christian Buschbaum. Bootsbesitzer finden die langen Algen manchmal verheddert in ihren Schiffsschrauben, dann fällt der Motor aus. "Das kann die schon mal nerven." Welche Wechselwirkungen genau mit den anderen Lebewesen entstehen, diese Frage soll künftig bearbeitet werden, so Buschbaum. Er hat einen Doktoranden der Uni Bremen auf das Thema angesetzt.

Einwanderer aus Frankreich – die Manila-Muschel

Eine der neuesten Arten im Wattenmeer ist die Manila-Teppichmuschel. Zunächst hat sie sich an der französischen Küste verbreitet, dann kamen ihre Larven nach Amrum und Föhr. Dort wurde sie 2018 entdeckt. Wie werden sich ihre Bestände entwickeln? Wie reagiert sie auf die Konkurrenz, wird sie von heimischen Arten gefressen? Letzteres spielt die größte Rolle. "Bei der Manila-Teppichmuschel wissen wir das alles noch nicht. Wird sie von Vögeln als Nahrungsquelle genutzt, keine Ahnung", so Forscher Christian Buschbaum.

Die Neulinge kommen mit dem Schiff

Die Einwanderer stammen meistens aus dem pazifischen Raum. Dort war es in vielen Gebieten wärmer als hier. Die Nordsee hat sich aber erwärmt. Eine Folge des Klimawandels. "Die Neulinge finden bei uns Voraussetzungen, die ihnen in die Karten spielen", so Christian Buschbaum. Viele kommen mit Containerschiffen aus Asien. Sie stecken im Ballastwasser oder setzen sich an den Rümpfen der Frachter fest, die in Rotterdam, Antwerpen oder Amsterdam anlegen. Dort vermehren sie sich dann. "Die neuen Arten dümpeln erst einmal so vor sich hin, bleiben zunächst unauffällig, um sich dann explosionsartig auszubreiten", hat Forscher Christian Buschbaum beobachtet.

Eine besondere Beziehung: Miesmuscheln und Austern

So war es auch bei der Auster. Die kam in den 80ern nach Sylt, hat sich aber erst in den 2000ern sehr stark ausgebreitet. Zunächst hatten die Forscher Angst um die Miesmuschelbestände. Denn die Larven der Auster setzten sich auf der Miesmuschel fest. Nach einiger Zeit ließen sie aber von ihr ab und setzten sich auf ihresgleichen. Somit hatte die Miesmuschel ihren Feind verloren und sich wieder vermehrt. Heute leben beide Arten nebeneinander. "Die finden sich gegenseitig ganz gut und mögen sich, würde ich mal sagen", lacht Christian Buschbaum. Allerdings finden sich die meisten Miesmuschel tief unten im Austernriff. Die Forscher auf Sylt fanden heraus, dass sie vor ihren Räubern, wie Krebsen, aktiv flüchtet und nach unten wandert. Das können die Miesmuschleln, weil sie einen Fuß haben. Obwohl sich die meiste planktische Nahrung sich in oberen Regionen tummelt. "Das war für uns erstaunlich. Sie gehen einen Kompromiss ein, weniger Nahrung dafür aber besser geschützt."

Integration im Wattenmeer

Pro Jahr finden die Forscher bis zu zwei neue Arten. Einmal im Jahr untersuchen sie Schwimmpontons oder Steganlagen auf Sylt in Hörnum und List aber auch an anderen Orten wie im Büsumer Hafen, in Brunsbüttel am Nord-Ostsee-Kanal und am Jadeweserport. An diesen Standorten machen die Einwanderer als erstes fest. Bisher hätten sie noch keine Art verdrängt. Deshalb mag Christian Buschbaum auch nicht von invasiven Arten sprechen. "Invasiv – damit geht eine Wertung einher, dies ist aber meist schwer abzuschätzen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass im Wattenmeer die Effekte oft sehr vielschichtig sind und da macht eine Einstufung in gut und schlecht gar keinen Sinn. Zudem ist dies auch nur eine menschliche Einordnung, die es in der Natur nicht gibt", begründet er. Stattdessen ginge es im Wattenmeer um Interaktion, um Beziehungsgeflechte zwischen den Arten. "Die Miesmuschel und ihre Interaktion mit den Austern ist ein schöner Beleg dafür." Man darf die Natur eben nicht unterschätzen. Das Wattenmeer hat sich innerhalb von zwei Generationen stark verändert, es ist heute vielseitiger als vor 50 Jahren. Neben heimischen Herz-, Platt- und Miesmuscheln finden sich heute Pazifische Austern, Amerikanische Schwertmuscheln und Pantoffelschnecken. "Das Wattenmeer ist eben ein Immigrationslebensraum", sagen beide Forscher. Ein Raum, in denen die Einwanderer sich gut integrieren.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.11.2021 | 19:30 Uhr

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