Stand: 13.02.2019 22:53 Uhr

Brunsbüttel: Lange Diskussion um flüssiges Gas

Von Nikolai Hotsch

Es geht ruhig los im Elbeforum in Brunsbüttel. Katja Freitag vom potenziellen Betreiberkonsortium des geplanten LNG-Importterminals stellt routiniert das Projekt am Elbufer vor. Das musste sie in den vergangenen Monaten schon oft machen. Diesmal betont sie immer wieder, die Investoren stünden für einen transparenten und offenen Dialog mit den Bürgern. "Wir haben uns für den Standort Brunsbüttel entschieden und fühlen uns der Region verpflichtet", sagt sie. Auch ihren Sitz will die Firma in Kürze von Hamburg nach Brunsbüttel verlegen. Nach ihrem Vortrag gibt es höflichen Applaus von den rund 100 Besuchern der Veranstaltung am Mittwochabend. Liquified Natural Gas (LNG) entsteht, wenn Erdgas auf ungefähr minus 160 Grad Celsius heruntergekühlt wird.

Ungewöhnliche Allianz von Betreiber und Kritikern

Die sogenannte frühzeitige Bürgerbeteiligung ist eine Veranstaltung von Investoren und Kritikern: Die German LNG Terminal GmbH und das Klimabündnis gegen LNG haben gemeinsam in den großen Saal des Elbeforums eingeladen - eine ungewöhnliche Allianz. "Danke, dass sie uns diese Bühne bieten", sagt Andy Gheorghiu von der Organisation Food & Water Europe, den die Gegner des Projektes eingeladen haben. Einige im Saal sehen in der Kooperation einen klugen Schachzug von Katja Freitag und dem Investorenkonsortium. Sie binden die Menschen vor Ort damit früh ein und stellen sich der Diskussion mit ihren Kritikern. Im Rahmen des offiziellen Genehmigungsverfahrens werden amtliche Erörterungstermine mit Bürgerbeteiligung folgen, die ähnlich ablaufen wie die Veranstaltung jetzt im Elbeforum.

"Erdgas ist kein Beitrag zum Klimaschutz"

Bild vergrößern
Mehr als 100 Zuhörer kamen ins Elbeforum, nur wenige beteiligten sich an der Diskussion.

Die Gegner vom Klimabündnis gegen LNG warnen vor dem Import des Flüssigerdgases aus den USA. Bei der Förderung kommen dort umweltschädliche Fracking-Techniken zum Einsatz. Dabei kann auch Erdgas entweichen. Dessen Hauptbestandteil ist Methan - und das ist 25 Mal klimaschädlicher als CO2. Das Klimabündnis bezweifelt auch die Wirtschaftlichkeit des 450-Millionen-Euro Projektes.

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell hält einen von zwei Fachvorträgen an diesem Abend. Er ist Präsident der Organisation "Energy Watch Group" und positioniert sich deutlich gegen LNG als Brückentechnologie. Um den Klimawandel zu stoppen, eigne sich das flüssige Erdgas nicht. Vielmehr sollte aus überschüssigem Windstrom mit dem Verfahren Power-to-Gas Wasserstoff hergestellt werden, findet er.

Wie wirkt LNG auf Klima und Umwelt?

Um diese Frage geht es im Fachvortrag von Sebastian Timmerberg. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Er hat Studien zum Thema LNG ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass langfristige Klimaschutzziele durch den Einsatz von LNG nicht erreichbar seien. "Wahrscheinlich kommt es im Vergleich zur Kohleverstromung zu Einsparungen klimaschädlicher Treibhausgase", sagt Timmerberg. Wie groß die ausfielen, hänge jedoch von vielen Faktoren ab. "Wir wissen es schlichtweg nicht genau. 20 Prozent wären optimistisch." Bei gasbetriebenen Schiffsmotoren würden giftige Stickstoffoxide jedoch um bis zu 70 Prozent reduziert, so Timmerberg.

"Was würden Sie den Kommunalpolitikern raten?“

Entstehen soll das Importterminal für Flüssigerdgas am Rande des größten Industriegebiets Schleswig-Holsteins - zwischen dem Elbehafen und dem Atomkraftwerk Brunsbüttel.

Ein Anwohner sagt, auf die Mitglieder der örtlichen Ratsversammlung käme eine schwierige Entscheidung zu. Was der Wissenschaftler Timmerberg den Kommunalpolitikern wohl empfehlen würde, fragt er. "Es gibt Vor-und Nachteile - aber die Gesamtabwägung kann ich Ihnen leider nicht abnehmen", antwortet der Forscher.

Keine hitzige Diskussion über das ultrakalte Gas

In der offenen Diskussionsrunde geht es um globale Themen, weniger um das Terminal in Brunsbüttel. Wie schreitet der Klimawandel voran? Wie sind die Modelle der Wissenschaft zu bewerten? Wie können die Klimaschutzziele erreicht werden? Wie gelingt die Energiewende? Die Besucher halten sich bei der Diskussion zurück. Weniger als zehn von ihnen melden sich und nutzen die Möglichkeit für den Dialog mit Investoren und Fachleuten. Meistens sprechen die schon bekannten Redner aus den Fachvorträgen. Einige Umweltschützer aus der Region reagieren nach dreieinhalb Stunden resigniert. "Wir können ein solches Terminal nicht verhindern", sagt einer von ihnen. "Das Ding wird gebaut."

Katja Freitag von der Investorengruppe wirkt am Ende zufrieden. Lächelnd steht sie auf und bittet den Moderator auf die kommende Woche hinzuweisen. Dann nämlich folgt die zweite Runde der frühzeitigen Bürgerbeteiligung. Dabei soll es um nautische und technische Sicherheitsfragen gehen.

Weitere Informationen

Flüssiges Erdgas als Umweltretter? Fakten zu LNG

Immer mehr Schiffe werden mit einem Antrieb für flüssiges Erdgas gebaut. So soll das schädliche Schweröl abgelöst werden. Hilft das der Umwelt? Und welche Planungen gibt es im Norden? mehr

67.000 Unterschriften gegen LNG-Terminal

Eine Bürgerinitiative hat Ministerpräsident Günther symbolisch eine Online-Petition mit mehr als 67.000 Unterschriften übergeben. Sie richtet sich gegen ein mögliches LNG-Terminal in Brunsbüttel. mehr

Brunsbüttel, Trump und das geplante LNG-Terminal

Investoren haben am Montag über das geplante Import-Terminal für Flüssigerdgas in Brunsbüttel informiert. Kritiker bezweifeln, dass LNG-Antriebe klimafreundlicher als andere Antriebsarten sind. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.02.2019 | 22:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:31
Schleswig-Holstein Magazin

Fahrfitness-Check für Senioren

Schleswig-Holstein Magazin
05:34
Schleswig-Holstein Magazin
01:00
Schleswig-Holstein 18:00