Vertretungslehrkräfte: Hilfe auf Zeit

Stand: 24.11.2021 05:00 Uhr

Vor allem in ländlichen Regionen ist der Lehrkräftemangel ein Problem. Dort fangen Vertretungslehrkräfte Unterrichtsstunden auf. Doch langfristige Perspektiven gibt es für viele nicht.

von Alexandra Bauer

Es ist keine leichte Aufgabe für Schulleiterin Sabine Timmermann, ihren Unterrichtsplan zu füllen. An der Grundschule Burg (Kreis Dithmarschen) konnte sie in diesem Jahr zwei Planstellen nicht besetzen, weil es keine Bewerbungen gab. Sie sei deshalb auf Vertretungslehrkräfte angewiesen, sagt sie. Mit der Hilfe einer Vertretungslehrerin und vier Studierenden besetzt sie nun ihren Unterrichtsplan. Gemeinsam kann sie mit ihnen über 80 Unterrichtsstunden in der Woche abdecken.

Vertretungslehrkräften fehlen akademische Voraussetzungen

Zwei Frauen führen in einem Büro ein Gespräch. © NDR
An der Grundschule Burg im Kreis Dithmarschen müssen Schulleiterin Sabine Timmermann (r.) und Vertretungslehrerin Maike Böhm (l.) um eine dauerhafte Zusammenarbeit bangen.

Vertretungslehrerin Maike Böhm ist seit Beginn der Pandemie dabei, sie unterrichtet Kunst und zusammen mit einer anderen ausgebildeten Lehrkraft Englisch - allerdings nur auf Zeit. Da ihr Kunst-Studium aus den Niederlanden in Deutschland nur als Bachelor anerkannt wurde, hat sie keine Chance auf einen klassischen Quer- oder Seiteneinstieg ins Schulsystem. Das heißt: Nach ein paar Jahren als Vertretungslehrerin muss sie die Schule wieder verlassen - trotz des großen Lehrerbedarfs im Kreis Dithmarschen.

Vertretungslehrer ohne Perspektive

An den Grundschulen in Schleswig-Holstein hatten im vergangenen Schuljahr knapp zwölf Prozent der Lehrkräfte keine abgeschlossene Lehrerausbildung, heißt es in einem Bericht der Landesregierung. Höher ist der Anteil bei keiner anderen Schulart. Dabei können Vertretungslehrkräfte, wie Maike Böhm, nicht verbeamtet oder entfristet werden und sind laut Landesregierung mit einer "sehr geringen" Stundenzahl beschäftigt.

Doch in der Praxis sieht das anders aus. Eine weitere Vertretungslehrerin, die anonym bleiben will, unterrichtet an einer sogenannten "Brennpunktschule" und erzählt NDR Schleswig-Holstein, dass sie dort als Klassenlehrerin alle Fächer - außer Mathematik - unterrichtet. Insgesamt sind es 24 Stunden in der Woche. Laut ihrer Aussage können dort seit vier Jahren zwei Vollzeitstellen nicht besetzt werden.

Weiterqualifizierung nicht möglich

Vertretungslehrerin Maike Böhm von der Grundschule Burg möchte sich gerne weiterqualifizieren, doch eine Nachqualifizierung ist für sie nicht vorgesehen. Auf Anfrage betont das Bildungsministerium dazu:

"Unser Ziel ist für den regulären Unterricht grundständig ausgebildete Lehrkräfte einzustellen. (...) Sofern Weiterqualifizierungsmaßnahmen nicht mit Lehrkräften vollständig besetzt werden können und es freie Plätze für diese Maßnahme gibt, können schon jetzt Vertretungslehrkräfte an diesen Maßnahmen teilnehmen." Bildungsministerium

So darf Vertretungslehrerin Maike Böhm nun bei einer Englisch-Weiterbildung mitmachen, weil keine reguläre Lehrkraft sich dafür angemeldet hat. Allerdings schließt sie diese nur mit einer Teilnahmebestätigung ab. Die Chance auf eine langfristige Perspektive steigt dadurch für sie nicht - nur die Akzeptanz der Eltern, wenn sie als Vertretungslehrerin Englisch unterrichtet.

Eingearbeitete Vertretungslehrkräfte müssen gehen

Schulleiterin Sabine Timmermann befürchtet, ihre eingearbeitete Vertretungslehrerin nach ein paar Jahren wieder abgeben zu müssen. Dann stünde sie vor einem neuen Problem, denn sie rechnet nicht damit, ihre offenen Planstellen künftig mit regulär ausgebildeten Lehrkräften besetzen zu können. Deswegen wünscht sie sich, dass Vertretungslehrkräfte, die sich in der Praxis bewährt haben, eine Chance bekommen sich weiter zu qualifizieren. So könne man fähige Vertretungslehrkräfte langfristig in den Schuldienst bekommen. Der Lehrerbedarf an Grundschulen wird in den kommenden Jahren zunehmen, weil Schülerzahlen steigen, aber auch weil Lehrer in den Ruhestand gehen - so auch an der Grundschule Burg. Dann dürften nicht nur regulär ausgebildete Lehrkräfte - sondern auch Vertretungslehrkräfte noch dringender gebraucht werden.

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