Stand: 17.04.2019 16:36 Uhr

Veganerin züchtet Schlachtvieh

von Astrid Wulf

Anna Butz macht vieles anders als andere Rinderzüchter, sagt sie. Sie kuschelt ihre Rinder stundenlang, sie füttert sie auch unter anderem mit Brötchen und Äpfeln. Die Tiere verbringen viel Zeit auf den Weiden, zudem lässt sie Kühe und ihre Kälber zusammen leben, statt sie - wie normalerweise üblich - voneinander zu trennen. Ihr Hof soll ein Gegenentwurf zur klassischen Massentierhaltung sein. Sie will, dass es ihre Tiere richtig gut haben - bis zu dem Tag, an dem der Bolzenschuss auf sie wartet. "Ich möchte, dass sie glauben, Menschen seien nett - auch wenn es nicht stimmt", sagt Butz. "Bis es irgendwann 'Klack' macht und dann sind sie weg."

Der letzte Weg der Rinder

Die Tiere sollen es gut haben - bis zum Schluss

Auf ihrem Rinderhof in Tangstedt (Kreis Stormarn) hält sie rund 100 Rinder, darunter auch edle Rassen wie Wagyus und Galloways. Sie dreht ihre tägliche Kontrollrunde, stapft in dicken, schwarzen Stiefeln über die feuchten Wiesen, wirkt dabei drahtig und tough. Ihre dunkelblonden Haare hat sie zu einem Knoten hochgesteckt. Immer wieder kommen Rinder auf die 45-Jährige zu und stoßen sie mit ihren feuchten Schnauzen an. Das Gesicht der Züchterin hellt sich auf. "Na, ihr Mäuse?" sagt sie, rubbelt hingebungsvoll den Rücken einer Kuh. Ihr scheint es zu gefallen, sie streckt den Kopf nach vorne und bleibt ruhig stehen. "Das ist, als wenn man seinen Hund kuschelt oder abends mit der Katze auf dem Sofa sitzt", sagt Butz. "Wenn ich das nicht mache, dann fehlt mir etwas."

Ihr Konzept: Ein Rind muss im Monat sterben, damit es den anderen gut geht

Anakin ist ein riesiger Ochse, ein Angus-Mischling. Anna Butz krault auch ihn ausgiebig. Heute gibt es eine Extra-Portion an Streicheleinheiten - schließlich wird das Rind später geschlachtet. "Der Kloß im Hals ist da", sagt die Züchterin. "Aber das gehört dazu, ihn das nicht großartig spüren zu lassen." Butz ernährt sich vegan und würde das Fleisch ihrer Tiere nie essen, zu jedem einzelnen Tier hat sie eine Bindung. Trotzdem müsse ein Rind im Monat sterben, damit es den anderen gut geht, sagt sie.

Immerhin bekommt sie für ein Kilo Steak aus dem Angus-Rind etwa 39 Euro. Zudem will sie den Beweis liefern, dass Fleischproduktion auch auf ihre Art und Weise möglich ist. "Anakin ist sechs Jahre alt. Das gibt es in der normalen Mast nicht. Die gehen sonst mit 18 bis 24 Monaten zum Schlachter, haben in einer kleinen Box gestanden und den ganzen Tag gefressen." Bisher trägt sich ihre Rinderzucht noch nicht, sagt sie. Nach drei Jahren ist sie bei einer schwarzen Null gelandet - deshalb arbeitet sie noch als Immobilienmaklerin.

Drohung per E-Mail: "Wir wissen, wo du wohnst"

Eine Veganerin, die Rinder züchtet, sie schlachten lässt und ihr Fleisch verkauft - für viele klingt das völlig irre, einige haben damit offensichtlich sogar ein Problem. Anna Butz wurde sogar schon einmal per E-Mail bedroht. Sie vermutet, dass andere, militante Veganer dahintersteckten. "Einmal bin ich tatsächlich zur Polizei gegangen, und die haben gesagt, dass das anzeigenswürdig wäre", sagt sie kopfschüttelnd. Was in der Mail stand, will sie nicht wiederholen: "Ein paar wirklich üble Sätze, inklusive der Ansage: 'Wir wissen ja jetzt, wo du wohnst.'" Anzeige erstattet hat sie allerdings nicht: "Das bringt doch nichts."

Bis zum Bolzenschuss wird gebürstet und gestreichelt

Anakin wird jetzt zum Schlachter gebracht. Butz wirkt angespannt. Sie lockt den Ochsen mit Brötchen auf den Hänger. Nach einer halbstündigen Fahrt steigt sie auf dem Parkplatz des Schlachthofs wieder auf den Anhänger zu ihrem Ochsen, steckt ihm Brötchen ins Maul, bürstet ihn mit einem Striegel, beruhigt ihn - als wäre er ein Rennpferd kurz vor einem wichtigen Turnier. Sie wäre froh, wenn alles schon vorbei wäre, sagt sie. Sie ist nervös. "Nützt ja nichts. Ich bin ihnen ein gutes Leben und einen guten Tod schuldig. Wie es mir dabei geht, ist zweitrangig."

Anna Butz ist bei jeder Schlachtung dabei

Dann wird der Hänger zum Eingang des Schlachthofs gefahren. Butz hilft dem Schlachter, das Seil um Anakins Hals zu legen, lockt den Ochsen mit einem Brötchen in die richtige Position, springt vom Hänger. Dann setzt der Schlachter dem Rind das Bolzenschussgerät auf die Stirn. Es gibt einen Knall, dann sackt das Rind krachend in sich zusammen, zuckt so sehr, dass der Anhänger wackelt. Im Schlachthaus schneidet der Schlachter den Hals auf - literweise Blut läuft in eine Metallschale. Die Reflexe lassen die Beine noch minutenlang zucken. Butz steht daneben, sieht die ganze Zeit genau hin, ihr Gesicht wirkt ausdruckslos. "Das war's", sagt sie irgendwann trocken, verabschiedet sich vom Schlachter und geht zurück zur ihrem Auto.

Künftig sollen die Rinder auf ihrem Hof geschlachtet werden können

Seit rund vier Jahren züchtet Anna Butz Rinder, lässt jeden Monat eines schlachten - trotzdem lässt sie der Gang zum Schlachthof keineswegs kalt. "Es ist immer noch scheiße", sagt sie, schluchzt und lacht entschuldigend. Trotzdem ist sie sich auch an solchen Tagen sicher, das Richtige zu tun. Später wird sie ihre Kunden informieren, dass sie Bestellungen annimmt - und wie immer wird das Fleisch nach etwa einer Stunde ausverkauft sein. In Zukunft will sie ihren Tieren sogar den Weg zum Schlachter ersparen, sagt sie - einen Bauantrag für ein Schlachthaus direkt an ihrem Hof hat sie schon gestellt. "Damit sie einfach nur noch dem Eimer hinterher um irgendeine Ecke biegen müssen - und da erwischt es sie dann."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 19.04.2019 | 21:10 Uhr

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