Zwei Mitarbeiterinnen der DLRG Rettungsstation am Südstrand in Damp halten Ausschau. © NDR Foto: Christopher Gaube

Übermut und andere Probleme: Warum Menschen in SH ertrinken

Stand: 04.08.2022 20:28 Uhr

Allein in diesem Jahr sind bis Anfang August zwölf Menschen in Schleswig-Holstein ertrunken. Selten sind es Kinder. Auf ihrer Pressekonferenz in Damp hat die DLRG auch mit Vorurteilen aufgeräumt.

von Christopher Gaube

Es ist später Vormittag und am Südstrand von Damp (Kreis Rendsburg-Eckernförde) kratzen die Temperaturen bereits an der 30 Grad-Marke. Der Parkplatz ist voll, der Strand ist zu dieser verhältnismäßig frühen Uhrzeit noch voller. Es ist schlechthin einer dieser Sommertage, die die Massen ans Meer, an die Seen und Badeteiche im Land lockt.

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Eine Notrufsäule der DLRG steht an einem Badesee in Moormerland. © dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich

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Vor dem Damper DLRG-Wachturm rennen Kinder durch den Sand, die Möwen schreien, die ersten verkriechen sich unter dem Sonnenschirm. In dieser heiteren Sommer-Atmosphäre gibt es allerdings Tragisches zu besprechen. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) möchte eine Zwischenbilanz des bisherigen Jahres ziehen. Wie viele Menschen sind in den Gewässern des Landes umgekommen? In Schleswig-Holstein sind es bislang zwölf. Einer mehr als bei der Zwischenbilanz im vergangenen Jahr. Zwei der Toten haben ihr Leben in der Ostsee verloren. Das war auch in der Zwischenbilanz 2021 so.

Häufig ertrinken Männer

DLRG-Retter bei einer Übung. © NDR Foto: Christopher Gaube
DLRG-Retter üben den Ernstfall am Strand von Damp,

Trotzdem sei das Meer der vermeintlich sicherste Platz zum Schwimmen, schätzt es Frank Villmow ein, Sprecher des DLRG-Bundesverbandes. "Die Menschen haben vor dem Meer einfach Respekt." Hier überlegten sich viele, wie viel sie sich zutrauen könnten. Bei Binnengewässern sei das oft etwas anderes.

Laut DLRG-Statistik sind es vor allem Männer, die sich überschätzen. Rund Dreiviertel aller Badetoten sind männlich. Villmow meint, dass sie häufig übermütig sind, ihre Schwimmfähigkeiten überschätzen. Nur jeder vierte Mensch, der im Wasser umkommt, ist eine Frau. Ein anderer Fakt überrascht vielleicht etwas mehr. Unter den Todesfällen finden sich eher selten Kinder. "Ertrinken betrifft oft ältere Menschen", sagt Villmow. Und die Statistik gibt ihm recht: Acht der zwölf Badetoten in Schleswig-Holstein waren älter als 50 Jahre.

Trügerische Sicherheit in Seen

"Was wir oft haben sind Erkrankungen, die bei Ertrinkungsunfällen vielleicht mit rein spielen. Denken Sie an einen Herzinfarkt und sie sind im Wasser, dann ist die Situation sehr kritisch", sagt Jochen Möller, Landesverbandspräsident der DLRG in Schleswig-Holstein. Genau solch ein Risiko steigt mit zunehmendem Alter.

Dass so viele Badeunfälle in Binnengewässern und nicht auf dem offenen Meer passieren, liege außerdem daran, dass viele Strände in der Hochsaison überwacht werden. Aber auch bei Seen und Flüssen geht es um Überschätzung: "Dort ist die Wahrnehmung eine andere. Das ist der See, wo gesagt wird: Den kenne ich, da schwimme ich mal eben rüber. Der See ist aber vielleicht 15 Meter tief und hat an einer Stelle kalte Wasserschichten, auf die mein Körper reagiert." Auch dabei können schnell Herz-Kreislauf-Probleme auftreten.

Wegen Corona: Tausende Kinder ohne Schwimmunterricht

Jochen Möller, Landesverbandspräsident DLRG SH. © NDR Foto: Christopher Gaube
Jochen Möller, Landesverbandspräsident DLRG SH, sorgt sich um den Nachwuchs.

Und noch etwas bereitet dem DLRG-Landesverband in Schleswig-Holstein Sorgen. Durch die Corona-Pandemie sind im ganzen Land nahezu alle Schwimmkurse ausgefallen. Die Zahl der Kinder, die nie schwimmen gelernt haben, ist erschreckend hoch. "Wir haben im ersten Corona-Jahr 30.000 Anfängerschwimmplätze verloren - in ganz Schleswig-Holstein. Wenn Sie das zweite Corona-Jahr dazu nehmen kommen sie auf knapp 50.000", sagt Möller.

Auch wenn die Schwimmkurse jetzt wieder aufgenommen werden, gibt es einen Ausbildungsstau. "Das werden wir nur aufholen können, wenn wir jede Wasserfläche, die irgendwo zur Verfügung steht, nutzen." Die Landesregierung habe mit 390.000 Euro Fördergeldern für Schwimmkurse den richtigen Weg eingeschlagen, allerdings mangelt es laut Möller an Wasserflächen, wo der Unterricht auch stattfinden kann. In Schenefeld (Kreis Pinneberg) sei deshalb sogar ein mobiles Schwimmbecken zum Einsatz gekommen. Deshalb - so der DLRG-Landesvorsitzende - seien jetzt die Kommunen und Schwimmbadbetreiber gefragt.

Die DLRG Schleswig-Holstein appelliert auch an die Politik: Für die Ausbildung von Rettungsschwimmern und Anfängern sind die reinen Schwimmbecken der Hallenbäder enorm wichtig. Wegen der Energiekrise sollten diese im kommenden Winter nicht so leichtfertig geschlossen werden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 04.08.2022 | 12:00 Uhr

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