Arbeitsbedingungen: Viele Pflegekräfte können und wollen nicht mehr

Stand: 12.05.2021 18:23 Uhr

Durch den Fachkräftemangel in der Pflege muss viel Arbeit von wenigen Schultern getragen werden. Das macht laut einer Studie viele Pflegekräfte so unzufrieden, dass sie darüber nachdenken, ihren Beruf aufzugeben.

von Julia Schumacher

Es sind die Arbeitsbedingungen, die die Pflegekräfte am meisten belasten: die vielen Überstunden, kein verlässlicher Dienstplan, die ständige Verfügbarkeit. Das antworteten die meisten der 1.900 Pflegekräfte, die an einer Studie im Auftrag der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein zur Arbeitszufriedenheit teilgenommen haben. Eine Pflegekraft beschreibt in ihrer Antwort die Situation so: "Selbst bei Familienfeiern geht das Telefon. Es heißt zwar immer, man kann auch nein sagen, tut man es, wird es jedoch nicht akzeptiert."

"Ich fühle mich wie eine Kriminelle"

Die Arbeitsbedingungen und der Druck führen wiederum zu gesundheitlicher und psychischer Belastung der Pflegekräfte, so das Ergebnis der Studie: Viele fühlen sich ausgenutzt und außerstande, menschenwürdig zu pflegen. "Ich fühle mich oft wie eine Kriminelle, weil ich in diesem System mitmache", schreibt eine Pflegekraft. In einer anderen Antwort heißt es: "Der Arbeitsanfall ist oft zu hoch, sodass es immer schwerer wird, den Patienten gerecht zu werden. Das belastet mich sehr und deshalb ist Ende des Jahres Schluss."

Große Zufriedenheit mit pflegerischer Tätigkeit

"Das Besondere an den Erkenntnissen ist, dass das für die Pflegenden ein hoch emotionales Thema ist und dass wir eben aus den Antworten sehen, wie sehr sich die Pflegenden mit ihrem Beruf identifizieren," sagt Patricia Drube, Präsidentin der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. Das sei zunächst eine positive Botschaft, weil viele Pflegekräfte selbst viel unternehmen, um ihre Arbeit gut zu gestalten.

Mit ihrer professionellen pflegerischen Tätigkeit sind auch laut Studie zwei Drittel der Befragten zufrieden. "Wir entnehmen aber auch, dass ein ganz eklatanter Schwachpunkt in unserem System ist, dass viele Kolleginnen und Kollegen die Berufsausübung nicht mit ihren persönlichen Werten mehr vereinbaren können."

VIDEO: Drube: Es geht vielen psychisch und physisch nicht gut (1 Min)

Mehr als die Hälfte mit Bezahlung unzufrieden

Auf die Frage, was die Pflegekräfte von einem Jobwechsel abhalten könnte, nennen die Befragten bessere Bezahlung sogar erst an vierter Stelle - nach Arbeitsbedingungen, gesundheitlicher Überlastung und Berufsethos. Und das, obwohl mehr als die Hälfte der Befragten mit der Bezahlung unzufrieden sind. "Ich würde auf bessere Bezahlung (zum Teil) verzichten, wenn dafür mehr Pflegefachkräfte eingestellt werden würden," heißt es in einer Antwort. Dreh- und Angelpunkt sind die Bedingungen im Beruf - und dafür muss die Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden können, lautet ein Fazit der Studie.

Kammer hofft auf richtige Anreize

"Um weitere Abgänge von Pflegekräften zu verhindern, muss die Politik jetzt dringend in die Personalausstattung von Krankenhäusern und Pflegeheimen investieren", sagt Pflegeberufekammer-Präsidentin Drube. "Wir brauchen jetzt überall Personalbemessungsverfahren, durch die genau sichtbar wird, wie groß die Lücke ist." Laut Drube muss dann nachgesteuert und die richtigen Anreize gesetzt werden. "Es müsse belohnt werden, wenn Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen Konzepte für bessere Personalausstattung haben und sie das auch refinanziert bekommen. Denn das wird dann Schule machen", meint die Pflegeberufekammer-Präsidentin.

Garg: "Bei Anstrengungen in der Pflege nicht nachlassen"

Vom Ergebnis der Studie insgesamt zeigte sich Garg am Mittwoch nicht überrascht: "Es hat mich eher darin bestärkt, bei den Anstrengungen für die Pflege nicht nachzulassen. Das ist im Übrigen ein Marathon und ein Dauerlauf und nicht ein Sprint, den man mit ein paar kurzen Schlaglichtern erledigen kann." In den nächsten Jahren müsse alles dafür getan werden, dass die Arbeitsbedingungen so ausgestaltet werden, dass im an sich ja schönen Beruf der Pflege die Arbeitsbedingungen wieder stimmen.

Gleiche Bezahlung von Alten- und Krankenpflege

Um wieder mehr Kolleginnen und Kollegen für den Beruf zu begeistern, müsse sich die Bezahlung insgesamt verbessern - und: "Die gleiche Bezahlung von Altenpflege und Krankenpflege. Wenn beide denselben Ausbildungsgang absolvieren für hochanspruchsvolle Berufe, müssen auch beide gleich vergütet werden." Für diesen Punkt setze er sich seit Einführung der generalistischen Pflegeausbildung in Schleswig-Holstein ein, "die wir übrigens mitten in der Pandemie an den Start gebracht haben", so Garg. Krankenpfleger verdienen laut einer Untersuchung im Bundesschnitt 500 bis 600 Euro mehr als Altenpfleger.

1.500 Stellen unbesetzte Stellen in der Pflege

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass nur durch ein besseres Miteinander im Betrieb und durch bessere Arbeitsbedingungen gelingen kann, dass die Pflegekräfte langfristig in ihrem Job bleiben wollen. In einer Antwort einer Pflegekraft steht dazu: "Um die Pflege wieder attraktiv zu machen, bedarf es sofortiges Handeln und sofortiges Umdenken der Personen, die die Zügel in der Hand haben. Schluss damit, rein wirtschaftlich zu denken! Menschenleben sollte mehr Wert sein als Geld!"

Außerdem fordern die Macher der Studie, dass die Politik Bedingungen schafft, um die Arbeit, die gesundheitliche Belastung und die Bezahlung zu verbessern. Damit steht und fällt, ob eine Pflegekraft im Beruf bleibt, so das Fazit. Denn der Verlust weiterer Pflegekräfte würde einen immensen Schaden für das Gesundheitssystem in Schleswig-Holstein bedeuten. Im Jahresdurchschnitt sind in Schleswig-Holstein etwa 1.500 Stellen in der Pflege offen, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Und von denen, die noch da sind, geht in den nächsten 10 bis 15 Jahren fast die Hälfte in Rente.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.05.2021 | 07:00 Uhr

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